Hildesheim - Die Maschinen glänzten, so neu waren sie noch. Die Augen vieler Beschäftigter glänzten auch: So gut schienen die Aussichten, so klar der Weg nach vorn. Wer im Januar 2023 das Hildesheimer Bosch-Werk besuchte, nahm den Eindruck mit, einer wirtschaftlichen Wiederauferstehung beizuwohnen. Doch zwei Jahre später ist davon nichts mehr zu spüren. Die Maschinen glänzen noch immer, doch die Frage ist, wie lange sie überhaupt noch laufen. Selbst für die wechselvolle Geschichte von Bosch ist die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre außergewöhnlich. Wie konnte es dazu kommen?
Mitarbeiter dringend gesucht
Die jüngere Geschichte von Bosch in Hildesheim ist auch eine Geschichte über das Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft – im Guten wie im Schlechten. Denn es waren nicht zuletzt Entscheidungen auf Bundes- und EU-Ebene, die Bosch zunächst zu gigantischen Investitionen in Hildesheim veranlassten. Entscheidungen mit dem Ziel, den Verbrenner in den nächsten Jahren zurückzudrängen und die Elektromobilität massiv voranzubringen. Einerseits durch eine Verteuerung von Benzin über den CO2-Preis, andererseits durch eine Vergünstigung von E-Autos über Kaufzuschüsse.
Viele Autohersteller und in der Folge auch führende Zulieferer wie Bosch waren Anfang dieses Jahrzehnts überzeugt, dass die Elektromobilität rasant an Marktanteilen gewinnen würde. Bosch investierte in Hildesheim eine dreistellige Millionensumme in modernste Fertigungsanlagen, stellte Hunderte zusätzlicher Beschäftigter ein. „Was hier passiert, ist sehr zukunftsträchtig, das überzeugt doch viele“, jubelte der Personalchef damals. Und der Werkleiter sprach davon, „die Produktionskapazitäten noch einmal um weitere 50 Prozent auszuweiten“.
Autos werden zu Ladenhütern
Obwohl das erst gut zwei Jahre her ist, klingt es heute nach Zitaten aus einer ganz anderen Epoche. Schon ein Jahr später war die Stimmung eine ganz andere: CDU und CSU hatten mit einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht den Haushalt 2024 der Ampel-Regierung zu Fall gebracht. Die suchte hektisch nach Einsparmöglichkeiten – vor allem nach solchen, mit denen sich relativ einfach große Summen einsparen ließen. Und landete unter anderem bei der Kaufprämie für Elektroautos. Ein Posten, der sich schnell streichen ließ.
Ein Posten allerdings, ohne den sich viele, die über ein E-Auto nachdachten, die Investition dann doch nicht vorstellen konnten. Die Nachfrage nach den Stromern, auch zuvor schon nicht ganz so hoch wie von Politik und Autoindustrie erhofft, brach regelrecht ein. Doch die Deutschen ersetzten sie auch nicht unbedingt durch neue Verbrenner, was Bosch in anderen Bereichen mehr Einnahmen beschert hätte: Vielmehr hielten sich die Kundinnen und Kunden generell zurück.
Indien statt Europa
Eine Folge: Das Durchschnittsalter der in Deutschland zugelassenen Autos ist so hoch wie lange nicht. Eine weitere Folge: Die Auto-Hersteller forderten weniger Elektromotoren und Bauteile bei Zulieferern wie Bosch in Hildesheim ab, die Auslastung sank. Parallel gelang es dem Unternehmen nicht, neue Aufträge ins Werk zu holen – was Bosch wiederum damit begründet, dieses sei „aufgrund seiner Kostenstruktur nicht wettbewerbsfähig“.
Diese Haltung geht bei Bosch längst über Hildesheim hinaus. Es werde weniger Arbeitsplätze in Deutschland und Europa geben, die Märkte der Zukunft seien Nordamerika und Indien, hat Bosch unlängst erklärt. Die Euphorie von 2023? Klingt ganz weit weg.
