Corona-Impfungen

Land Niedersachsen bittet junge Gesunde mit Impfeinladung: „Bitte kommt nicht!“

Hannover - Hunderttausende in Niedersachsen, auch Hildesheimer, auch gesunde Menschen, haben Schreiben von ihrer Krankenkasse erhalten, dass sie sich wegen eines chronischen Leidens impfen lassen können. Das Land bittet um Zurückhaltung. Unklar ist, wie es dazu kommen konnte.

Zahlreiche junge gesunde Niedersachsen haben Impfeinladungen bekommen. Foto: Chris Gossmann

Hannover - Hunderttausende Menschen haben in den vergangenen Tagen über ihre Krankenkassen Post von Niedersachsens Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD) erhalten. Gedacht war der Brief für chronisch Kranke, die nicht schon allein aufgrund ihres Alters impfberechtigt sind. Mit dem Schreiben können sie unkompliziert nachweisen, dass sie wegen eines Leidens bevorzugt behandelt werden dürfen. Eigentlich ein guter Service, wenn das Attest, das man sich sonst dafür beim Hausarzt hätte holen müssen, bequem mit der Post kommt.

Nur hat der Brief aber offenbar mehr Menschen erreicht, als gewollt. Unter den Empfängern sind bereits geimpfte Personen – und viele, die erst viel später dran wären, weil sie jung und kerngesund sind. Das erinnert ein wenig an eine Panne mit Anschreiben zu Beginn der Impfkampagne in Niedersachsen. Damals waren Schreiben unter anderem an Tote versendet worden.

Diagnoseschlüssel sind entscheidend

Weiterhin nicht geklärt ist, wie die Jungen und Gesunden in der Impfeinladung zu chronisch Kranken werden konnten. In jedem Fall hängt es mit den Diagnoseschlüsseln zusammen, den sogenannten ICD-Codes. Anhand dieser Codes rechnen Ärzte ihre Behandlung mit den Kassen ab. Die Behandlung einer Diabetes hat einen eigenen Zahlencode, eine Krebsdiagnose einen anderen.



2800 dieser Codes berechtigen nach der Impfverordnung des Bundes zu einer bevorzugten Impfung in der zweiten Impfgruppe. „Der oder die Versicherte wurde von uns angeschrieben, weil ein Arzt oder Krankenhaus in der Vergangenheit eine Leistung abgerechnet hat, die den Versicherten nun dieser Priorisierungsgruppe zuordnet“, sagt Hanno Kummer, Sprecher des Verbandes der Ersatzkassen (VdEK).

Fehler bei den Ärzten?

Konkret hätten die Kassen anhand der seit dem 1. Juli 2019 von den Ärzten übermittelten Abrechnungen die 2800 Codes herausgefiltert und daraus „die Adressaten der Impfeinladung gezogen“, sagt AOK-Sprecherin Ulrike Serbent. Man habe das sogar noch einmal überprüft – Fehler durch Zahlendreher etwa habe es aufseiten der AOK nicht gegeben. Im Klartext dürfte das heißen: Die Kassen gehen davon aus, dass der Fehler bei den Ärzten entstanden sein muss. „Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass die ärztlich codierten Diagnosen richtig sind“, betont allerdings AOK-Chef Jürgen Peter.

Land spricht von „Einzelfällen“

Unklar ist, wie viele Menschen ungewollt eingeladen wurden. Das Land spricht von „Einzelfällen“. Dabei ist nicht einmal sicher, wie viele der Schreiben insgesamt verschickt wurden. Der VdEK nennt „mehrere Hunderttausend“ Empfänger allein unter seinen Versicherten. Die AOK gibt an, rund 500.000 Schreiben versandt zu haben. Bei AOK und Ersatzkassen sind rund 80 Prozent der Niedersachsen versichert.



An alle, die sich über ein solches Schreiben wundern, appelliert das Land nun: Stellt euch noch nicht in die Schlange beim Arzt oder vor dem Impfzentrum. „Wir bitten diese Niedersächsinnen und Niedersachsen herzlich, mit der Anmeldung zum Impftermin noch ein wenig zu warten“, sagt der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Oliver Grimm. Der Impfstoff sei weiterhin knapp, „und es steht derzeit leider weder in den Impfzentren noch in den Praxen ausreichend Impfstoff zur Verfügung, um alle berechtigten Personen sofort impfen zu können“. Er sagt auch: „Die Anschreiben bescheinigen keinen Anspruch auf eine sofortige Impfung.“

Ärzte waren nicht beteiligt

Die Ärzte wiederum waren an der Erstellung der genutzten Adresslisten nicht direkt beteiligt. Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung, kann zur Fehlersuche darum konkret keine Angaben machen. „Ich weiß nicht, wie die Krankenkassen die Daten gezogen haben.“ Er räumt aber ein, dass es Codierungsfehler geben kann – etwa „Zahlendreher oder wenn ein Verdacht auf Krebserkrankung aus Versehen als gesicherte Diagnose codiert wird“.

Fest steht: Die Schreiben sorgen bei den Ärzten für „weiteren Stress im Praxisalltag“, wie Haffke es ausdrückt. Viele Menschen würden mit den Briefen ihren Impfanspruch einfordern, der aber gegenwärtig noch nicht erfüllt werden kann. „Für die meisten bleibt die Warteliste – egal, bei wie vielen Praxen sie ihr Glück versuchen“, betont Haffke.

Von Karl Doeleke und Susanna Bauch

  • Hildesheim
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