Hochwasserschutz

Mehr Talsperren zum Schutz des Landkreises Hildesheim? Pläne für den Harz rücken wieder in den Fokus

Kreis Hildesheim - Die jüngsten Überschwemmungen wären mit mehr und größeren Talsperren im Harz vielleicht weniger heftig ausgefallen. Tatsächlich gibt es schon konkrete Überlegungen, die Staukapazität zu vergrößern – aber auch Kritik daran.

Die Innerste-Talsperre kurz vor dem Volllaufen im Dezember: Ein zweites Becken und eine größere Grane-Talsperre könnten für Entlastung sorgen. Foto: HAZ-Archiv

Kreis Hildesheim - Am zweiten Weihnachtsfeiertag war es so weit. Die Innerste-Talsperre war voll. Übervoll sogar, 102,7 Prozent betrug der Füllstand in der Spitze. Und auch wenn die Harzwasserwerke Wert darauf legten, dass der Stausee nicht „übergelaufen“ sei: Tatsache war, dass über die sogenannten Hochwasser-Entlastungsanlagen genauso viel Wasser aus der Innerste-Talsperre hinaus flussabwärts strömte, wie andererseits in den Stausee gelangte. Die Abflussmenge war also nicht mehr kalkulierbar. Am Ende hatten die Verantwortlichen, vor allem aber die Innerste-Anlieger Glück mit dem Wetter. Die Niederschläge im Harz gingen zurück, es kam weniger Wasser nach, und die Harzwasserwerke konnten den Füllstand relativ bald Stück für Stück wieder absenken.

Kleiner Stausee, großes Gebiet

Eine Situation, wie sie nur selten vorkommt. Beim großen Hochwasser 2007 hatten die Harzwasserwerke ebenfalls die Kontrolle über die Abflussmenge verloren. Beim großen Juli-Hochwasser 2017 hingegen lief der Stausee nicht ganz voll. Zu Beginn des großen Regens lag der Füllstand damals bei 30 Prozent, am Ende bei 93 Prozent. Wäre die Anlage zu Beginn des Starkregens nicht ungewöhnlich leer gewesen, hätte das ohnehin schon katastrophale Innerste-Hochwasser vor sechseinhalb Jahren noch schlimmere Auswirkungen gehabt.

Die Innerste-Talsperre ist der zweitkleinste der insgesamt sechs Stauseen im Westharz, hat aber das flächenmäßig größte Einzugsgebiet. Darauf hatte Harzwasserwerke-Geschäftsführer Lars Schmidt erst im März vergangenen Jahres bei einem Ortstermin mit Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) hingewiesen. Seine Worte klingen heute fast prophetisch: „Sie ist nicht sehr groß, hat aber ein großes Einzugsgebiet und läuft recht schnell voll. Wir brauchen Kapazität für ein eventuelles Hochwasser!“

Siedlung soll weichen

Das gab es nun über Weihnachten und Silvester. Und es lenkt den Blick auf aktuelle Überlegungen zur Ausweitung der Staukapazität im Herbst. Die sind so konkret wie seit Jahrzehnten nicht: Derzeit arbeiten Fachleute der Harzwasserwerke sowie verschiedener Hochschulen und Behörden an Machbarkeitsstudien für verschiedene Szenarien, Ergebnisse soll es voraussichtlich noch in diesem Jahr geben.

Herzstück des Konzeptes mit Blick auf die Innerste: Oberhalb der jetzigen Talsperre, zwischen Wildemann und Lautenthal, soll es zur Entlastung des Haupt-Stausees eine weitere Talsperre geben, für die mit der Siedlung Hüttschenthal sogar ein kleiner Ort aufgegeben und eine Landesstraße verlegt werden müsste. Woran bereits deutlich wird, dass es – wie bei anderen Überlegungen auch – eher um langfristige Pläne denn um schnelle Lösungen geht.

Grane bald noch wichtiger?

Ein weiterer Faktor dabei: Hüttschenthal liegt, anders als der Innerste-Stausee, höher als die Grane-Talsperre. Es gäbe also die Möglichkeit, Wasser von dort durch einen – allerdings erst noch zu bohrenden – Stollen in die Grane-Talsperre abzuleiten. Bislang haben die Harzwasserwerke nur die Möglichkeit, Wasser durch Rohrleitungen vom Innerste- in den Grane-Stausee zu pumpen und müssen dabei einen Berg überwinden.

