Geschäfts-Aus

Mit dem Fahrradhaus Dammann schließt wieder ein Traditionsgeschäft in Hildesheim

Hildesheim - Wie die Firmeninhaberin Katja Dammann sich trotz Corona und großer Konkurrenz auf dem Markt behauptet hat, und warum sie nun trotzdem schließen wird.

Schwere Entscheidung: Katja Dammann schließt zum Jahresende ihr Geschäft in der Dammstraße. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Katja Dammann hat etwas getan, was sie noch nie und ihr Vater als Geschäftsvorgänger auch niemals getan hatte. Sie hat an die Scheiben ihres Fahrradgeschäftes in der Dammstraße Aufkleber befestigt, mit denen sie Rabatte ankündigt. Zum Jahresende schließt sie ihr Geschäft endgültig.

Vor allem ihre Stammkunden wollen es nicht glauben, erzählt sie. Dammann steht für sie für gute Beratung, guten Service und gute Räder. Und für feste Preise. „Wir haben uns an keiner Rabattschlacht beteiligt“, sagt die Geschäftsfrau, die den Laden vor 20 Jahren von ihrem Vater übernommen hat. Nun ist Schluss. Es gibt 25 Prozent.

25 Prozent Rabatt – das erste Mal

Im Juni hat sie noch voller Elan – ebenso wie andere Anlieger der Dammstraße – über die Folgen der Dauerbaustelle geklagt. „Wir haben alle die Zähne zusammengebissen und gehofft, noch über die Runden zu kommen“, sagt sie. Sie hatte vor Kurzem mit einem österreichischen Radhersteller, der Holzrahmen als Eigenbau, entwickelt hat, einen Deal abgeschlossen. Neue Ideen für den Hildesheimer Markt, darauf hoffte sie.

Einige Musterräder sollten im Schaufenster Aufmerksamkeit erregen für die Neuheit. Als Hintergrund hat sie Waldmotive als passende Fläche drapiert. Am nächsten Morgen standen Baucontainer vor dem Fenster. Die Baustelle fordert ihren Tribut.

Baustelle Dammstraße macht das Leben schwer

Doch es ist nicht die Baustelle allein, erzählt sie von ihrem Entschluss, der ihr von Herzen schwer fällt. Sie hat ihr Leben lang für Fahrräder geschwärmt und sich technisch immer auf dem Laufenden gehalten, um auch für die neuesten Modelle und Technologien einen Reparaturservice bieten zu können.

Doch mit der Coronapause häuften sich die Probleme. „Es gab in der Branche einen starken Wechsel für alle, die an keine große Kette gebunden sind“, sagt sie. Für Geschäftsleute wie sie – mit dem eigenen Laden, der seit 1910 eine Firmengeschichte in Hildesheim aufgebaut hat, zunächst als Schmiede von Anton Dammann in der Johannisstraße, 1943 dann mit dem Fahrradgeschäft in der Dammstraße, den Laden führt sie nun in der dritten Generation.

Trendwende auf dem Fahrradmarkt

Doch vor drei Jahren war es schwieriger geworden, Fahrräder zu verkaufen. Zwar stieg die Nachfrage – vor allem nach E-Bikes. Aber es gab Lieferschwierigkeiten, daraus wurden von Zeit zu Zeit plötzliche Lieferschübe. Dammann hat nur begrenzte Lagerkapazitäten, und der Markt wurde nervös. „Alle hatten plötzlich viele Räder und fingen mit Rabattangeboten an, um sie loszuwerden“, erzählt sie.

Auch das Verhalten der Kunden änderte sich. Katja Dammann wurde Partner bei Jobradanbietern, die Kunden wollten ihren Service dafür in Anspruch nehmen. Die Räder haben sie aber im Internet gekauft: „Gut, ich habe dann mehr Reparaturaufträge angenommen, aber auch bei den Ersatzteilen dafür gab es Lieferprobleme, das finden Kunden auch nicht gut.“

Lieferanten fahren das Geschäft nicht direkt an

Hinzu kam, dass auch in Hildesheim in jüngster Zeit immer mehr Trend-Fahrradgeschäfte geöffnet haben – mit viel Personal im Verkauf. Seit ihr Vater sich zurückgezogen hatte, steht Katja Dammann alleine in ihrem Laden. Zum Verkauf, an der Kasse, im Büro zum Bestellen, nach Geschäftsschluss noch stundenlang in der Werkstatt. „Das macht mir zwar auch Freude, aber es frisst auch Zeit.“

Und dann stellte die Baustelle Dammstraße doch wieder ein Problem dar. Die Lieferanten konnten nicht mehr ihren Laden anfahren und luden die Ware im Bereich Kalenberger Graben aus. Katja Dammann musste die dann irgendwie in die Dammstraße schleppen. Räder, die locker etwa 35 Kilogramm in der Verpackung wiegen. Das habe an ihren Kräften gezerrt, erzählt die Geschäftsfrau.

Entschluss im Kreise der Familie

In ihrem Herzen rangen dann der Wunsch, es weiterzuversuchen mit dem Laden und dem Vernunftgedanken: So geht es auf Dauer nicht weiter. Im Kreise der Familie fiel dann im Juli die Entscheidung, dass nun Schluss ist. Also gibt es jetzt einen Räumungsverkauf. „Ich habe noch eine frische Lieferung bekommen, die Auswahl ist noch groß“, sagt die Geschäftsfrau. Sie organisiert derzeit die Übergabe, denn für die verkauften Räder kann sie auf absehbare Zeit eben keinen Service mehr anbieten.

Wie es nächstes Jahr weitergeht? Die 50-jährige Geschäftsfrau und Hobbysportlerin will dem Thema Fahrrad treu bleiben. Wie genau weiß sie noch nicht. Gerne auch im Team. Aber nun geht es erstmal um die Abwicklung. Noch läuft die Fahrradsaison. Im August und September stehen die Messen an. Dieses Mal ohne Katja Dammann. Die braucht jetzt auch Zeit, ihre eigene Entscheidung erstmal zu verdauen.

  • Hildesheim
  • Hildesheim
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.