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Warum zahlen die Welfen nicht? Und worüber streiten Land und Pächter? Die Hintergründe zur Lage auf Schloss Marienburg

Nordstemmen - Das Schloss Marienburg bei Nordstemmen ist eines der beliebtesten Ausflugsziele der Region, nicht nur für Menschen aus der Region. Für Besucher und Beschäftigte gibt es derzeit jedoch einige Hiobsbotschaften – und hinter den Kulissen rumort es. Die wichtigsten Frage und Antworten.

Eitel Sonnenschein rund um Schloss Marienburg? Derzeit wohl kaum. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Nordstemmen - Eine der beliebtesten touristischen Attraktionen der Region steht vor einer ungewissen Zukunft. Wieder einmal gibt es Streit um Schloss Marienburg. Hier einige der wichtigsten Fragen – und Antworten.

Warum sind die Innenräume der Burg derzeit fürs Publikum geschlossen?

Auf behördliche Anordnung: Vor einem Monat hat die Region Hannover als Bauaufsichtsbehörde veranlasst, dass die meisten Räume für den Besucherverkehr gesperrt werden – darunter Highlights wie die Bibliothek und der Rittersaal. Begründung: Ein Gutachten hat Echten Hausschwamm in der Dachkonstruktion festgestellt, die Standsicherheit von Teilen des Gebäudes sei nicht mehr gewährleistet. Geöffnet sind momentan noch Café und Museumsshop.

Wann öffnen die Räume wieder?

Womöglich erst in vielen Jahren: „Eine Wiedereröffnung der historischen Wohn- und Repräsentationsräume wird angesichts der aktuellen Befundlage erst nach Abschluss der Sanierung möglich sein“, lässt das zuständige Ministerium für Wissenschaft und Kultur wissen. Die Bauarbeiten sollen voraussichtlich im ersten Halbjahr 2024 beginnen.

Wie lange weiß man schon vom Sanierungsbedarf?

Bereits vor zehn Jahren hat ein erstes Gutachten Schwamm im Schloss festgestellt. Doch die seit Langem geplanten Bauarbeiten haben noch immer nicht begonnen. Das Land verweist auf aufwendige Vergabeverfahren. Mittlerweile sei der Zuschlag an „sehr erfahrene Projektsteuerungs- und Generalplanungsunternehmen“ erteilt worden.

Warum zahlen die Welfen nicht für die Renovierung des Schlosses?

Für die anstehenden Baumaßnahmen haben Bund und Land bereits vor mehr als vier Jahren insgesamt 27,2 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Ob diese Summe ausreicht, erscheint mittlerweile vielen Insidern ungewiss, zumal Inflation und Baukostensteigerungen nicht folgenlos bleiben dürften. Über eine finanzielle Beteiligung des Hauses Hannover ist bislang nichts bekannt – zumal die Marienburg den Welfen gar nicht mehr gehört.

Wem gehört das Schloss jetzt eigentlich?

Ernst August Erbprinz von Hannover hatte die lange im Familienbesitz befindliche Marienburg 2004 von seinem Vater übertragen bekommen. Im Jahr darauf versteigerten die Welfen dort bei einer spektakulären Auktion zahlreiche Kunstschätze für rund 44 Millionen Euro. Allerdings kam das Geld nicht, wie angekündigt, der Sanierung zugute. Stattdessen erklärte Ernst August junior später, er habe vor allem Schulden abzuzahlen gehabt, die sein Vater angehäuft hatte. Das im Unterhalt kostspielige Schloss hat Ernst August vor vier Jahren dann in eine Stiftung überführt. Deren fünfköpfigen Vorstand gehören außer ihm selbst und der Familie des Pächters noch die Region Hannover sowie mit zwei Sitzen das Land Niedersachsen an – die öffentliche Hand hat also die Mehrheit.

Gab es nicht erst kürzlich Rechtsstreit um die Burg?

Über Jahre hinweg gab es Zwist zwischen Ernst August und seinem gleichnamigen Vater: Wegen „groben Undanks“ forderte der skandalumwitterte Senior die Burg zurück, er klagte sogar gegen seinen Sohn. Im März 2022 zog er die Klage jedoch überraschend zurück. Damit blieb es auch bei der Übertragung der Burg an die Stiftung. Ernst August junior hat sich aus Hannover mittlerweile weitgehend verabschiedet; er ist vor gut einem Jahr mit seiner Frau Ekaterina und den drei Kindern nach Österreich gezogen, um sich verstärkt um die dortigen Besitzungen seiner Familie zu kümmern.

