Kreis Hildesheim - Südlink war nur der Anfang: Drei weitere, noch etwas größere 525-Kilovolt-Gleichstromleitungen, die Strom von den Offshore-Windparks in der Nord- und Ostsee nach Süd- und Ostdeutschland transportieren sollen, sollen in den nächsten Jahren entstehen. Und alle drei sollen als mehrere Dutzend Meter breite Erdkabeltrassen durch den Kreis Hildesheim verlaufen, fast jeder Bereich des Kreisgebietes ist potenziell betroffen. Der Landkreis wird damit zum bundesweiten Knotenpunkt für den Transport von Offshore-Windstrom nach Süddeutschland.
Woher kommen die Pläne?
Die Pläne ergeben sich aus dem Bedarf an Stromleitungen, den die Bundesnetzagentur bis Mitte des nächsten Jahrzehnts ermittelt hat. Für die Realisierung haben sich die drei Stromnetz-Betreiber Tennet, TransnetBW und 50Hertz zusammengetan. Sie sollen in den nächsten Wochen konkrete Trassen vorschlagen. Dass diese durch den Landkreis verlaufen werden, ist bereits sicher. Denn die Bundesnetzagentur hat sogenannte Präferenzräume festgelegt, innerhalb derer die Netzbetreiber planen sollen.
Wie kommen die Korridore zustande?
Diese neue Vorgehensweise ist Ausdruck der Beschleunigung von Genehmigungsverfahren, die Bundesregierung und Bundestag gerade im Bereich der Energiewende beschlossen haben. Die sogenannte Bundesfachplanung, in deren Rahmen noch bei Südlink über zwei Jahre hinweg Trassenkorridore definiert wurden, entfällt. Stattdessen hat die Bundesnetzagentur auf Basis bereits bekannter Daten mit Hilfe von Computerprogrammen festgelegt, in welchen Bereichen die neuen Leitungen gebaut werden sollen. Und auch bei der Festlegung der konkreten Trassen herrscht großer Zeitdruck – der damit auch für Kreise, Kommunen, Landwirte and andere Betroffene gilt: Sie müssen sich sehr beeilen, um Anregungen, Hinweise und Bedenken an den Mann zu bringen. Eine detaillierte und interaktive Karte zu allen Trassen mit den exakten Grenzen der Präferenzräume gibt es hier.
Um welche neuen Trassen geht es?
OstWestLink: Soll von der Region Leer ausgehend grob etwas weiter als bis nach Leipzig führen und somit Strom vor allem nach Sachsen und Thüringen transportieren. Die Trasse hierfür soll durch den nördlichen Landkreis verlaufen. Der Präferenzraum erfasst diesen in seiner ganzen Breite nördlich von Hildesheim und reicht grob bis zum Mittellandkanal. Auch die Gemeinde Hohenhameln ist also betroffen. Auf Anweisung der Bundesnetzagentur sollen die drei Netzbetreiber auch eine Variante durch das Leinetal und den Altkreis Alfeld untersuchen, der bei ersten Prüfungen allerdings schlechter Abschnitt.
NordWestLink: Soll aus der Region zwischen Cuxhaven und Bremerhaven nach Baden-Württemberg führen – der Präferenzraum umfasst das gesamte Leinetal und Leinebergland und ist im Norden und Osten im Wesentlichen durch den Hildesheimer Wald begrenzt. In diesem Bereich soll auch die Stromtrasse Südlink gebaut werden. Die Trasse einfach mitzunutzen, ist aber nicht möglich, erklären die Stromnetz-Betreiber: dafür reiche der Platz nicht, zumindest nicht durchgängig.
SüdWestLink: Beginnt grob in der Region zwischen Hamburg und Lübeck und soll in den Landkreis Böblingen (Baden-Württemberg) führen. Der Präferenzraum liegt in der Region im östlichen und südlichen Landkreis Hildesheim und umfasst die Hildesheimer Börde sowie die Gebiete der Städte und Gemeinden Bockenem, Bad Salzdetfurth, Holle, Lamspringe und zum Teil Freden.
Klicken Sie auf die Grafik, um sie in voller Größe zu sehen. Eine interaktive Karte für ganz Deutschland finden Sie hier.
Warum gerade im Raum Hildesheim?
So wie Hannover ein zentrales Autobahn- und Eisenbahn-Drehkreuz in Deutschland ist, soll der Kreis Hildesheim zum Drehkreuz für den Stromtransport werden. Das ergibt sich aus der zentralen Lage des Landkreises. Und offenbar sehen die Geografischen Informationssysteme der Bundesnetzagentur in der Region besonders wenige sogenannte Raumwiderstände – also Gründe, die dringend gegen große Erdkabel-Trassen in der Region sprechen. Das könnten beispielsweise große Seen, Moore oder felsige Böden sein, aber auch wichtige Naturschutzgebiete. Dass es in der Region besonders hochwertige Ackerböden gibt, gewichtet die Behörde offenbar weniger hoch.
Werden die Leitungen verbunden?
Ja, und das ist eine große Neuerung. Bisher haben große Gleichstrom-Verbindungen nur einen Anfangs- und einen Endpunkt. Auch Südlink wird so geplant. Die drei neuen Trassen sollen hingegen durch riesige Schaltanlagen miteinander verbunden werden – und da sich die Leitungen im Kreis Hildesheim kreuzen sollen, sollen auch diese Schaltanlagen in der Region gebaut werden. Damit soll es möglich sein, Strom zum Beispiel von NordWestLink auf OstwestLink umzuleiten und so das Netz weiter zu stabilisieren.
