Kreis Hildesheim - Die Folgen des Klimawandels zeigen sich auch in der Hildesheimer Region immer deutlicher. Im einen Jahr gibt es ein schlimmes Hochwasser, zum Beispiel 2017, im nächsten eine dramatische Dürre, zum Beispiel 2018. Unumkehrbare meteorologische Kipppunkte rücken weltweit näher, die Zeit drängt. So sieht ein neues Klimaschutzgesetz in Niedersachsen vor, dass das Land schon im Jahr 2040 treibhausgasneutral sein soll. Die Landesregierung kann ein solches Ziel freilich nicht einfach mal so eben verordnen, die Arbeit muss an der Basis geleistet werden: in den Städten und Gemeinden, von der Bevölkerung.
Wirklichkeit hat altes Konzept überholt
Als Leitlinie will der Landkreis Hildesheim zusammen mit den Menschen in den 18 Kommunen in den kommenden Monaten ein neues Klimaschutzkonzept erarbeiten. Es soll das bestehende Konzept ersetzen, das mittlerweile ein Jahrzehnt besteht und in dieser Zeit nicht nur vom Klimawandel überholt wurde, sondern auch von den technischen Möglichkeiten des Klimaschutzes. Begleitet wird der Prozess in der nächsten Zeit von den Fachbüros 4K aus Hannover und iE aus Leipzig.
Das Ganze soll nicht in Theorie verharren, sondern greifbar werden. So sammelten rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei einer Auftaktveranstaltung im Kreishaus am Montag bereits erste konkrete Ideen, wie verschiedene Lebensbereiche klimaneutral oder zumindest klimaverträglich gestaltet werden können: die Mobilität, das Wohnen, das Wirtschaften und – besonders vielfältig und komplex – der Alltag (eine Auswahl erster konkreter Ergebnisse dazu finden Sie unten).
Das sind die ersten kleinen Bausteine, die in den kommenden Monaten zu dem Konzept zusammengefügt werden sollen. Das alte umfasst rund 70 Maßnahmen. Martin Komander, der Geschäftsführer der Klimaschutzagentur, nannte als Beispiele den Anstoß zur Gründung dieser Agentur, das Modellprojekt Energie-Flecken Duingen, bei dem es um eine Nahwärmeversorgung geht, oder das Solardachpotenzialkataster, mit dem jeder und jede online prüfen kann, ob die eigenen Dachflächen für Photovoltaik oder Solarthermie geeignet sind. Das neue Konzept soll insgesamt weniger Schlüsselmaßnahmen enthalten, dafür möglichst effektive.
„Eine Riesenherausforderung“
Worauf es im Großen ankommt, beschrieb beim Auftakt Daniel Farnung von der Geschäftsführung der Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen (KEAN): den alten Gebäudebestand durch Sanierungen mindestens auf den Effizienzhaus-Standard 55 bringen, die Mobilität vom Autoverkehr stärker auf ÖPNV, Fahrräder und Sharing-Systeme umstellen, Potenziale erneuerbarer Energie ausschöpfen und die Ver- und Entsorgung optimieren. „Das ist für die Kommunen eine Riesenherausforderung“, räumte Farnung ein, nannte aber auch einige Vorteile, die in der öffentlichen Wahrnehmung nach seiner Meinung noch viel zu kurz kommen: Wer sich mit erneuerbarer Energie versorgt, ist nicht so abhängig von Importen fossiler Energieträger und den damit verbundenen Preisschwankungen. Und: Investitionen in eine bessere Energie-Effizienz zahlen sich oft schon relativ schnell aus. „Das spart auf Dauer Kosten“, betont der Klimaschutzexperte.
8 Tonnen Kohlendioxid-Emissionen pro Kopf im Jahr
In diesem Sinne unterstrich auch Landrat Bernd Lynack, dass es ein „Weiter so nicht geben kann, darf und wird“, dass mit der nötigen Klimawende aber auch Chancen und Verbesserungen der Lebensqualität verbunden seien. Das Klimaschutzkonzept solle eine Art Kompass für den gemeinsamen Weg in eine nachhaltige Zukunft sein. Auf diesem Weg sei es nötig, aufs Tempo zu drücken, ergänzte Agentur-Chef Komander mit einem Hinweis auf einen gewichtigen Wert aus dem alten Klimaschutzkonzept: Jeder Einwohner und jede Einwohnerin des Landkreises Hildesheim ist statistisch pro Jahr für 8 Tonnen Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich. Das soll schnell schrumpfen. Und beim Gestalten der kommunalen Klimawende können in den kommenden Monaten alle Interessierten mitmachen. Über die Möglichkeiten wird die Klimaschutzagentur kontinuierlich informieren.
