Hildesheim - „Damit die Nacht ein Morgen hat“: So lautet der Slogan einer aktuellen Kampagne von Jägermeister, in der der Wolfenbütteler Spirituosenhersteller für die Rettung des Nachtlebens wirbt. Denn das steht in ganz Deutschland seit fast zehn Monaten still. An Partys, ausschweifende Feiern und tanzen ist seit März nicht mehr zu denken. Auch die Hildesheimer Locations haben seit nunmehr neun Monaten geschlossen. Seitdem sind die Lichter aus, die Räume leer.
Schon vor Corona stand das Hildesheimer Nachtleben oft in der Kritik: Es mangele an Möglichkeiten, hieß es oft. Beliebte Discos wie Be Bop und Tilbury sind seit Jahrzehnten Geschichte. Als Ende Dezember 2017 die Dax-Bierbörse/ Pasha im Ratsbauhof zwangsgeräumt wurde, verlor die Stadt einen weiteren großen Anlaufpunkt für Party-Liebhaber. Einige Locations gibt es aber noch – und die kämpfen nun mit den Folgen der Corona-Pandemie.
Hoffnung besteht
Doch ganz verloren ist die Hoffnung noch nicht. „Uns wird es weiter geben – die Frage ist nur, wann“, sagt Mauerwerk-Betreiber Timo Gölke im Gespräch mit der HAZ. Trotzdem: „Es ist schwer und bleibt schwer“. Die finanzielle Lage sei schwierig. Keine Einnahmen, aber jede Menge Ausgaben. Die Miete muss bezahlt werden, Gas, Wasser, Strom und GEMA ebenfalls.
Es ist schwer und bleibt schwer
Gölke geht davon aus, dass sein Club noch mindestens fünf Monate geschlossen sein wird. Vor April, Mai, Juni, rechnet er nicht mit einer Wiedereröffnung. Und selbst dann wird es seiner Ansicht nach hohe Auflagen geben. „Müssen alle Gäste nachweisen, dass sie geimpft sind?“, fragt er sich zum Beispiel.
Nur vier Partys in 2020
Im Frühjahr hatte Gölke seine Location sogar vor den offiziellen Beschlüssen zum Lockdown zugemacht. „Ich wusste: Das, was da kommt, das knallt“, sagt er. Anfang des Jahres hatte er erst noch die Toiletten saniert, im ganzen Jahr 2020 wurden deswegen nur vier Partys im Mauerwerk gefeiert. Inzwischen musste er etliche Getränke im Wert von tausenden Euros wegkippen, die inzwischen abgelaufen wären. „Wir haben Schaden, Schaden, Schaden, aber keine Einnahmen“, so der Club-Betreiber.
Eine gute Nachricht gibt es allerdings: Seine zehn Mauerwerk-Mitarbeiter konnte Gölke bislang alle halten. Weil er nicht nur den Club betreibt, sondern auch ein Bauunternehmen und ein Kosmetikstudio führt sowie andere Projekte in der Veranstaltungsbranche betreut, konnte er sie an anderen Stellen einsetzen.
Wunsch nach mehr Unterstützung von der Stadt
Wünschen würde er sich mehr Unterstützung von der Stadt. So habe er beispielsweise auf eine Beteiligung an einem Kulturfonds gehofft, jedoch nicht bekommen. Die Corona-Soforthilfe vom Staat sei zwar schnell überwiesen worden – habe aber nicht einmal dafür gereicht, die Krankenkassenbeiträge der Angestellten zu bezahlen.
Es wird schwierig werden, die Leute wieder ans Feiern zuu gewöhnen
Trotzdem denkt er, dass er es mit seinem Club durch die Krise schaffen wird. Doch er ist sich sicher, dass auch „nach“ Corona weitere Herausforderungen warten. „Es wird schwierig werden, die Leute wieder ans Feiern zu gewöhnen“, meint er. Auch, weil die meisten selbst finanzielle Einbußen durch Corona hatten. „Die Veranstaltungsbranche wird nie wieder so sein wie vorher“.
