Nordstemmen - Es nieselt. Ein grauverhangener Herbsttag, an dem es gar nicht richtig hell wird über Schloss Marienburg. Es passt zur Stimmung. „Das alles ist eine Katastrophe, die wir alle noch gar nicht richtig wahrhaben wollen“, sagt Katrin Welida-Ehlert.
Vor 14 Jahren hat sie angefangen, hier zu arbeiten. Von der Aushilfe hat sie sich zur gastronomischen Leitung im Schloss-Restaurant hochgearbeitet. Mit ihrer Familie ist sie sogar von Hannover nach Nordstemmen gezogen, um es nicht so weit hierher zu haben. „Ich arbeite an einem der schönsten Orte Deutschlands – und damit soll jetzt Schluss sein“, sagt die 47-Jährige fassungslos.
Wie fast alle der 74 Beschäftigten auf dem Schloss hat sie vom Pächter Nicolaus von Schöning die Kündigung zum Jahresende bekommen. Ein Gutachten hat Hausschwamm in der Dachkonstruktion festgestellt, auf Veranlassung der Region Hannover wurden die meisten Innenräume für Besucher gesperrt. Der Betrieb ist praktisch lahmgelegt. Im Rittersaal sind mittlerweile die Fenster verhängt, die Prachträume des Welfenschlosses liegen im Dornröschenschlaf.
„Viele Tränen sind geflossen“
Carmen Holst-Hillmer lebt im nahen Nordstemmen. Seit Jahren arbeitet die 47-Jährige auf der Burg als nebenberufliche Schlossführerin: „Alles begann damit, dass König Georg V. am 14. April 1857 seiner Frau Marie eine Urkunde übergab ...“ – mit diesen Worten entrollt sie bei Kinderführungen eine lange Pergamentrolle, um die Geschichte der Marienburg zu erklären. Es klingt, als würde sie zugleich von den Anfängen ihres Traumjobs auf diesem Traumschloss erzählen. Auch sie hat die Kündigung hart getroffen: „Ich habe hier immer mit Herzblut gearbeitet“, sagt sie leise.
Einige Dutzend Kolleginnen und Kollegen haben sich an diesem verregneten Tag im Schloss-Restaurant versammelt. „Bei uns sind viele Tränen geflossen“, berichtet Claudia Fricke, „mit einer Entlassung hatten wir nicht gerechnet.“ Wenn die Schlossbeschäftigten von ihrer Arbeit erzählen, spürt man, dass sie hier nicht nur einen Job gemacht haben. Die meisten empfinden eine außergewöhnliche Loyalität zu diesem Ort mit seiner geschichtsträchtigen Kulisse, zum Schloss der Welfen und zum eigenen Team. Es ist eine Identifikation mit dem Arbeitsplatz, wie man sie sonst nur noch selten findet. „Ich bin immer stolz darauf gewesen, hier zu arbeiten – schon bei der Anfahrt ist mir an jedem Tag das Herz aufgegangen“, sagt Schlossführerin Dagmar Siemers.
Auf den Mann, der ihnen die Kündigung ausgesprochen hat, lassen die Beschäftigten dabei nichts kommen. „Nicolaus von Schöning hat als Pächter doch dafür gesorgt, dass Leben im Schloss ist – mit Kinderaktionen, Fantasy-Events und dem ,Kleinen Fest‘ im Schlosshof“, sagt Tatjana Pohl. In der Runde erntet sie zustimmendes Nicken. Die Schauspielerin hatte hier einst mit 15 Jahren ihren ersten Schülerjob als Schlossführerin. Bis vor Kurzem leitete sie dann Gäste bei Theaterführungen prächtig kostümiert durch die Burgräume – ein Berufsleben auf der Marienburg.