Welche Rolle spielen die Vorhaben für die Energiewende?
Eine ganz entscheidende, betonen die Stromnetz-Betreiber. Als ein großes Problem der aktuellen Stromversorgung in Deutschland betrachten es Experten, dass im Norden oft mehr Windstrom produziert wird, als vor Ort genutzt werden kann – vor allem aber, als nach Bayern und Baden-Württemberg transportiert werden kann, in deren Industriezentren er gebraucht wird. Mit der Folge, dass Windräder im Norden heruntergeregelt und gleichzeitig fossile Kraftwerke im Süden hochgefahren werden müssten, erläutert Alexander Schilling vom Netzbetreiber TransnetBW.
Was hat der Verbraucher davon?
Natürlich kosten auch die neuen Trassen viel Geld, konkrete Summen gibt es allerdings noch nicht. Auf der anderen Seite sollen die zusätzlichen Leitungen aber auch Kosten senken. Nämlich die sogenannten Redispatch-Kosten. Die entstehen immer, wenn die Netzbetreiber in die Stromproduktion eingreifen müssen – zum Beispiel, wenn sie Windräder abregeln, weil deren Strom nicht abtransportiert werden kann. Die Ausgaben hierfür steigen seit Jahren, im Vorjahr lagen sie bundesweit bereits bei 4,2 Milliarden Euro, die auf alle Stromverbraucher umgelegt werden. Mit deutlich mehr Kapazität für den Stromtransport von der Küste in den Süden sollen diese Redispatch-Kosten wieder spürbar sinken.
Wie geht es weiter?
Anhand des laufenden Verfahrens wird deutlich, was der Bund mit „Beschleunigung“ gemeint hat. Wenige Wochen lang können Kommunen, Landwirte und andere „Vertreter öffentlicher Belange“ sich zunächst zu den Präferenzräumen äußern. Bereits Ende Januar sollen die Netzbetreiber der konkrete Trassenverläufe vorschlagen, zu denen dann betroffene Kommunen und Grundeigentümer Stellung beziehen können. Bis zum 30. Juni müssen die Anträge für die Planfeststellung (also die Genehmigungsverfahren) eingereicht sein. 2026 müssen alle Antragsunterlagen bei der Bundesnetzagentur liegen, 2028 will diese die Genehmigungen aussprechen, dann soll auch der Bau der Trassen beginnen. 2037 sollen sie komplett in Betrieb sein.
Klarheit bei Wasserstoff
Die große Wasserstoff-Leitung nach Salzgitter soll kommen, eine Trasse quer durch den ganzen Landkreis Hildesheim hingegen zumindest vorerst nicht. Das geht aus dem Antragsentwurf zum geplanten deutschen „Wasserstoff-Kernnetz“ hervor, den die Vereinigung der Gas-Fernleitungsbetreiber (FNB) jetzt an die Bundesnetzagentur übermittelt hat.
Fester Bestandteil des Konzeptes ist wie erwartet der Bau einer neuen, großen Transportleitung von der Übergabestation Egenstedt südlich von Hildesheim nach Salzgitter. Die Röhre soll 40 bis 60 Zentimeter Durchmesser bekommen, der erste Wasserstoff 2029 oder 2030 fließen. Das Stahlwerk in Salzgitter dürfte einer der größten Abnehmer von grünem Wasserstoff in Deutschland werden. Der Salzgitter-Konzern ist bei der Planung schon weit vorangeschritten und wird von Bund und Land mit Milliardenbeträgen dabei unterstützt.
Über Mehrum nach Salzgitter
Teil der Kernnetz-Planung ist es auch weiterhin, eine bereits bestehende Transportleitung für Erdgas von Hannover nach Egenstedt auf Wasserstoff umzustellen, so dass dann der Wasserstoff durchgehend aus Richtung Küste und an Hannover und Hildesheim vorbei nach Salzgitter fließen kann – vorher aber schon Abzweige von der Pipeline möglich sind. In und um Hildesheim interessieren sich unter anderem der Automobil-Zulieferer KSM Castings und die Alfelder Sappi-Papierfabrik als größte Gasverbraucher der Region sehr für das Wasserstoff-Netz und eventuelle Anschlüsse.
Eine zweite Leitung in Richtung Salzgitter soll nördlich von Hannover von einer bestehenden Pipeline abzweigen und nicht allzu weit an Mehrum vorbei in Richtung Salzgitter geführt werden. Diese Pläne wiederum stoßen beim Kraftwerk Mehrum auf großes Interesse: deren Betreiber plant den Bau eines Gaskraftwerks anstelle des Kohlemeilers – und die neue Anlage, wenn sie denn genehmigt und gebaut wird, soll zumindest langfristig ebenfalls grünen Wasserstoff nutzen.
Vorerst keine West-Ost-Trasse
Zunächst wieder vom Tisch ist die zwischenzeitliche Überlegung, zusätzlich eine Wasserstoff-Leitung von Bielefeld nach Egenstedt zu bauen. Hintergrund dieser Idee war die Erwartung, dass Deutschland viel Wasserstoff aus den Niederlanden importieren würde und dass dafür eine Ost-West-Verbindung hilfreich sei. Im Kernnetz-Antrag kommt diese Trasse aber nicht mehr vor. Was nicht heißt, dass sie nicht langfristig wieder zum Thema werden könnte.

