Deutschlandticket

Mit dem Deutschlandticket zur Schule – warum das im Kreis Hildesheim vielen Kindern und Jugendlichen nicht zusteht

Kreis Hildesheim - Seit diesem Schuljahr bekommen tausende Schüler und Schülerinnen im Landkreis Hildesheim das Deutschlandticket kostenlos. Doch hunderte bekommen es eben auch nicht, obwohl sie selbst gar nichts dafür können. Betroffene Eltern und Schüler sind stinksauer.

Seit diesem Schuljahr haben tausende Schüler und Schülerinnen im Landkreis Hildesheim Anspruch auf das Deutschlandticket, das ihnen auch in der Freizeit freie Fahrt mit Bus und Bahn bundesweit ermöglicht. Doch es gibt auch viele andere Kinder und Jugendliche, die nicht in den Genuss kommen. Und das sorgt für Unmut. Foto: Ulrike Kohrs

Kreis Hildesheim - Es ist eine große Bereicherung und Verbesserung in der Schülerbeförderung im Landkreis Hildesheim: Das Deutschlandticket, das im noch jungen neuen Schuljahr erstmals an alle anspruchsberechtigten Schüler und Schülerinnen ausgeben wurde. Also an all diejenigen Kinder und Jugendlichen der Klassen 1 bis 10 der allgemeinbildenden Schulen, an Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 11 und 12 von Förderschulen mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung sowie an Jugendliche aus der Berufseinstiegsschule und der ersten Klasse von Berufsfachschulen, wenn sie diese ohne vorherigen Realschulabschluss besuchen. Sie bekommen monatlich kostenlos das Ticket zugesandt, das ihnen nicht nur den Hin- und Rückweg zur Schule mit öffentlichen Verkehrsmitteln ermöglicht, sondern ganz nebenbei auch alle Fahrten in Ferien und Freizeit – und das bundesweit. Doch es gibt eben auch etliche Kinder und Jugendliche in der Region, die nicht in den Genuss kommen. Einzig deswegen, weil auf ihrem Schulweg ein reiner Schulbus pendelt und sie nicht auf einen Linienbus angewiesen sind. Und das ärgert kreisweit hunderte Familien.

Viele Nachteile

Jemand, der das nun stellvertretend für viele Betroffene formuliert, ist Nicole Gläser aus Barienrode. Gläser ist Mutter von drei schulpflichtigen Mädchen. Die älteste Tochter besucht die 6. Klasse der IGS Bad Salzdetfurth – weil es einst politisch beschlossen wurde, dass Diekholzen zum Einzugsgebiet der Schule gehört. „Sonst hätten wir die RBG in Hildesheim bevorzugt. Doch dann hätten wir nur einen Teil der Fahrtkosten vom Landkreis erstattet bekommen“, schildert Gläser. Inzwischen sind Kind und Eltern von der IGS aber restlos überzeugt – sogar die Zwillingsschwestern sollen eigentlich im kommenden Jahr nach der Grundschulzeit an die Schule wechseln.

Doch nun erwägen Gläser und ihr Mann, die Mädchen an ein Gymnasium in Hildesheim zu schicken. Denn der Familie seien durch den Besuch der IGS schon viele Nachteile entstanden: „Finanzielle Einbußen und weniger Zeit für uns und weniger Selbstständigkeit für unsere fast zwölfjährige Tochter“, fasst es die Mutter zusammen.

Mangelnde Information

Das Problem: Schüler und Schülerinnen, die im sogenannten Freistellungsverkehr unterwegs sind, bekommen lediglich eine Karte für den Schulbus der zwischen Schule und Heimatort pendelt – weil dort kein Linienverkehr existiert. Jede weitere Fahrt mit dem Bus muss extra gezahlt werden. „Also nach der Schule mal zur Freundin mitfahren, am Nachmittag zum Sport nach Hildesheim und so weiter“, erklärt Gläser. Das gehe mächtig ins Geld und werde die betreffenden Kinder und Jugendlichen ausgrenzen, befürchtet sie. Denn alle anderen konnten schon jetzt mit ihren Schülerfahrkarten kostenlos andere Busse im ROSA-Tarifverbund nutzen. Und die bekommen von diesem Schuljahr an sogar das Deutschlandticket. „Es kann doch nicht sein, dass es eine solche Ungleichbehandlung gibt“, ärgert sich die Mutter aus Barienrode. Und sie ist damit nicht alleine. „Ich spreche für viele Eltern und ihre Kinder“, stellt sie klar.

