Volle Tierheime

Kritik am Tierheim Hildesheim: Nicht jeder Interessent bekommt ein Tier – was dahinter steckt

Hildesheim - Das Hildesheimer Tierheim in der Mastbergstraße ist voll, so wie viele andere Tierheime im Land auch. Ob Hildesheim, Hannover oder Braunschweig – nicht jeder, der ein Tier zu sich nehmen möchte, bekommt auch eines. Das passt nicht jedem.

Hundewelpen sind entzückend anzusehen, sie bereiten aber auch viel Arbeit. Diese Australian Shepherds aus Nordstemmen ziehen in ausgesuchte Familien. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Die Tierheime im Land sind voll. Von Koblenz bis Braunschweig das selbe Bild: Ausgesetzte, vernachlässigte und aus den verschiedensten Gründen abgegebene Tiere. Diese dauerhaft zu vermitteln, ist das Ziel der Tierschützer. Deswegen ist ein Tier aus dem Heim noch lange nicht nicht ohne Weiteres zu haben. Doch nicht jeder Interessent oder jede Interessentin hat dafür Verständnis. Wenn die Tierheime so voll sind, warum bekommt man dann nicht schneller ein Tier?, wird oft gefragt. Auch im Tierheim in Hannover kennt man das. „Es ist ja leichter ein Kind als ein Tier zu adoptieren“, solche Sprüche bekommen die Tierschützer zu hören, wie Linda Schwede, Mitarbeiterin im Tierheim Hannover, berichtet.

„Wir versuchen es den Interessenten zu erklären“, sagt sie. Einige haben Verständnis, manche aber nicht. Das Tierheim in Hannover hat während der Corona-Pandemie ein Formular für die Selbstauskunft entworfen. Interessenten können es sich von der Homepage sichern. Sie müssen etwa beantworten, wie groß der Wohnraum ist, wie lange das Tier am Tag allein sein wird, ob Kinder mit im Haushalt wohnen, und ob die Folgekosten einer Tieradoption bewusst sind. Denn nicht nur das Futter, Zubehör oder Katzenstreu kosten Geld, auch die tiermedizinische Versorgung. „Die gestiegenen Tierarztkosten bringen viele Halter in Not“, sagt Schwede. Die schriftliche Selbstauskunft, die Daten werden nach zehn Tagen gelöscht, hat das Tierheim Hannover auch nach der Pandemie beibehalten, denn sie bietet viele Vorteile, wie Schwede erklärt.

Gezielte Suche

Anhand der Bögen schauen die Mitarbeiter gezielt nach einem passenden Tier. Ist das vorhanden, gibt es einen Vermittlungsbesuch im Heim. „Das bedeutet mehr Ruhe und weniger Stress für die Tiere“, erklärt die Mitarbeiterin. Die Folge: Die tierischen Bewohner haben weniger stressbedingte Erkrankungen, und die Mitarbeitenden haben mehr Zeit, sich um die Betreuung der Schützlinge und der Interessenten zu kümmern.

Die Tierheimmitarbeiter und -mitarbeiterinnen bieten auch Hilfe beim Ausfüllen des Bogens an. Dennoch kommt das System nicht bei jedem gut an. Viele würden lieber kommen und sich ein Tier aussuchen. „Dafür haben wir an jedem letzten Sonnabend im Monat von 12 bis 15 Uhr einen Schautag“, erklärt Schwede.

Wunschvorstellungen von einem Hund, der möglichst nicht bellt, nicht schwarz ist, etwa drei Jahre alt, erzogen, katzen- und kinderfreundlich – solche Anforderungen gibt es tatsächlich – können nur allerdings nur schwerlich erfüllt werden. Mitunter müssen sich die Tierschützerinnen und -schützer sogar vorwerfen lassen, altersdiskriminierend zu sein, wenn sie einem betagten Menschen etwa keinen Welpen überlassen wollen. „Man muss sich immer, auch wenn man noch jung ist, überlegen, was wird aus dem Tier, wenn mir etwas passiert“, sagt Schwede. Viele Hausgenossen, bei denen das eben nicht geklärt war, finden sich im Tierheim wieder.

Es gibt immer Ausnahmen

„Einem 70-Jährigen würden wir in den meisten Fällen keinen Welpen vermitteln, da es in diesem Alter schon schwierig ist, einem Welpen noch gerecht zu werden“, erklärt Verena Geißler, Mitarbeiterin des Braunschweiger Tierheims. Aber es gebe immer Ausnahmen. Etwa, wenn die Person in einem Mehrgenerationenhaushalt lebe und Hilfe bei der Bewegung und Erziehung des Welpen hat. Oder wenn die Seniorin oder der Senior noch sehr rüstig sei und jemanden habe, der den Hund übernimmt, sollte es notwendig sein. „Ich denke das es wirklich wichtig ist, immer individuell zu handeln und keine starren Linien zu haben. Darum sind gute Vermittlungsgespräche so wichtig, um genau herauszufinden, ob eine Vermittlung sinnvoll ist oder eben nicht“, berichtet Geißler.

