Hildesheim - Die bis dato letzte Ansage der Stadt stammte aus dem Juni: Die Dammstraße bleibe „auf unbestimmte Zeit“ gesperrt, hatte die Verwaltung damals verlauten lassen. Nun steht fest: Die Sperrung dauert bis zum Jahresende, sehr wahrscheinlich sogar länger – das haben Vertreter der Stadt jetzt gegenüber der HAZ erklärt.
Und sie haben dabei angekündigt, die jahrhundertealte Brücke unter der Fahrbahn so freizulegen, dass Bürger sich diese ansehen können – wie das genau möglich sein soll, ist noch unklar. Zudem will die Stadt Teile des Bauwerks erhalten, abtragen lassen und eventuell in der Nähe ausstellen.
Die Entdeckung Ende Mai
Die Brücke ist der Anlass der Sperrung: Bauarbeiter, die für den Stadtentwässerung (SEHI) einen Kanal in der Gegend errichten, hatten sie Ende Mai 2,50 Meter unter der Erde entdeckt. Genauer gesagt einen Hohlraum unter einem Gewölbe, das sich als Bogen einer Brücke herausstellte.
Stadt und SEHI befürchteten darauf, die Fahrbahn könnte versacken und sperrten die Dammstraße – schließlich sind auf ihr normalerweise bis zu 20 000 Autos täglich unterwegs.
Brücke hat acht Bögen, mindestens – vielleicht mehr
Und es sollte nicht bei einem Brückenbogen bleiben: Es gibt mindestens sieben weitere, wie Bohrungen ergeben haben. Insgesamt erstreckt sich die Brücke, die zwischen dem Moritzberg und der Innenstadt verläuft, über mehr als 30 Meter.
Wie alt das Bauwerk ist, darüber rätseln die Archäologen noch, die die Kanalarbeiten begleiten: Nach Angaben von SEHI-Bereichsleiter Michael Ködding schätzen die Experten die Entstehungszeit auf das frühe Mittelalter – damit wäre die Brücke bis zu 1000 Jahre alt. Wie groß das öffentliche Interesse an solchen Funden ist, hatten bereits die Entdeckung eines zuvor unbekannten Friedhofs und von Resten der Johanniskirche im Zuge der Kanalbauarbeiten gezeigt.
Stadt und Stadtentwässerung einigen sich auf weiteren Kurs
Doch so bedeutend die Brücke archäologisch auch sein mag: Im jetzigen Zustand macht sie die Dammstraße unpassierbar. Und so verhandelten Stadt, deren Denkmalpflege und die SEHI seit Wochen, wie sich die verschiedenen Interessen in Einklang bringen lassen können. Nun steht das Ergebnis fest.
So soll auf der Südseite der Brücke auf deren gesamter Länge ein fünf Meter tiefer und 2,50 Meter breiter Grabungsschacht entstehen, von dem aus die Archäologen das Bauwerk begutachten und dokumentieren. Um den Schacht auszuheben, braucht der dafür vorgesehene Bagger allerdings einen stabilen Stand. Und der ist angesichts der Hohlräume unter den Brückenbögen nur auf der Mitte der Kreuzung Dammstraße/Johannisstraße gewährleistet. Dort ist die Brücke bereits abgetragen, das Einsturzrisiko gebannt. Bevor die Baufirma aber mit dem Graben entlang der Brücke loslegen kann, muss sie erst noch den Kanalbau in dem Bereich abschließen.
Der größte Teil der historischen Brücke bleibt im Boden
Das dauere noch sechs Wochen, meinen SEHI und Baufirma. Danach folgt das Freilegen der Brücke. Ist das erledigt, sollen die Sichtsteine – sie bilden die äußere Reihe des Bauwerks – abgetragen werden; der große Rest der insgesamt 7,50 Meter Brücke bleibt im Boden. Der wird in dem Bereich so verfüllt, dass die Dammstraße wieder befahrbar ist. Die Stadt – sie ist in diesem Fall Bauherr, überträgt die Arbeiten aber der SEHI – veranschlagt den zweiten Teil der Arbeiten mit fünf Monaten.
Das macht zusammen mehr als ein halbes Jahr Bauzeit und weitere Sperrung. Die Kosten stehen noch nicht fest: Es gebe zu viele Unwägbarkeiten, sagt Rathaussprecher Helge Miethe, das hätten die Kanalarbeiten ja gezeigt. Das Angebot der Baufirma soll sich auf einen „niedrigen einstelligen Millionen-Betrag“ belaufen – es dürfte um die 1,5 Millionen Euro liegen.
Unklar ist auch noch, wie sich die Bürger die Brücke ansehen können. „Das ist eine Baustelle, da kann man nicht herumlaufen“, betont Tiefbau-Fachbereichschef Kai-Uwe Hauck. Gleichwohl wolle man das Bauwerk „sichtbar und erlebbar machen“. Kurzfristig durch das Freilegen, langfristig durch das Ausstellen der Sichtsteine. Sie zu bewahren, ist eine Auflage von Denkmalpfleger Christoph Salzmann.
Hildesheim hofft bei Kosten auf die Hilfe des Landes
Die Stadt und die SEHI hoffen angesichts der Besonderheit der Brücke auf finanzielle Hilfe vom Land – sowohl beim Bergen der Steine als auch bei deren Präsentation später, erklärt Rathaus-Sprecher Miethe. Doch hat der ganze Entscheidungsprozess mit drei Monaten nicht zu lange gedauert? Die Aufgabe sei sehr komplex, hält Miethe dagegen: Es habe in der jüngeren Vergangenheit in Hildesheim nichts Vergleichbares gegeben.
Zufahrt zur Bischofsmühle wohl in sechs Wochen wieder frei
Eine gute Nachricht gibt es für die Anlieger des Dammstraßen-Stutzens, der zur Bischofsmühle führt: Sie können ihre Wohnungen voraussichtlich in vier bis fünf Wochen wieder anfahren – wenn nämlich die Kanalarbeiten auf der Kreuzung sind und das Freilegen der Brücke beginnt.


