Hildesheim - Begeisterung hat das Line-Up des diesjährigen M’era Luna schon im Vorfeld kaum ausgelöst. Nicht, weil die Bands und Künstler schlecht wären. In Extremo, Ashbury Heights oder Mesh, um nur eine Auswahl zu nennen, haben schon geliefert und das Publikum abgeholt. Vermissen ließ die Auswahl aber Überraschungen.
Zum neunten Mal haben Subway To Sally mittlerweile bei dem Gothic-Festival gespielt, zuletzt erst 2019. Im selben Jahr, was wegen Corona das vorletzte Festival bot, waren auch Joachim Witt, Mono Inc., de/Vision, Agonoize, Heldmaschine und Melotron da. Klar, auch die schwarze Szene ist nicht unerschöpflich, gerade was zugkräftige Namen angeht. Aber der Gewöhnungseffekt macht sich bemerkbar.
Wiedererkennungseffekt
Selbst gelungene Auftritte leiden unter dem Wiedererkennungseffekt. Hatte Peter Heppner sein Konzert 2018 nicht auch mit „alleinesein“ eröffnet? Trug Within-Temptation-Frontfrau Sharon den Adel nicht 2019 den selben Kopfschmuck als sie auf die Bühne kam? Wie gesagt: Gute Konzerte; bei Heppner gewohnt elektronisch-melancholisch; bei Within Temptation symphonisch-rockig. Passt.
Zugpferd sollte in diesem Jahr wohl der Ex-Him-Frontmann Ville Valo mit seiner Solo-Persönlichkeit VV sein. Ein ziemlicher Fehlgriff. Valo ist ein guter Sänger und hat einen Stil gefunden, der auf dem Welterfolg der „Join Me“-Band aufbaut, aber sich auch davon abhebt. Ihm fehlen aber alle Alleinunterhalterqualitäten. Nachdem In Extremo als sein Quasi-Vorprogramm die Hütte abgefackelt haben – bei dem Pyro-Einsatz der Mittelalterrocker: im wahrsten Sinne des Wortes – wirkt VV routiniert bis desinteressiert.
Headliner sind Problemkinder
Überhaupt bleiben die Headliner die Problemkinder des M’era Luna. Auf der einen Seite sollen diese Haupt-Acts ein Publikum über die Szene hinaus ziehen, auf der anderen Seite dürfen sie die Stammgäste nicht vergraulen. The Prodigy, Rob Zombie oder Korn waren in den vergangenen Versuche, diesen Balance-Akt zu meistern. Unter anderem Korn haben aber gezeigt: Das M’era ist nicht Wacken.
Wer mit aufwendigem und teurem Kostüm zum Konzert geht, will nicht im Mosh Pit angerempelt werden. Ein paar Wunschkandidaten gäbe es trotzdem noch: Evanescence sind weiterhin aktiv und waren noch nie in Hildesheim, ebenso The Rasmus. My Chemical Romance touren gerade wieder. Bullet For My Valentin oder Slipknot wären ein Wagnis und Alice Cooper oder Billy Idol ein Scoop.
Ankündigung für nächstes Jahr
Für nächstes Jahr sind stattdessen ASP schon angekündigt. Siehe oben. Gute Wahl, sichere Bank. Ob Eisbrecher noch folgen? Wetten werden angenommen. Aber natürlich war und ist nicht alles schlecht. Blitz Union und L’Âme Immortelle konnten überzeugen, das Zusammenspiel von Witt und Heppner bleibt eine reizvolle Kombination.
Mono Inc. mögen Geschmackssache sein, aber wer den kitschigen Gruft-Rock mag, hat von der Band eine ordentliche Leistung präsentiert bekommen. Subway To Sally machen auch noch gut Stimmung, zeigen aber gerade im Vergleich mit In Extremo Abnutzungserscheinungen. Heldmaschine, Manntra und Eisfabrik vermochten es wiederum, zu den undankbaren, weil frühen Sonntags-Auftrittszeiten auf sich aufmerksam zu machen.
Was bleibt als Fazit vom M’era Luna 2023 also? Ein eindeutiges Tja. Gelungene Routine mit großen Momenten und guter Unterhaltung. Den Mut zum Experiment mit Knalleffekt traute sich das Festival im zweiten Jahr nach Corona aber nicht.
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