Es gebe aber auch Umstände, die nicht miteinander vereinbar seien. Freigänger-Katzen würden in keine Haushalte an stark befahrenen Straßen vermittelt, Katzenwelpen nicht einzeln in Wohnungshaltung abgegeben. „In den letzten Jahren haben wir immer wieder verhaltensauffällige Katzen im Tierheim, die beispielsweise ihre Menschen so massiv angegriffen, dass die ärztlich behandelt werden mussten“, erklärt Geißler. Diese Tiere seien meist als Kitten allein in der Wohnung gehalten worden. Neue Tierbesitzerinnen und -besitzer bekommen nach der Aufnahme eines Tieres einen Kontrollbesuch vom Tierschutz.

Schon vor der Aufnahme eines Schützlings gibt es eine Vorkontrolle von Mitarbeitern des Tierschutzes Hildesheim und Umgebung. Ganz gleich, ob ein Kleintier oder ein Hund aufgenommen werden soll, wie die Vorsitzende des Vereins Martina Dechant berichtet.

Für eine gute Zukunft

„Viele der Tiere, die im Tierheim leben, haben eine sehr negative Vergangenheit. Daher ist es den Mitarbeitern besonders wichtig, dass die Zukunft dieser Tiere sehr positiv ist“, sagt Martina Dechant, Vorsitzende des Tierschutzvereins Hildesheim und Umgebung. Das gilt für Tiere jeder Größenordnung.

Wer nicht bereit sei, Kleintiere artgerecht zu halten, sie in einem kleinen Käfig unterbringen will, der bekommt kein Tier aus dem Heim. „Es vegetieren einfach noch viel zu viele dieser armen Seelen in kleinen Käfigen in Kinderzimmern vor sich hin“, sagt Martina Dechant. Berufstätige Menschen bekommen in der Hildesheimer Mastbergstraße nur zwei Kitten zusammen, denn wer acht Stunden nicht zu Hause ist, könne sich nicht ausreichend mit einem Jungtier beschäftigen. „Das wird uns oft negativ ausgelegt, aber hier geht es ausschließlich um die Katzenkinder“, betont die Vorsitzende. Diejenigen, die ein Kätzchen aufnehmen, verpflichten sich zur Kastration des Tieres. Im Landkreis Hildesheim gelte zudem die Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für Katzen.

Hunde für ältere Menschen

Auch in Hildesheim wird darauf geachtet, dass der gewünschte Hund zum Interessenten und dessen Alltag passt. „Ein Herdenschutzhund oder ein Mix davon wird nicht in reine Wohnungshaltung gegeben, da diese Hunde ein eigenes Grundstück benötigen, das natürlich sicher eingezäunt sein muss“, erklärt Martina Dechant. Auch wenn den Hildesheimer Tierschützern nachgesagt werde, sie vermittelten keine Hunde an ältere Menschen, treffe dies nicht zu. Gemütliche oder ältere Hunde könnten durchaus zu einer Seniorin oder einem Senior ziehen. „Ich selbst habe schon erlebt, dass ein Herr, mindestens über 80 Jahre, einen Jack-Russel-Welpen haben wollte. Das geht wirklich gar nicht“, erklärt die Hildesheimer Tierschützerin. Auch wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Tierheim bemüht seien, den passenden Hund für Interessenten und Interessentinnen zu finden, ist dies nicht immer der Fall.

Das gilt auch für den freien Markt. Susanne Busse, Züchterin aus Nordstemmen, schaut ganz genau hin, wem sie einen Welpen aus ihrer Australian-Shepherd-Zucht überlässt. Am 6. Juni hat ihre vierjährige Hündin Flora das erste Mal Welpen bekommen – neun Stück. Die Vierjährige kümmert sich vorbildlich um ihren mittlerweile sehr agilen Nachwuchs. „Ältere oder nicht mobile Menschen können diesen Hunden nicht gerecht werden“, sagt Busse. Auch niemand, der acht Stunden arbeitet. Die Hunde benötigen Beschäftigung, Auslauf und Familienanschluss, so wie bei Susanne Busse. Wenn der Interessent oder die Interessentin nicht passt, gibt die Nordstemmerin den Hund nicht raus. „Dann bleibt er eben noch ein bisschen hier!“, sagt sie. Und gibt zu bedenken, dass ein Welpe auch immer Arbeit bedeutet.

Tipps für den Kauf beim Züchter

Wer einen Hund bei einem Züchter kauft, ist nicht zwingend auf sicheren Seite. Auch unter den Züchtern gibt es schwarze Schafe. So gibt es etwa jene, die die Hündin öfter decken lassen als es erlaubt ist. Dann wird ein Wurf mit und einer ohne Papiere verkauft. Susanne Busse rät Interessenten und Interessentinnen, den Züchter zu besuchen. „Man sollte sich immer das Muttertier ansehen“, rät die Züchterin. Ist die Hündin ausgemergelt, hat sie Angst vor dem Besitzer oder wird sie sogar weggesperrt? Wie sehen die Welpen aus? Dürfen die Hunde ins Haus? Außerdem sollten die Papiere des Rassehundes Original und keine Kopie sein. Ein Deutscher Impfpass sollte ebenfalls vorliegen. Wichtig ist Züchterin Busse auch die Nachsorge. Deswegen bleibt sie mit den Haltern, die aus ihrer Zucht ein Tier haben, auch nach dem Kauf verbunden. Und sollte es zwischen Halter und Hund gar nicht klappen, nimmt sie den Hund zurück.


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