Kreis Hildesheim - Drei große neue Stromtrassen sollen zusätzlich zu Südlink in den nächsten Jahren durch den Landkreis Hildesheim gebaut werden. Bisher sind sie als Erdkabel vorgesehen – doch die großen Übertragungs-Netzbetreiber wollen erreichen, dass sie wieder Freileitungen bauen dürfen. Dies sei deutlich günstiger, zudem ließen sich Freileitungen schneller bauen. Bundesregierung und Bundestag scheinen offen dafür, das Thema neu zu diskutieren.
Konkret geht es um drei geplante 525-Kilovolt-Gleichstromtrassen, die bis zum Jahr 2037 in Betrieb gehen sollen. Die Bundesnetzagentur hat bereits drei mehrere Kilometer breite Korridore – sogenannte Präferenzräume – festgelegt, innerhalb derer die Netzbetreiber genaue Trassen vorschlagen sollen. Die Trasse OstWestLink von Leer in Richtung Leipzig führt demnach auf jeden Fall quer durch den Nordkreis, der NordWestLink aus dem Raum Cuxhaven nach Baden-Württemberg durch den westlichen und südlichen Landkreis und der SüdOstLink aus dem Raum Lübeck nach Baden-Württemberg durch den Ost- und Südkreis. Da sich die drei Trassen im Raum Hildesheim kreuzen, sollen hier zusätzlich große Schaltanlagen installiert werden.
Erneute Gesetzesänderung?
Jede der drei Trassen soll etwas größer werden als Südlink – und die gleiche Aufgabe erfüllen: Windstrom von der Nordsee nach Süd- und Ostdeutschland zu bringen. Das soll dazu führen, dass Windparks seltener abgeregelt müssen, weil das Netz ihren Strom nicht mehr aufnehmen kann. Denn das verursacht von Jahr zu Jahr steigende Kosten, die sich über die Netzentgelte auch auf den Stromrechnungen der Verbraucher wiederfinden. In diesem Jahr sollen es rund 4 Milliarden Euro werden.
Kosten sind nun auch das zentrale Argument der Netzbetreiber für die Rückkehr zur Freileitung. Erdkabel seien doppelt so teuer und würden unnötige Mehrkosten von rund 20 Milliarden Euro verursachen, erklärte jetzt der Netzbetreiber TransnetBW in Abstimmung mit seinen Partnern Tennet und 50Hertz. Die drei Unternehmen sollen die neuen Trassen gemeinsam realisieren – und werben beim Bundeswirtschaftsministerium für eine erneute Gesetzesänderung.
Weniger Eingriffe in die Natur?
Tatsächlich wurden solche Höchstspannungsleitungen über Jahrzehnte als Freileitungen gebaut. Im Zuge der Südlink-Planung gab es allerdings bundesweit Proteste von Anliegern: Sie forderten Erdkabel, um das Landschaftsbild zu schützen. Die damalige Große Koalition in Berlin folgte diesem Wunsch, um die Akzeptanz für die Leitungsprojekte zu erhöhen. Die zu erwartenden Mehrkosten spielten in der Debatte kaum eine Rolle. Ebenso wenig die Warnungen von Landwirten vor dauerhaften Bodenschäden und Ertragseinbußen durch Erdkabel.
Doch nun trommeln die Netzbetreiber mit diesem Argument für eine erneute Kehrtwende. „Weitere Vorteile wären ein kostengünstigerer Betrieb, weniger Eingriffe in die Natur und nicht zuletzt weniger Engpässe bei Lieferanten und Bauteams“, ergänzt ein Sprecher von TransnetBW.
Das sagt Westphal
Der Hildesheimer Bundestagsabgeordnete Bernd Westphal, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, zeigt sich für einen erneuten Kurswechsel grundsätzlich offen: „Das wird gerade geprüft.“ Mit Blick auf Kosten, Betrieb und Bauzeit hätten Freileitungen Vorteile gegenüber Erdkabeln. Anderseits würden die Masten das Landschaftsbild verändern, und die Leitungen könnten über für die Windkraft benötigte Flächen verlaufen. Eine Anfrage an das Bundeswirtschaftsministerium blieb am Mittwoch zunächst unbeantwortet.
Viel Zeit bis zu einer Entscheidung bleibt nicht. Schon Ende Januar sollen die drei Netzbetreiber Vorschläge für konkrete Trassenverläufe vorlegen – unter der Erdkabel-Prämisse. Sollte es eine Rückkehr zu Freileitungen geben, müsste die Behörde wahrscheinlich neue Präferenzräume festlegen. Ob die dann auch alle im Kreis Hildesheim liegen würden, ist aktuell nicht abzusehen.
Landwirte frohlocken
Sicher ist laut TransnetBW allerdings: Bei Südlink wird es keine Rolle rückwärts geben. Diese große Nord-Süd-Trasse, die ebenfalls durch den Landkreis Hildesheim verläuft, solle auf jeden Fall als Erdkabel verlegt werden. Dagegen wehrt sich nach wie vor ein Zusammenschluss landwirtschaftlicher Grundeigentümer aus dem Südkreis: Der Verein „Kein Starkstrom im Acker“ hofft, auch bei Südlink die Erdverkabelung noch zu stoppen, zur Not auf juristischem Weg.
Bei den drei neuen Stromtrassen hofft der Vorsitzende Thomas Stadler erst recht, dass sich die Netzbetreiber mit ihrem Wunsch nach der Rückkehr zur Freileitung durchsetzen: „Gerade aufgrund des aktuell gewachsenen Bewusstseins über Grenzen der Finanzierbarkeit von Vorhaben und Projekten unserer Gesellschaft sind die infolge der Verlegung und des Betriebs von Erdkabeln zu erwartenden schwerwiegenden Schäden an unseren wertvollen Ackerböden nicht mehr zu rechtfertigen“, sagt er. Darauf habe seine Initiative im Übrigen schon von Anfang an hingewiesen.

