Mehrum - Ein leichter Wind streicht über das Gelände des ehemaligen Kraftwerks, man hört einige Vögel, von weitem sind ein paar Arbeiter zu sehen. Ein Bagger zerteilt nach und nach Schutt: Noch vor wenigen Wochen wurde hier auf dem Areal in Mehrum der 130 Meter hohe Kühlturm gesprengt. Etwa ein halbes Jahr zuvor hatte ein Team die beiden 70-Meter-Silos dem Erdboden gleichgemacht. Beides aufsehenerregende Aktionen, sicht- und hörbar in weiten Teilen der Region. Zurück bleiben bis heute rund 24.000 Tonnen Stahlbeton und weitere Überreste. Aber was geschieht mit diesen Unmengen von Material?
„Der Benton wird recycelt. Und dient dann als Untergrund beim Bau von Straßen und Häusern“, erklärt Torsten Habekost, Projektleiter Stilllegung und Abbau beim Kraftwerk, mit Blick auf das, was vom einzigen Kühlturm noch übrig ist. Ein düsteres Gerippe. Am Boden erstreckt sich der Trümmerteppich.
Abbruchmaterial wird entsorgt oder recycelt
Der gesamte Abfall wird zur Wiederverwertung aufbereitet oder fachgerecht beseitigt, berichtet Habekost. Rund ein Vierteljahr wird es voraussichtlich dauern, bis unter Einsatz eines 140 Tonnen schweren Baggers, weiterer kleinerer Maschinen und einer speziellen Zerkleinerungsanlage alles für die Entsorgung säuberlich zerteilt ist oder als Baustoff dient. Rund 960-Lastwagen-Ladungen sollen mit 25-Tonnern auf die Reise geschickt werden, erläutert Habekost. Eine Aktion in einer gewaltigen Größenordnung – typisch für das, was in Mehrum noch alles geplant ist.
Und wie geht es dort genau weiter? Gesprengt werden soll im kommenden Sommer das 130 Meter hohe Kesselhaus. „Das ist ,Königsklasse’“, betont Habekost. „Königsklasse“ ist ein typischer Ausdruck von Sprengmeister Eduard Reisch, der mit seinem Team die Kolosse in Mehrum nach minutiösen Plänen plattmacht.
Das Kesselhaus ist ein besonderer Kraftakt für den Berufs-Zerstörer, gehört es doch zu den größten dieser Art in Europa, berichtet Habekost. Der Mann aus Mehrum, einer der letzten verbliebenen acht von zuvor 140 Beschäftigten im früheren Kraftwerk, kümmert sich jetzt schon seit gut fünf Jahren um den Abriss der Anlage.
Noch sind zumindest Teile der Landmarke zu sehen
Was von ihr noch zu sehen ist, bleibt zumindest noch einige Zeit eine Landmarke der Region. Die soll in weiterer Präzisionsarbeit bis zum Jahr 2027 zerlegt und beseitigt werden. Übrig bleiben wird ein Büro- und ein Lagergebäude.
„Das sind sozusagen chirurgische Schnitte hier“, schildert der 56-Jährige die einzelnen Aktionen des Abbruchunternehmens Freimuth aus Cuxhaven, eines der zehn größten dieser Art in Europa.
„Kater-Edi“ soll wieder her
Und in dieser Liga braucht es einen Eduard Reisch, genannt „Krater-Edi“, der seit 40 Jahren international im Geschäft ist und zahllose ausgediente Industriegebäude, Brücken und Türme gesprengt hat. Den höchsten Brocken hat der Bayer in Mehrum noch vor sich – dies ist der 250 Meter hohe Kamin. Der soll im Herbst 2026 zusammensacken.
Habekost hat keinen Zweifel, dass Reisch dies wieder reibungslos gelingt. „Allein schon beim Kühlturm sind mehr als 90 Prozent der Trümmer planmäßig in den Fuß des Turms gestürzt.“ Maßarbeit, die den Projektleiter ins Schwärmen bringt. „Besser geht’s nicht“, entfährt es ihm bei einem Rundgang über das Gelände.
Weitere Riesen sollen hier also noch zu Boden gehen. Dies wird zuvor genau berechnet. Statiker einer Spezialfirma nehmen die Unterlagen des Kraftwerks genau unter die Lupe, damit es bei den Sprengungen keine bösen Überraschungen gibt, Trümmer nicht unkontrolliert durch die Luft fliegen. „Wir haben den Statikern schon einen Kleintransporter voller Unterlagen geschickt“, sagt Habekost.
Er macht einen entspannten Eindruck, wenn er davon berichtet, wie sein Arbeitsplatz Schritt für Schritt verschwindet. Der 56-Jährige war Kraftwerksmeister und macht nun auch seinen neue Job routiniert. Große Emotionen dabei? Da winkt der Mehrumer ab. Weil er weiß, dass seit März 2024, als das Kraftwerk vom Netz genommen wurde, eine Ära vorbei war, wie er sagt. „Alles hat ein Ende.“
Die letzten Betongiganten müssen weg
Für Habekost gilt jetzt: Nach der Sprengung ist vor der Sprengung. Und dann sind da noch die Pläne eines riesigen Gaskraftwerks auf dem Mehrumer Gelände. Doch erst mal müssen die letzten Betongiganten weg.