Erste Ideen zum Klimaschutz im Alltag:
- Kaputte Geräte reparieren (lassen) statt wegwerfen
- Kleidung im regionalen Handel kaufen statt im Internet
- Werkzeuge gemeinsam nutzen, nicht jedes Gerät selbst kaufen
- Unverpackt einkaufen
- Grundstücke entsiegeln und Bäume pflanzen
- Keine Steingärten anlegen
- Persönliche Finanzen sinnvoll anlegen (eher Genossenschaften als überregionale Fonds mit Konzernen)
- Sparen bei Heizung, Licht, Wasser (falls problemlos machbar, auch an dessen Temperatur)
- nur jeden zweiten Tag duschen
- Müll vermeiden und trennen (Kritik an Tonnen-Mindestgrößen)
- Tauschbörsen und -ringe nutzen
- auf die Herkunft von Lebensmitteln achten (Regionalität)
- Lebensmittelverschwendung vermeiden: gezielter einkaufen; das Mindesthaltbarkeitsdatum hinterfragen; ernten, was ohnehin wächst (zum Beispiel an Straßenrändern) und sonst nicht genutzt wird; Foodsharing nutzen
- weniger Weiterverarbeitung von Lebensmitteln, energieneutrale Konservierungsmethoden anwenden
- mehr Bildung und Aufklärung zu klimaschonendem Verhalten
- das Hildesheimer „Klimasparbuch“ nutzen
Erste Vorschläge zum Thema klimagerechtes Wohnen
- Wohnungsbestand besser nutzen (Häuser, die nur von einer Person bewohnt werden), Umnutzung der Wohnfläche fördern (zum Beispiel zwischen den Generationen)
- Alternative Wärmegewinnung oder Fernwärme auch für Altbauten
- Förderung für Altbausanierung verbessern, einschließlich Beratung
- Neue Wohnformen stärker etablieren, besonders auch für Ältere
- Biotope im städtischen Raum fördern, Klimakorridore und Frischluftschneisen schaffen
- Innenentwicklung vor Außenentwicklung
- Mehr Kapazitäten für Energieberatung schaffen
- Quartierskonzepte für kleine Dörfer
- Bebauungspläne überprüfen und anpassen
- klimafreundliche Bauleitplanung
- Mietwohnungen mit Balkonkraftwerken ausstatten
- Dorfschulen wieder öffnen
- Nachhaltigere Bauwirtschaft in kommunalen Wohnungsbaugesellschaften
Erste Überlegungen zu einer anderen, klimaschonenden Mobilität
- Elektroautos: Mehr Ladesäulen, flächendeckendes E-Car-Sharing; Ausbau der E-Mobilität bei Dienstfahrten
- mehr Geschwindigkeitsbeschränkungen in den Kommunen, Anordnen von Tempo 30 erleichtern
- autofreie Innenstädte
- Schwerlastverkehr reduzieren
- Bike-Leasing in Unternehmen ausbauen
- Lastenräder flächendeckend verleihen, öffentliche Zuschüsse
- alle Dörfer an das Busnetz anschließen, Taktung verbessern, stärker auf Sammeltaxis setzen
- Mitnahme von Fahrrädern in Bussen erleichtern
- 49-Euro-Ticket verstetigen zu einem Preis, den sich jeder und jede leisten kann
- Infrastruktur der Radwege in allen Kommunen ausbauen, bestehende Wege einschließlich Beschilderung verbessern
- Lokale Radkonzepte und -routen verknüpfen
- Stillgelegte Bahnstrecken reaktivieren
- Intelligente Ampelschaltungen
- Schnellradwege anlegen, abschließbare Fahrradanlagen

