Industriegeschichte

Das Kraftwerk Mehrum verschwindet allmählich – die nächsten Schritte des Abrisses

Mehrum - 200.000 Tonnen Beton und Stahl werden am Ende übrigbleiben: Bis 2027 soll der Abriss des früheren Kraftwerks Mehrum abgeschlossen sein. Vorher sind noch gewaltige Sprengungen vorgesehen. Für die Zukunft gibt es einen konkreten Plan. (mit Video)

Wie Gerippe sehen die Gebäude auf dem ehemaligen Kraftwerksgelände aus. Foto: Chris Gossmann

Mehrum - Schon aus der Ferne bietet sich ein ungewohnter Anblick. Das Kesselhaus des früheren Steinkohle-Kraftwerks Mehrums sieht wie ein Gerippe aus. Die Fassade ist weitgehend abgetragen, auch andere Gebäude wirken wie Skelette. Der Abriss der Großanlage geht planmäßig voran. Wer sie betritt, steht in einer Trümmerlandschaft. An vielen Stellen türmt sich der Schutt auf. 200.000 Tonnen Beton und Stahl werden am Ende der Aktion im Jahr 2027 übrigbleiben. „Der Stahl und der Beton werden wiederverwertet. Letzterer zum Beispiel beim Straßenbau“, sagt Torsten Habekost. Er ist der Projektleiter des millionenschweren Rückbaus der Anlage. Im intakten Zustand hat sie von 1979 bis 2024 das Landschaftsbild geprägt.

Im vergangenen Oktober sind die beiden Aschesilos des Werks gesprengt worden. Und im April dieses Jahres hat Sprengmeister Eduard Reisch den Kühlturm mit 150 Kilo Sprengstoff dem Erdboden gleichgemacht. Der Experte aus Bayern wird auch im kommenden Frühjahr wieder am Werk sein, dann soll das 130 Meter hohe und 3000 Quadratmeter große Kesselhaus verschwinden – das größte seiner Art in Europa. Ebenfalls eine spektakuläre Aktion. Weiterer Kraftakt ist es, zum Jahresende 2026 den 250 Meter hohen Schornstein zu Boden zu bringen. „Er wird wie ein Zollstock zusammen knicken“, sagt Habekost, einer der letzten acht Beschäftigten des Kraftwerks, wo einst 120 Menschen arbeiteten.

Dass ihr alter Arbeitsplatz nach und nach von der Bildfläche verschwindet, lässt viele ehemalige Beschäftigte nicht kalt. „Das geht denen an die Nieren“, berichtet Habekost. „Wir haben hier öfter Besuch von Ehemaligen, die hier 40 Jahre gearbeitet haben. Und andere wollen den Abriss nicht mitansehen“, fügt der 56-Jährige hinzu. Für den Mehrumer dagegen ist der Rückbau längst zur Routine geworden, er sieht die ganze Aktion gelassen.

Schaulustige mit Ferngläsern

Diese beobachten manche in Mehrum von ihren Balkonen aus per Fernglas – wenn etwa Arbeiter vom 60-köpfigen Team des Abbruchunternehmens Freimuth die Fassaden weiter abtragen, erzählt Habekost. Sie tragen Masken sowie Schutzanzüge und werden in Fahrkörben in die Höhe gehievt, damit sie die Fassadenteile entfernen können. „Das ist harte Arbeit“, sagt der Projektleiter.

Es geht sichtlich voran am Rande von Mehrum. Auch das ehemalige Bürogebäude, in dem früher 30 Menschen arbeiteten, ist bereits komplett entkernt, zwei Lagergebäude sind ebenfalls schon abgerissen.

Doch weiterhin reckt sich der schmale Schornstein in den Himmel und das Kesselhaus steht immer noch. „Das haben wir Technik-Kathedrale genannt“, erzählt Habekost. Vergangenheit. Aber auch die Industrieruine ist in diesen Tagen durchaus imposant.

Derzeit rollen dort die Bagger mit ihren schnabelartigen Scheren, um die Beton- und Stahltrümmer zu zerteilen. Vögel umschwirren das Kesselhaus, vom ehemaligen Kühlturm nebenan sind nur noch wenige Überreste zu sehen. Videokameras haben diese im Visier, auch ein Sicherheitsdienst ist im Einsatz. Denn ungebetene Gäste haben sich schon öfter auf dem Gelände herumgetrieben. Souvenirjäger und Kupferdiebe, die in den Trümmern nach dem Edelmetall suchen. „Doch das Kupfer ist jetzt weg“, so Habekost mit Blick auf das weite Areal.

Das neue Großprojekt

Dieses soll nicht zur Brachfläche werden. Geplant ist ein Gaskraftwerk, das ähnlich wie in früheren Zeiten die Region mit Strom versorgen könnte. Mehr als 210.000 Haushalte wären dies, erklärt Habekost. Jedoch ist darüber noch nicht das letzte Wort gesprochen, die Bundesnetzagentur wird entscheiden, ob Mehrum ein Gaswerk bekommt. Wann dieses Projekt umgesetzt werden könnte, ist bislang offen.

 

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