Auch Cube soll wieder eröffnen
In Hildesheim wird aber voraussichtlich auch eine andere Feier-Instanz weiter bestehen. Das sagt Cube-Betreiber Niklas Christ auf HAZ-Anfrage. Die Disco über dem Deseo am Hindenburgplatz ist zwar ebenfalls seit Monaten geschlossen, am 7. März fand die letzte Veranstaltung statt. Doch auch Christ glaubt daran, wiederzueröffnen. Er hält Ende des Sommers 2021 für möglich.
Seit acht Jahren betreibt er das Cube inzwischen. Die Räumlichkeiten können gemietet werden, außerdem stehen zwei Mal im Monat Partys auf dem Programm, zum Beispiel ein 80er/90er-Revival oder eine Schlagerparty. Vor Corona sei es für die Lokation von Jahr zu Jahr besser gelaufen. Dann kam der Einbruch. So beschreibt auch Christ die finanzielle Lage seiner Location als ernst. „Wir haben keine Einnahmen, aber die Miete muss weiter bezahlt werden“. Finanzielle Hilfspakete habe er bislang nicht bekommen. Aber: Auch Christ hat noch andere Standbeine in der Gastronomie und Rücklagen, von denen die Rechnungen bezahlt werden.
Planungen, mit welchem Programm es nächstes Jahr weitergehen soll, gibt es noch nicht. „Das ist zu schwierig, da können wir uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit befassen“, so Christ.
Die Unsicherheit ist so groß
Ungewiss ist die Lage auch im Vier Linden. „Wir warten ab“, sagt Geschäftsführer und Inhaber Martin Schüler. Doch auch er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Seine Angaben decken sich mit den Aussagen von Gölke: Die Corona-Soforthilfen decken nur einen Bruchteil der Kosten, die bezahlt werden müssen. Über Wasser hält er den Veranstaltungsort mit Rücklagen und Krediten. Mit großen Konzerten rechnet er erst wieder 2022. Und auch die kurzfristige Planung von Partys sei mehr als schwer, „weil die Unsicherheit so groß ist“.
Im Old Inn wird renoviert
Recht gut gelaunt zeigt sich Old Inn-Betreiber Erwin Kotzur, weil er gerade mit Unterstützung eines Rechtsanwalts die Zusage für eine finanzielle Hilfe vom Staat bekommen hat. Außerdem helfen Stundungen und Reserven ihm dabei, sich über Wasser zu halten.
Seine Disco ist zwar ebenfalls seit dem 17. März geschlossen – aber auch er hat einen Puffer, weil er neben der Disco die Kneipe Kiepenkerl in der Friesenstraße betreibt. Diese durfte zwischenzeitlich wieder öffnen. Den aktuellen Lockdown nutzen Kotzur und seine Kollegen dafür, Old Inn und Kiepenkerl zu renovieren und Reparaturarbeiten durchzuführen.
Das Old Inn ist mein Leben
Er glaubt also an die Wiedereröffnung seiner Disco? „Auf jeden Fall, das ist mein Leben“, sagt Kotzur, der das Old Inn seit rund 12 Jahren betreibt. „Ich bin in der Disco geboren und möchte dort auch sterben.“ Er freut sich schon drauf, wenn er die Türen wieder öffnen darf. Weitergehen soll es direkt mit den Parties, die geplant waren, aber durch den Lockdown ausfallen mussten. Kotzur setzt seine Hoffnungen drauf, dass es im März wieder weitergeht.
Keine Neuigkeiten aus der Kufa
Neuigkeiten aus der Kufa, die mit ihrem recht umfangreichen Party-Angebot wohl eine der wichtigsten Feier-Anlaufstellen in Hildesheim ist, gibt es derzeit nicht. Im September, als noch über Lockerungen und Tanzen mit Maske diskutiert wurde, zeigte sich Geschäftsführer Stefan Wehner bereits skeptisch gegenüber einer schnellen und spontanen Öffnung der Discos. Er verwies dabei auch auf die Kosten von Disco-Veranstaltungen, die bei einer Öffnung für eine begrenzte Personenzahl gleich hoch bleiben wie im Normalbetrieb.
Offenbar hat sich seine Haltung bislang nicht geändert. Es sei zum derzeitigen Zeitpunkt „zu müßig“, über die aktuelle Situation zu reden. Er setzt darauf, dass es Anfang nächsten Jahres neue Entwicklungen geben wird.

