Tanzen mit Maske?

Konzerte, Diskos, Feiern: Wie geplante Corona-Lockerungen in Hildesheim ankommen

Hildesheim - Die Veranstaltungsbranche leidet extrem unter den Pandemie-Folgen. Das Land will die Beschränkungen lockern – doch Hildesheimer Unternehmer sehen keinen Grund zum Feiern.

Bis die Veranstalter die Regler mal wieder voll aufdrehen können, wird es wohl noch lange dauern. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Viele Unternehmen leiden unter der Corona-Pandemie und den wirtschaftlichen Auswirkungen – und kaum ein Bereich ist so sehr betroffen wie die Veranstaltungs- und Unterhaltungsbranche. Abgesagte Konzerte, Lesungen und Shows, geschlossene Diskotheken und Clubs und die Ungewissheit, wann so etwas wie Normalität zurückkehrt, treibt viele Veranstalter und Dienstleister nahe an die Verzweiflung, im Ernstfall in den Ruin.

Da müsste die Ankündigung der Landesregierung, zum 1. Oktober die bestehenden Beschränkungen zu lockern, doch für Erleichterung und Zuversicht sorgen. Könnte man jedenfalls spontan denken. Doch wer sich in Stadt und Landkreis Hildesheim bei Betroffenen umhört, merkt nichts von Aufbruchsstimmung.

Einschränkungen noch zu weitreichend?

Matthias Mehler zum Beispiel, Chef der Werftengruppe und der Halle 39, freut sich zwar über „das positive Signal aus Hannover“ an seine Branche. Doch er sagt auch: „Ich glaube nicht, dass sich dadurch jetzt entscheidend etwas ändert.“ Er verweist auf die trotz Lockerungen weiterhin geltenden weitreichenden Einschränkungen. Allein schon wegen des Vorbehalts, dass je nach Entwicklung der Infektionszahlen bereits genehmigte Veranstaltungen mit mehr als 500 Personen wieder abgesagt werden könnten. Und angesichts des üblicherweise monatelangen Vorlaufs für Buchung und Organisation von Konzerten und anderen Events, ist Mehler überzeugt: Die Lockerungen werden nicht dazu führen, dass auch nur eine zusätzliche Großveranstaltung stattfinden wird – zumal die neuen Vorgaben des Landes auch erst einmal nur bis zum Jahresende gelten sollen. Mehler hat nach eigenen Angaben derzeit Anfragen von Veranstaltern für die Halle 39, die sich frühestens auf den Herbst 2021 beziehen. Die Absagen betreffen so gut wie alle Buchungen bis zum Sommer des kommenden Jahres.

Maike Peters ist genauso ernüchtert von der derzeitigen Situation – und auch nach der Ankündigung des Landes nicht positiver gestimmt. Mit ihrem Mann Maick führt sie das Unternehmen Audio Coop mit Sitz in Emmerke. Sie und ihr Team sind als Rundumdienstleister von Licht bis Ton sonst unter anderem bei der Jazztime im Einsatz. In diesem Jahr ist der Kalender mit anstehenden Terminen so leer wie noch nie. „Was fehlt, auch nach diesen angekündigten Lockerungen, ist Planungssicherheit“, klagt Peters. Die weiterhin gültigen Beschränkungen und die Ungewissheit, ob denn tatsächlich eine Veranstaltung stattfinden kann, werde Veranstalter weiter davon abhalten, aktiv zu werden und finanzielle Risiken einzugehen – und wer nicht veranstaltet, braucht auch keinen Dienstleister wie Audio Coop.

Ist die Angst vor Menschenmengen zu groß?

Maike Peters ist zudem überzeugt: Viele Menschen haben auch noch zu viel Angst vor großen Menschenmengen und würden deswegen auch gar nicht unbedingt zu Hallen-Events kommen, wenn die stattfänden.

Mit den Menschenmengen ist das auch in anderer Hinsicht so eine Sache. Das Land will ab 1. Oktober auch Veranstaltungen mit mehr als 500 Teilnehmern in geschlossenen Räumen genehmigen. Doch Matthias Mehler dürfte in die Halle 39 trotzdem nicht die theoretisch mögliche Zahl von 2500 Plätzen besetzen – denn es gilt die Einschränkung: Nur 30 Prozent der Kapazität einer Halle darf genutzt werden, also dürften nur 750 Besucher in die Halle 39. „Die Fixkosten wären aber genauso hoch wie bei einer komplett genutzten Kapazität“, sagt Mehler. Bei den Personalkosten müsse man eventuell sogar noch mehr ansetzen, weil Sicherheitsmitarbeiter die Einhaltung von Hygienevorschriften überwachen müssten.

Die möglichen Einnahmen hingegen werden auch durch eine gerade für Abendveranstaltungen entscheidende Regel beschränkt: Ab 18 Uhr soll in Sälen und Hallen ein Alkoholverbot gelten.

„Ich hätte auch keinen Bock, mit Maske zu tanzen“

Auch an die Diskotheken hat das Land bei ihrem Lockerungsplan gedacht. Doch ob das tatsächlich die Feierlaune der Menschen hebt. Maike Peters glaubt nicht daran. „Ich hätte auch keinen Bock, mit Maske zu tanzen.“ Denn in der Tat soll für Diskos gelten: Sie dürften wieder öffnen und zunächst 30 Prozent der möglichen Gästezahl einlassen, beim Tanzen gilt aber eine strenge Pflicht zum Tragen eines Nase-Mund-Schutzes.

Stefan Wehner, Geschäftsführer der Kulturfabrik Löseke, hat sich noch nicht mit allen Details der Landes-Ideen beschäftigt – doch das, was er weiß, reicht ihm schon, um zu sagen: „Wir werden jetzt keine Hauruck-Aktion starten, um jetzt schnell Diskonächte zu veranstalten.“ Auch er verweist auf die Kosten für Veranstaltungen, „die gleich hoch sein, egal ob 200 oder nur 30 Leute kommen“. Bei aber deutlich geringeren Einnahmen wäre es abwegig, dann solche Veranstaltungen durchziehen zu wollen.

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