Die Grane-Talsperre ist schon jetzt das bei weitem größte Reservoir im Westharz, soll aber den ersten Überlegungen zufolge noch einmal deutlich größer werden und folglich noch eine größere Rolle für den Hochwasserschutz und auch die Trinkwasserversorgung einnehmen – indem sie eben zum Beispiel die Innerste-Talsperre noch stärker entlastet.

Folgen des Klimawandels

Die Harzwasserwerke und ihre Partner spielen derzeit drei Szenarien zum Ausbau der Grane-Talsperre durch. Dabei geht es darum, die Staumauer um fünf, zehn oder sogar zwölf Meter zu erhöhen. Schon bei zehn Metern mehr könnte der Grane-Stausee mehr Wasser zusätzlich aufnehmen, als derzeit überhaupt insgesamt in die Innerste-Talsperre passt – bei zwölf Metern mehr sogar fast die doppelte Menge.

Auslöser für die Überlegungen sind Auswirkungen des Klimawandels, die Prognosen des Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) zufolge mehrere Entwicklungen erwarten lassen. Zum einen die längeren Trockenphasen im Sommerhalbjahr, die es nötig machen könnten, mehr Wasser als bislang im Harz zu speichern – um in Dürrezeiten die Versorgung mit Trinkwasser, aber auch die Einhaltung von Mindest-Wasserständen in den Flüssen zu gewährleisten. Letzteres wäre für anliegende Unternehmen, aber auch für Flora und Fauna in den Gewässern von großer Bedeutung.

Trockener und nasser

Im Gegenzug rechnen die Fachleute allerdings mit stärkeren Niederschlägen im Winterhalbjahr und auch damit, dass es häufiger als bislang zu lokalen Starkregen-Ereignissen kommt. „Wir erwarten zunehmend Trockenperioden von März bis Dezember und dann sehr nasse Monate Januar und Februar“, sagt auch Dr. Andreas Lange, Bereichsleiter für Wasserwirtschaft und Talsperrenbetrieb bei den Harzwasserwerken.

Die Erhöhung der Speicherkapazität soll also auch dem Hochwasserschutz dienen. Die jüngsten Überschwemmungen können dabei als Beispiel dienen: Gäbe es die zweite Innerste-Talsperre samt Ableitung in einen vergrößerten Grane-Stausee schon, wäre die Innerste mutmaßlich weniger stark angestiegen.

Widerstand von Umweltschützern

Umweltminister Meyer hat im Vorjahr bei einem Talsperren-Besuch viel Sympathie für die Ideen der Harzwasserwerke erkennen lassen, die Argumente des Unternehmens und der mitarbeitenden Forscherinnen und Forscher überzeugten ihn offenbar.

Doch dass es gegen die Pläne auch Widerstand geben wird, zeichnet sich bereits ab. Der Umweltschutzverband BUND geißelte die Überlegungen als „Hochwasserschutz im Stil der 1970er Jahre“, sie hätten „fatale Folgen für die Natur und die biologische Vielfalt“. Vielmehr sei es nötig, Flüsse wieder stärker zu renaturieren und Auenlandschaften an ihren Läufen entstehen zu lassen.

Pumpspeicher für die Energiewende?

Die Harzwasserwerke sehen ihre Pläne im Rahmen des Gesamtkonzeptes „Wasser- und Energiespeicher Harz“ indes auch als Beitrag zur Energiewende. Einer Studie der Technischen Universität Clausthal zufolge könnten im Westharz vier sogenannte Pumpspeicher-Kraftwerke entstehen – das größte davon an der Innerste-Talsperre. Dazu müsste auf einem 280 Meter oberhalb des Stausees liegenden Berg ein sogenanntes Oberbecken angelegt werden. Um überschüssigen Strom zu verbrauchen, kann dann Wasser aus der Talsperre hochgepumpt werden – wird hingegen Strom benötigt, kann das Wasser wieder hinunterfließen und dabei Turbinen antreiben.

Wie lange es dauert, bis über all diese Ideen entschieden ist, geschweige denn sie möglicherweise umgesetzt werden, steht allerdings weitgehend in den Sternen. Harzwasserwerke-Chef Lars Schmidt wählte auf diese Frage hin zuletzt eine fast philosophische Antwort: „In diesem Bereich ist ein Jahrzehnt nicht lang.“ Statistisch gesehen ist es also ziemlich wahrscheinlich, dass das nächste Hochwasser mit den gleichen Talsperren zu bewältigen sein wird wie das jüngste.

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