Burg schreibt schwarze Zahlen
Die Schuld an der Misere sehen die Beschäftigen unisono beim Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur sowie bei der Region Hannover, die in der Stiftung Schloss Marienburg den Ton angegeben: „Sie wollen ihren Pächter nur rauskegeln, weil ihnen sein Konzept mit den vielen populären Veranstaltungen nicht passt“, sagt Robert Tymoczko, der das Restaurant auf der Burg leitet. „Unsere Arbeitsplätze sind denen doch egal.“
Mit publikumswirksamen Spektakeln hat Nicolaus von Schöning zuletzt mehr als 100.000 Besucherinnen und Besucher im Jahr auf das Schloss gelockt. Bei Events wie dem Wintermärchen werden die ehrwürdigen Mauern schon einmal bonbonbunt illuminiert. Freunden gepflegter Hochkultur sind solche Inszenierungen ein Graus, doch der Pächter kann darauf verweisen, dass der Betrieb unter seiner Ägide schwarze Zahlen schreibt. „Wir finanzieren uns selbst, ohne Steuergeld“, sagt auch Carmen Holst-Hillmer stolz.
„Die lange angekündigte Sanierung des Schlosses hätte schon vor Jahren beginnen müssen, doch das Land hat sie verschleppt“, moniert eine andere Beschäftigte aufgebracht. Wut und Enttäuschung brechen sich Bahn, wenn die Entlassenen ihrem Ärger Luft machen. „Land und Region haben uns seit Jahren nur bürokratische Hindernisse in den Weg gelegt und alles torpediert, was wir auf die Beine gestellt haben“, kritisiert eine von ihnen.
„Das ist geschäftsschädigend“
Die Beschäftigten können viele Geschichten erzählen wie jene von der großen Ausstellung, bei der Vertreter der Stiftung noch am Abend vor der Eröffnung gravierende Umbauten verlangten und Mitarbeiter bis spät in die Nacht Bilder umhängen mussten. Sie erzählen davon, dass die für Trauungen beliebte Schlosskapelle schon vor Jahren durch die Bauaufsicht der Region wegen des Schwamms gesperrt wurde, ebenso wie zeitweilig der Zutritt in die prachtvolle Bibliothek und die Turmbesteigungen. In ihren Augen lauter überzogene Maßnahmen.
Im vergangenen Jahr untersagte die Baubehörde der Region wenige Tage vor Beginn des großen Wintermärchen-Spektakels das Aufstellen von zwei kleinen Imbiss-Anhängern im Schlosshof: Als Verkaufsstände für Lebensmittel seien diese baugenehmigungspflichtig. Bei Zuwiderhandlung drohte ein Bußgeld von bis zu 500.000 Euro. „So etwas ist doch geschäftsschädigend“, sagt eine Schlossmitarbeiterin empört.
In den Augen der Entlassenen fügen sich das jüngste Schwamm-Gutachten und die Sperrung der Innenräume in ein größeres Muster: „Dahinter steckt reine Behördenwillkür“, sagt Tatjana Pohl, „wir haben alles getan, um alle Auflagen zu erfüllen, doch es hat nichts genutzt.“ Besonders im Kulturministerium haben die Entlassenen den Hauptschuldigen ausgemacht: „Wir haben Corona überlebt“, sagt Restaurantleiter Robert Tymoczko bitter, „aber das Ministerium haben wir nicht überstanden.“
Wintermärchen – der letzte Akt?
Andere glauben noch, dass sich alles zum Guten für sie wenden könnte. Beate Lingemann, die seit 17 Jahren im Schloss arbeitet, hofft, dass das Ministerium rasch ein weiteres Gutachten erstellen lässt, um zu klären, ob nicht wenigstens einige Räume wieder für Besucherführungen geöffnet werden könnten. „So ein Kulturangebot darf doch nicht einfach wegfallen – und unsere Arbeitsplätze auch nicht“, sagt sie beschwörend.
Schauspielerin Tatjana Pohl plant derweil, ihre Theaterführungen im November einfach in die bislang nicht gesperrte Schlossremise zu verlegen. Und beim Wintermärchen-Spektakel, das wie geplant am 1. Dezember beginnen soll, wollen sich alle Beschäftigten noch einmal richtig ins Zeug legen. „Wir ziehen das durch – jetzt erst recht“, sagt eine Mitarbeiterin trotzig. Die anderen stimmen ihr zu. Die Veranstaltung könnte für Jahre der letzte Akt auf Schloss Marienburg sein.





