Gegen jede Wahrscheinlichkeit

In letzter Sekunde: Ärzteteam im Hildesheimer Helios Klinikum rettet fast erfrorenem Mann das Leben

Hildesheim - Bewusstlos wird ein Mann Anfang 30 auf der Straße gefunden. Sein Herz steht still, seine Körpertemperatur beträgt gerade einmal 24 Grad. Eine erste Reanimation bleibt erfolglos. Wie die Ärzte dennoch sein Leben retteten.

Das Team: Sybille Beitzenkroll, Dr. Claudia Höfer, Dr. Sandra Feldner-Riegert, Svenja Strube, Stella Willemsen und Dr. Christian Theis im Schockraum der Notaufnahme. Foto: Marc Pingel/Helios

Hildesheim - Viel weiß man nicht über den jungen Mann, der vor einigen Tagen in Hildesheim bewusstlos aufgefunden wurde. Sicher ist aber, dass er so stark unterkühlt war, dass er um ein Haar erfroren wäre: Als er mit einem Rettungswagen ins Helios Klinikum gebracht wurde, betrug seine Körpertemperatur nur noch 24 Grad Celsius – unter Experten gilt, dass ab 26 Grad kaum Überlebenschance mehr besteht. Zudem hatte der Mann einen Herzstillstand erlitten. In der Notaufnahme blieben alle Reanimationsversuche erfolglos.

Doch die Ärzte gaben den Patienten nicht auf. Sie forderten umgehend Unterstützung aus der Anästhesie an – in Form einer ECMO zur schnelleren Erwärmung des Körpers. Die Abkürzung steht für extrakorporale Membranoxygenierung: Der Oxygenator übernimmt den Gasaustausch in der Lunge und reichert das Blut mit Sauerstoff an.

Ein künstlicher Kreislauf unterstützt den eigenen

Wichtig war aber vor allem der gleichzeitige Einsatz des ECLS-Verfahrens, das bei Herz-Kreislaufstillstand eingesetzt werden kann, wenn übliche Reanimationsmaßnahmen nicht erfolgreich sind. Dabei wird quasi ein paralleles Kreislaufsystem geschaffen, das den Patientenkreislauf unterstützt. „So konnte der Kreislauf des Patienten nach 20 Minuten wiederhergestellt werden“, so Helios-Sprecher Marc Pingel. „Nach wenigen Tagen auf der Intensivstation zeigte sich, dass der Patient die Klinik ohne bleibende neurologische Schäden verlassen kann.“

Der Mann war gerettet. Nach 20 Minuten lag seine Körpertemperatur bei 28 Grad Celsius, und er konnte erfolgreich reanimiert werden. „Jemanden aus einer solchen Situation zurückholen zu können, ist schon extrem selten“, sagt Dr. Christian Theis, Direktor des Zentrums für Anästhesiologie und kommissarischer Chefarzt des Notfallzentrums am Hildesheimer Helios Klinikum.„Ihn dann auch noch weitestgehend gesund entlassen zu können – das habe ich bisher noch nicht erlebt.“

Sechs bis acht Stunden in eisiger Kälte

Ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. „Es war perfektes Teamwork in Verbindung mit modernster Medizintechnik“, sagt Theis. Er ist sich sicher, dass der Mann Anfang 30 sechs bis acht Stunden in nächtlicher Kälte gelegen haben musste, damit seine Körpertemperatur auf den akut lebensgefährlichen Wert von 24 Grad Celsius sinken konnte.

„Die Situation für Menschen, die Nächte auf der Straße verbringen, kann auch im Frühjahr noch extrem gefährlich sein“, sagt dazu Daniela Knoop, Leiterin der Herberge zur Heimat, einer Unterkunft für wohnungslose Menschen. „Deshalb sammeln wir in jedem Jahr Spenden für warme Schlafsäcke und Decken, um diejenigen zu schützen, die nicht in Unterkünften schlafen oder schlafen wollen.“ Es gebe immer Menschen, die trotz der Angebote in der Stadt und der Arbeit der Streetworker unter dem Radar blieben.

Noch am gleichen Abend wieder 37 Grad Temperatur

Nach der Reanimation wurde der Patient inklusive ECMO auf die Intensivstation verlegt. „Bereits am selben Abend konnte die Maschine bei einer Körpertemperatur von 37 Grad Celsius wieder entfernt und die Arterie operativ verschlossen werden“, berichtet Pingel. Zwei Tage später begannen die Ärzte mit der Beatmungsentwöhnung, kreislaufunterstützende Medikamente wurden abgesetzt.

„In den nachfolgenden klinischen Untersuchungen wurden keine Auffälligkeiten mehr festgestellt. Ein günstiger Faktor war auf jeden Fall, dass der Mann mit Anfang 30 noch recht jung ist“, berichtet der Chefarzt. Man sei sehr stolz im Helios Klinikum, „der Hildesheimer Bevölkerung eine solche Spitzenmedizin anbieten zu können.“

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