Die Folge sei doch, dass es für viele Familien ein teures Vergnügen bleibe, die Kinder mit dem ÖPNV fahren zu lassen. Oder gar das Elterntaxi weiterhin ständig im Einsatz sei, das ebenfalls viel Geld koste und die Kinder in ihrer Selbstständigkeit beschneide. „Und das Elterntaxi ist schon aus Umweltgründen ein Unding“, so Gläser.

Hinzu komme, dass sich viele Eltern schlecht über die neue Entwicklung informiert fühlen. Es habe zwar einen Brief vom Landkreis gegeben, aber der sei etlichen unverständlich gewesen. „Wer weiß denn schon, was Freistellungsverkehr ist?“, so Gläser.

Politische Entscheidung

Der Kreistag hatte die Regelung Ende Juni beschlossen – nach einer kontroversen Debatte. Dabei ging es auch um mögliche Ungerechtigkeiten. Die CDU-Fraktion hatte beantragt, das Deutschlandticket generell allen Schülerinnen und Schülern zur Verfügung zu stellen – also auch denen, die im reinen Schulbus fahren und sogar denjenigen, die eigentlich keinen Anspruch auf irgendeine kostenlose Fahrkarte haben, weil sie nämlich weniger als zwei Kilometer von ihrer Schule entfernt wohne. Doch der zuständige Dezernent Walter Hansen erinnerte in der Sitzung, dass es darum gehe, die günstigste Karte zur Verfügung zu stellen. Dass das Deutschlandticket Auswirkung auf die Freizeit habe, sei ein Nebeneffekt. Die Mehrheitsgruppe lehnte den CDU-Antrag schließlich ab, weil die Kosten nicht absehbar seien.

„Für die Schüler und Schülerinnen, die mit den reinen Schulbussen fahren, wenden wir im Monat rund 70 Euro auf“, erklärt Hans-Heinrich Waldeck, Leiter des Amtes für Schule und Kultur. Eine zusätzliche Zurverfügungstellung des Deutschlandtickets wäre eine freiwillige Leistung des Landkreises. Und die Kosten dafür kämen noch obendrauf, weil diese Schulbusse ja trotzdem fahren und bezahlt werden müssten. Bei rund 2600 Schülern, die derzeit den Freistellungsverkehr nutzen, wären das jährlich nochmal 1,5 Millionen Euro mehr. Aktuell investiere der Landkreis bereit rund 2,5 Millionen Euro in die Schülerbeförderung, rechnet Waldeck vor. Und würden sogar diejenigen das Ticket bekommen, die derzeit überhaupt keinen Anspruch haben, würden die Kosten weiter explodieren. Denn dann kämen laut Landkreis knapp 4500 weitere Kinder und Jugendliche hinzu, die einen Schulweg von weniger als zwei Kilometern haben und deshalb bislang keine Fahrkarte bekommen.

„Gleiches Recht für alle“

Den Unmut der Eltern über die Situation hat Nicole Gläser Waldeck in einem langen Brief geschildert. Über dessen schnelle Antwort hat sie sich gefreut. Aber nicht über deren Inhalt, der unmissverständlich ist: Derzeit kein Deutschlandticket für die Kinder und Jugendlichen im Freistellungsverkehr.

Das Argument der Kosten kann sie zwar nachvollziehen, lässt es aber dennoch nicht gelten. „Gleiches Recht für alle“, bringt es Gläser für sich auf den Punkt. Und mit Blick auf die Kosten für den Freistellungsverkehr erinnert sie zudem an die teils desolaten Zustände der Schulbusse.

Doch das Kapitel ist politisch offenbar auch noch nicht beendet. Die CDU will nämlich am Thema dran bleiben und kündigt bereits neue Anträge für die betreffenden Fachausschüsse an.



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