Warum ist das Schloss so wichtig?

Hannovers letzter König, der blinde Georg V., ließ das Schloss um 1860 für seine Frau Marie erbauen. Beide lebten dort nicht lange; nach dem verlorenen Krieg gegen Preußen musste Georg V. 1866 ins Exil nach Österreich gehen. Gleichwohl wird die Marienburg oft als „Norddeutschlands einziges Königsschloss“ bezeichnet. Wie bedeutsam sie als Denkmal ist, gilt in Fachkreisen durchaus als strittig. Sie ist kein mittelalterliches Gebäude, es gibt Fachleute, die in ihr nur eine Art geräumiger Villa im romantischen Stil des Historismus sehen. Gleichwohl ist sie ein Zeugnis hannoverscher Geschichte und ein touristischer Hotspot in der Region – auch wenn sie ihr wirtschaftliches Potenzial als „Neuschwanstein des Nordens“ noch längst nicht ausgeschöpft hat.

Was steckt hinter dem jüngsten Zwist auf der Burg?

Der fünfköpfige Stiftungsrat hat im Juni beschlossen, die Geschäftsbeziehung mit dem Pächter, Nicolaus von Schöning, möglichst zu beenden. Seit Jahren gibt es immer wieder Knatsch, besonders zwischen dem Land und von Schöning, der mit seiner Frau Tania schon seit Jahren auch das pittoreske Rittergut Remeringhausen (Kreis Schaumburg) als Eventlocation mit historischem Flair betreibt.

Was will das Land?

Das zuständige Ministerium für Wissenschaft und Kultur setzt vor allem auf einen seriösen Museumsbetrieb auf der Marienburg. Der kulturhistorische Wert von Gebäude und Einrichtung soll betont, die Kunstschätze sollen restauriert und für kommende Generationen bewahrt werden.

Was will der Pächter?

Nicolaus von Schöning hat neben klassischen Führungen auf der Marienburg auch spektakuläre Events wie das Fantasyfestival Annotopia etabliert, bei dem Menschen als Ritter, Elfen oder Zwerge kostümiert durch die Burgmauern geistern. Er setzt auf wirtschaftlich einträgliche, populäre Massenveranstaltungen. Rein ökonomisch hat er damit Erfolg: Nach seinen Angaben sind im Jahr 2022 mehr als 100.000 Besucherinnen und Besucher aufs Schloss gekommen, der Betrieb schreibe schwarze Zahlen.

Ist es für Steuerzahler wichtig, ob der Schlossbetrieb Erfolg hat?

Der Landesrechnungshof hat bereits davor gewarnt, dass die Marienburg zur Kostenfalle für die Steuerzahler werden könne. Er prangerte auch an, dass die Welfenfamilie als Alteigentümerin nichts zu den anstehenden Baumaßnahmen beisteuert. Ist der Betrieb des Schlosses defizitär, drohen auf lange Sicht noch ganz andere Kosten als die Sanierung für 27,2 Millionen Euro – für die dann die Allgemeinheit zuständig wäre.

Wie ist die Lage auf der Burg jetzt?

Die allermeisten Beschäftigten wurden zum Jahresende entlassen, da angesichts der weitreichenden Schließung von Räumen die Einnahmen weggebrochen sind. Derzeit sind der Museumsshop und das Café noch geöffnet. Pächter Nicolaus von Schöning bezeichnet die Stimmung als ­„desaströs“.

Wie geht es weiter mit dem Schloss?

Im Dezember geht auf der Marienburg noch wie geplant das populäre „Wintermärchen“-Spektakel über die Bühne – dabei wird der Innenhof bunt illuminiert, das Schloss präsentiert sich in weihnachtlicher Dekoration. Zum Jahreswechsel dürfte dann auf absehbare Zeit Schluss ein: Die Marienburg schließt dann voraussichtlich die Pforten – und wird sie vermutlich erst nach jahrelanger Sanierung wieder öffnen.

Von Simon Benne

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