Mehrum - Ein Spreng-Team hat am Samstagvormittag den 130 Meter hohen Kühlturm des Kraftwerks Mehrum zum Einsturz gebracht. Damit verschwand ein weiterer Teil einer Landmarke der Region Hildesheim. Um Punkt 11 Uhr sackte der Turm mit einer Masse von 12.000 Tonnen Stahlbeton wie geplant in sich zusammen. Zu sehen war nur noch eine kleinere Rauchwolke. Geradezu mit dem Skalpell herausgeschnitten aus dem Gesamtbild der Anlage, so sieht es jetzt für Beobachter aus. Die Erschütterung war weit noch über Mehrum hinaus in der Region zu spüren.
Etliche Schaulustige sehen die aufsehenerregende und minutiös geplante Aktion – und klatschen Beifall. Die seit vergangenem Jahr ausrangierte Industrieanlage wird nach und nach abgetragen. Dabei sind Spezialisten am Werk.
150 Kilogramm Sprengstoff
Und zwar vor allem Sprengmeister Eduard Reisch aus Bayern, schon seit 40 Jahren als Profi-Zerstörer für Abrissprojekte in Deutschland unterwegs, hat ganze Arbeit geleistet. Seine achtköpfige Truppe bringt den Kühlturm wie geplant in Sekundenschnelle zu Boden.
Die Sprengung werde „in gewohnter Manier“ ablaufen, hatte der Sprengmeister kurz vorher noch gesagt. Am Ende ist der 63-Jährige vollauf zufrieden. Und die Anspannung zuvor? Nein, die sei eigentlich nicht da gewesen. „Ich habe einen Ruhepuls von 55. Das war auch bei der Sprengung nicht viel mehr.“ Was er nun fühle, sei eher Hunger. „Die Wurscht riecht so gut“, sagt der Bayer in seinem unverkennbaren Dialekt und hat schon den dampfenden Stand im Visier. Doch ein bisschen Zeit fürs Interview nimmt er sich noch. Für ihn war’s nach sechsmonatiger Planung eine „Bilderbuch-Sprengung“, ein „filigranes Meisterstück, ein hundertprozentiger Erfolg, weil alle an einem Strang zogen“, schwärmt er. Und ja, jetzt darf es auch ein Pils geben.
Die Aktion, symbolisch behütet von Schutzpatronin Barbara, die Reischs Frau und Kollegin Elena (54) in einer Box bei sich hatte, gelang offenbar mustergültig, weil zuvor Löcher in den Fuß des Bauwerks gebohrt wurden. In diese versenkten die Fachleute 150 Kilogramm Sprengstoff. Damit der Turm in sich zusammensackt – und das Material der 16 Zentimeter dicken Außenwand innerhalb des Fundaments des Bauwerks mit einem Durchmesser von 91 Metern landet und nicht in alle Richtungen geschleudert wird. Das Material soll beseitigt und etwa als Straßen-Tragschicht wieder verwendet werden.
Gemischte Gefühle im Publikum
250 geladene Gäste verfolgen in strahlender Sonne die Sprengung. Sie stehen auf einer mit Gänseblümchen bedeckten Wiese, etwa 250 Meter vom Kraftwerk entfernt. Eine der Besucherinnen ist die ehemalige Kraftwerk-Mitarbeiterin Karin Zindler. Sie verfolgt das Ereignis mit Wehmut: „Mir werden gleich die Tränen kommen“, sagt sie zum ehemaligen Werksleiter Bernhard Michels, der ebenfalls zu den Zeugen der Sprengung gehörte. Dieses Erlebnis sei für sie ein tiefer Einschnitt, so Zindler, die früher als Sekretärin gearbeitet und auch Tausende Besucher durch das Werk geführt hat. Den ehemaligen Werksleiter berührt die Sprengung nach eigenen Worten hingegen nicht. Aber er freut sich, ehemalige Beschäftigte der Anlage zu treffen.
Auch der Hohenhamelner Gemeindebürgermeister Uwe Semper (SPD) zählt zu der Besucherschar. „Das Alte muss dem Neuen weichen. Das hier ist ein Stück der Geschichte der Gemeinde“, sagt Semper mit Blick auf die Pläne des Baus eines großen Gaskraftwerks an der Stelle der ehemaligen Anlage. Dass diese Stück für Stück gesprengt oder abgerissen wird, berührt ihn nach eigenen Worten nicht emotional. Gemischte Gefühle im Publikum also, das gebannt auf den Knall wartet.
Darunter auch eine Familie mit drei kleinen Söhnen, die aus dem Raum Cuxhaven angereist war. „Wir sind schon um vier Uhr aufgestanden. Die Kinder hatten große Vorfreude“, so Kerstin Buck, die für das Abbruchunternehmen arbeitet, das die Sprengung organisiert und mit Reischs Team kooperiert. Aus der Ferne hört man, wie Reisch den Countdown herunterzählt. Und dann, Punkt 11 Uhr knallt es. Die Erde vibriert und der Turm rauscht zu Boden. Die Trümmer fallen wie vorgesehen in das mit Wasser gefüllte Fundament des Gebäudes.
Abriss geht nächstes Jahr weiter
Eine erste Sprengung gab es in Mehrum bereits Ende Oktober vergangenen Jahres. Seinerzeit hatten Fachleute zwei jeweils 70 Meter hohe Silos zum Einsturz gebracht und dafür 350 Kilogramm Sprengstoff aufgewandt. Der Abriss des Kühlturms sei nun „der nächste Step“ der großen Abrissaktion, so Reisch, der seit einer Sprengung 1995 in Andechs, die man für einen Meteoriteneinschlag hielt, auch „Krater-Edi“ genannt wird.
Und nächstes Jahr ist der Mann, der, wie er sagt, aus Leidenschaft als Sprengmeister seit 40 Jahren international auf Achse ist, in Mehrum wieder am Drücker. In einem nächsten, nicht weniger spektakulären Schritt wird im Herbst 2026 der Schornstein der Anlage verschwinden – so der Plan der Betreiber. Der Schlot ragt sogar 250 Meter empor. Jedoch muss auch dafür erneut ein individuelles Sprengkonzept erarbeitet werden. Der Abriss des ebenso wie der Kühlturm 130 Meter hohen Kesselhauses ist bereits für den Sommer nächsten Jahres vorgesehen. Voraussichtlich im Frühjahr 2027 soll der gesamte Abriss des Kraftwerkes abgeschlossen sein.
Im Zuge der Energiekrise 2022 war das stillgelegte Mehrumer Kohlekraftwerk so wie auch weitere Steinkohlekraftwerke in Deutschland wieder in Betrieb genommen worden, um die Energieversorgung zu unterstützen. Im März 2024 wurde die Mitte der 1970er-Jahre errichtete Anlage dann endgültig abgeschaltet. Die Betreiber planen den Bau eines riesigen Gaskraftwerks. Durch den Regierungswechsel in Berlin lassen allerdings die dafür nötigen Vorgaben des Bundes auf sich warten.



