Söhlde - Wenn das Leben von Gregor Reulecke einmal verfilmt werden sollte, wird es diese eine Szene geben. Die Szene mit dem Wow-Moment, in dem der Söhlder erkennt: Das ist das Richtige für mich. Der Moment, in dem klar wird, dass er virtuelle Realitäten gestalten will. Der Schauplatz: Reulecke sitzt am Schreibtisch in seiner Einliegerwohnung. Es ist etwas eng – Bett, Sofa, Beistelltischchen alles direkt nebeneinander. Reulecke, Mitte Dreißig, tüftelt hobbymäßig an einer Landschaft herum. Also, einer virtuellen Landschaft. „Im Grunde habe ich nur eine Wiese gebaut“, erinnert er sich.
Auf seinem Bildschirm ist also diese selbst designte Wiese. Er fährt mit der Kamera über die 3D-Landschaft, per Mausklick kann er dabei Bäume, Steine, Sträucher platzieren. Er will das nur mal ausprobieren. Und dann kommt gleich der Moment. Er ist mit seiner digitalen Wiese zufrieden und setzt sich seine Virtual-Reality-Brille auf. Das ist ein Science-Fiction-artiges Gerät, das einen mit Bildschirmen direkt vor den Augen in eine virtuelle Realität bringen soll. Der Clou dabei ist, dass Sensoren die Kopf- und Handbewegungen des Trägers registrieren. Dreht man den Kopf zum Beispiel nach links, schwenkt das Bild auf den Schirmen vor den Augen entsprechend, hebt man die echte Hand, hebt sich auch das virtuelle Pendant – man hat das Gefühl, als würde man sich wirklich in der virtuellen Realität bewegen.
Der Urknall
Dieser kreative Moment – sowas kannte ich nicht
Reulecke hat also die Brille auf, drückt auf „Spielen“ und steht auf einmal auf seiner Wiese. Die Pflanzen, die er eben noch platziert hat, kann er sich jetzt von allen Seiten ansehen, die virtuellen Hände nach ihnen ausstrecken, als stünde er wahrhaftig vor ihnen. „Dieser kreative Moment – sowas kannte ich nicht.“ Ihm ist schnell klar, dass er mehr von diesen kreativen Momenten haben will. Viel mehr.
Das wäre im Gregor-Reulecke-Film also die Szene, die den Urknall zeigt – aber von was eigentlich? Heute, ein paar Jahre später, wohnt Reulecke immer noch in der Einliegerwohnung – die ist inzwischen voll von Virtual-Reality-Brillen verschiedener Hersteller. Der 39-Jährige mittlerweile ein Gewerbe angemeldet und Anfang November sein fünftes Videospiel veröffentlicht. Nach dem Moment auf der Wiese hat er sich selbst beigebracht, komplette Videospiele zu entwickeln. „Ich versuche, mir ein Business aufzubauen.“
Ich habe hier Prototypen liegen, die darf ich noch gar nicht zeigen
Die vielen Brillen braucht er, um seine Spiele für verschiedene Geräte zu optimieren. „Ich habe hier Prototypen liegen, die darf ich noch gar nicht zeigen.“ Auch eine große chinesische Unterhaltungs-Firma hat ihm ihre VR-Brille geschickt, will sein Spiel auf ihrer Plattform haben. „In China leben viele Menschen beengt und haben keinen Platz für große Fernseher. Da greifen viele zu solchen Brillen.“
Und nicht nur in China ist das Interesse an Reuleckes Spielen groß. Seine Titel wurden schon mehr als eine Million Mal heruntergeladen. Als Sony, der Hersteller der Spielekonsole Playstation, Anfang diesen Jahres eine neue VR-Brille auf den Markt brachte, war eines von Reuleckes Spielen als Starttitel mit dabei. Kaum zu glauben, dass Reulecke für sein Ein-Mann-Entwicklerstudio Cactus VR ausschließlich an Wochenenden und nach Feierabend arbeitet. Im Vollzeit-Job ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Fahrzeugtechnik an der Uni Wolfsburg. „Ich erforsche, wie man Sachen mit Hologrammen repariert.“
Über Reisekrankheit, Abzocke und Erfolg
Ob er bei all dem Erfolg eigentlich reich geworden sei? Er winkt ab. „Das neueste Spiel ist das erste, für das ich Geld nehme.“ Diese Neuveröffentlichung – Cactus Cowboy: Desert Warfare – spielt im gleichen Universum wie die Vorgänger. Die Spielerinnen und Spieler schlüpfen in die Rolle eines Kaktus-Soldaten, der mit seinen Kameraden böse Heerscharen von Würmern abschießt. Und im Hintergrund zieht der fiese Endgegner Horst die Fäden. Beim Spielen geht es dann darum, möglichst gut mit den virtuellen Gewehren auf die gegnerischen Würmer zu zielen.
Aber wie schafft Reulecke es, mit seinen Spielen im internationalen Markt sichtbar und erfolgreich zu sein? „Mein Spiel war das einzige kostenlose Einzelspieler-Spiel, das keine Abzocke war“, sagt er mit Blick auf den Start der Playstation VR-Brille. Viele andere angebliche Umsonst-Games würden im Laufe des Spielverlaufs doch Geld verlangen. „Das passt nicht zu meinem ethischen Kompass.“ Bis er mit dem nun veröffentlichen Spiel seinen ersten Bezahl-Titel auf den Markt bringt, wollte er sich sicher sein, dass es das auch wirklich wert ist.
Meine Spiele sind für die Hardcore-Leute
Ihm fällt aber noch ein zweites Stichwort zu seinem Erfolg ein: „Motion Sickness.“ Also Schwindel, Kopfschmerz und Übelkeit bei Bewegungen – auf Deutsch oft Reisekrankheit genannt. Diese Symptome haben viele Menschen beim Tragen von VR-Brillen, wenn die Spiele eher hektisch sind. Um die Zielgruppe nicht abzuschrecken, sind viele VR-Spiele also eher zahm und beugen so der Reisekrankheit vor. Nicht so Reulecke. „Meine Spiele sind für die Hardcore-Leute.“
Diese Hardcore-Sparte sei nicht sehr groß – aber er habe sich dort mittlerweile einen Namen gemacht. Reuleckes Inspiration für die Spielwelt kommt dabei vor allem aus dem Internet und von der Comedy-Serie Southpark. „Ich will absurde Geschichten erzählen.“ Der Ton des Spiels ist ironisch, nichts ist ernst gemeint, über alles wird sich lustig gemacht. So spricht zum Beispiel einer der Kaktus-Kameraden mit der KI-generierten Stimme von Donald Trump. Überhaupt geht es viel um Amerika, etwa um die Obsession mit Waffen, die Reulecke aus eigener Erfahrung kennt. „Ich bin mal nach Kansas ausgewandert, wegen einer Frau.“ Ob er da auch mit echten Gewehren geschossen hat? „Ja, aber das ist nicht meins. Viel zu laut.“
Absurd-trashiges Vergnügen
Und wenn das Leben von Gregor Reulecke wirklich einmal verfilmt werden sollte, wird es auch diese Szene geben: Er läuft zum Briefkasten, zieht die erste Ausgabe des Spielemagazins M!Games nach Veröffentlichung seines ersten kostenpflichtigen Spiels heraus. Er blättert und blättert und tatsächlich: Dort, auf Seite 81, direkt neben dem Konkurrenten einer etablierten Firma, ist der Artikel über sein Desert Warfare. „Absurd-trashiges Vergnügen“, schreibt der Tester und gibt Reuleckes Spiel sogar die bessere Wertung als der Blockbuster-Konkurrenz.

