Hannover/Kreis Hildesheim - Der Landkreis Hildesheim muss in den nächsten Jahren deutlich weniger Fläche für Windparks bereitstellen als im Vorfeld erwartet. Das geht aus einer Übersicht hervor, die das niedersächsische Umweltministerium am Montagnachmittag präsentiert hat. Demnach muss der Kreis bis zum Jahr 2026 genau 1,27 Prozent seiner Fläche für Windkraft ausweisen, bereits bestehende Flächen werden angerechnet. Die Landkreise können zu den Werten noch Stellungnahmen abgeben, dann sollen diese in ein Landesgesetz fließen und somit verbindlich werden.
Minister verschätzt sich massiv
Im Vorfeld war ein weit größerer Anteil erwartet worden. Insgesamt muss Niedersachsen auf Geheiß des Bundes 2,2 Prozent seiner Gesamtfläche für Windkraft bereitstellen. Umweltminister Christian Meyer (Grüne) hatte vor knapp vier Wochen bei der Bürgermeister-Tagung des Landkreises Hildesheim in Hohegeiß noch recht flapsig geschätzt, Hildesheim als Flächenlandkreis müsse wohl etwas mehr beisteuern als der Durchschnitt – und einen Schätzwert von 2,4 Prozent genannt.
Nun wird es nur gut die Hälfte davon. Statt der im Raum stehenden Vervier- oder Verfünffachung der Windkraft-Fläche gibt es gegenüber den bisher ausgewiesenen Vorranggebieten also nur eine Verdopplung. Wobei die Landkreise „sehr gern“ auch mehr ausweisen darf, wie Meyer mehrfach betonte. Gerade in Ostfriesland würden die Vorgaben sicher eher übertroffen werden. Festgelegt wird auch eine neue Abstandsregel – sie liegt bei 883 Metern zu Wohngebieten. Der kuriose Wert kommt dadurch zustande, dass das Land 800 Meter vorgibt und dazu die maximale Länge eines Rotorblattes.
Potenzial bei sechs Prozent
Grundsätzlich ist Windkraft auf insgesamt 6,2 Prozent der Fläche des Landkreises Hildesheim möglich. Zu diesem Ergebnis kamen die Analysten vom Fraunhofer-Institut ISE und dem Beratungs-Unternehmen Bosch & Partner, die das Land mit der Vorbereitung beauftragt hatte. So groß ist das Areal, in dem die Errichtung von Windrädern realistisch ist, wenn man alle Ausschluss-Kriterien berücksichtigt. Je höher die Potenzialflächen in einem Kreis waren, desto höher am Ende auch die Flächenvorgabe.
Welche Potenzialflächen im Landkreis Hildesheim im Einzelnen infrage kommen, wollte Umweltminister Meyer auf HAZ-Nachfrage nicht sagen. Wichtig sei, dass zunächst die Landkreise diese Flächen kennen würden – um daraus dann die Bereiche auszuwählen, in denen sie ihre gesetzlichen Flächenvorgaben erfüllen wollen.
Mit Bekanntwerden der Vorgaben des Landes dürfte auch Bewegung in die Planung und die Informationspolitik von Städten und Gemeinden im Kreis Hildesheim kommen. So hatten die Gemeinde Schellerten und die Stadt Hildesheim angekündigt, sich in Kenntnis dieser Daten vertieft mit dem Projekt eines großen Windparks in der Hildesheimer Börde zwischen Hildesheim und Ottbergen (Windpark „Ilse“) zu beschäftigen.
Wie reagiert der Landkreis?
Dabei geht es auch um die Frage, wie der Landkreis die Vorgaben des Landes umsetzt. Ein einfaches Herunterbrechen der 1,27 Prozent auf die Städte und Gemeinden erscheint kaum realistisch. Wie der Landkreis dabei weiter vorgehen will, sagte er am Montag auf eine Vorabanfrage der HAZ hin noch nicht. Zunächst müssten die Vorgaben aus Hannover intern bewertet werden, am Dienstag könne man sich aber dazu äußern, erklärte die Pressestelle der Kreisverwaltung.
Sicher ist bereits, dass der Landkreis die 1,27 Prozent Mindestfläche nicht auf einmal ausweisen muss. Er kann das auch in mehreren schritten bis 2026 tun und braucht dafür auch nicht jedes Mal sein Raumordnungsprogramm zu ändern. Bei der Planung sagte Meyer den Kreisen und kommunen fachliche Unterstützung zu.
Kommentar: Kommunen im Kreis Hildesheim haben weniger Druck – und die Investoren mehr
Wer im Landkreis Hildesheim einen Windpark plant, hat nun deutlich mehr Druck, die Städte und Gemeinden hingegen deutlich weniger. Das ist das Ergebnis der Flächenvorgabe des Landes, die überraschend gering ausfällt.
Die meisten Kommunen hatten sich darauf eingestellt, dass der Kreis über zwei Prozent seiner Fläche für Windkraft benötigen würde – und ihnen seinerseits entsprechend große Flächenanteile abverlangen müsste. Nun können sie deutlich entspannter an die Sache herangehen – wobei es ihnen natürlich unbenommen ist, sich selbst trotzdem hohe Ziele zu setzen. Einige Kommunen im Kreisgebiet wollen in Sachen Erneuerbare Energien ohnehin mehr machen, als sie müssen.
Bessere Angebote?
Weniger Druck für die Kommunen bedeutet zugleich mehr Druck für Firmen und Grundeigentümer, die Windparks errichten wollen. Sie werden sich mehr Mühe geben müssen als erwartet, Bürgermeister und Gemeinderäte von ihren Projekten zu überzeugen. Vielleicht müssen sie auch einfach mehr bieten, ob an Beteiligungen oder auch an Abständen zu Wohnhäusern.

