Hildesheim - Nicht mehr lange, dann wird Karin Schramm 85 Jahre alt. Höchste Zeit, einen neuen Job anzufangen, dachte sich die Hildesheimerin – und begann eine Ausbildung zur Seniorenbegleiterin. Die ist mit 50 Unterrichtsstunden zwar eher der Turbo im Vergleich zur klassischen Ausbildung. Der Job aber, der ist echt. Auch ein Praxisteil gehört dazu, und den absolviert Schramm gerade in der Tagespflege Daheim statt Heim im Ostend.
„Ach, ich dachte, ich komme einfach hierher und schnuppere mal rein“, sagt Schramm vergnügt, die seit einiger Zeit auch in der Nachbarschaft lebt. Dass sie so gar keine Berührungsängste hat, was ihre neue Aufgabe betrifft, liegt wohl auch daran, dass die gar nicht neu ist. „Als ich noch in Giesen gewohnt habe, war ich dort ehrenamtlich im Seniorenpark tätig. Und zwar 15 Jahre lang“, sagt die 84-Jährige, die früher mit einem Geschäft für Bastelartikel selbständig war. „Zum Beispiel habe ich den Menschen dort oft vorgelesen.“
Männern muss man andere Sachen vorlesen als Frauen
Das ist für sie gefühlt fast gar keine Arbeit, wie sie sagt. „Ich lese selber sehr gern, im Augenblick gerade ein ganz tolles Buch von Ferdinand von Schirach.“ Also warum nicht auch andere Menschen auf diese Weise unterhalten. Immer mit der passenden Lektüre, versteht sich. „Jetzt zur Weihnachtszeit gibt es ja total schöne Geschichten, auch für Kinder. Aber man muss schon immer sehen, welches Publikum man hat, ob das eben Kinder sind, junge Erwachsene, Senioren – oder Männer. Männern muss man ja ganz andere Sachen vorlesen.“ Was denn zum Beispiel? „Ach“, sagt Schramm und lacht, „nichts mit Zwergen und Kobolden jedenfalls. Sowas wollen die nicht hören.“
Überhaupt sei es wichtig in der Seniorenbegleitung, auf die Menschen einzugehen, sagt Karin Schramm. „Da lerne ich momentan in der Ausbildung viel. Etwa, was man beachten muss, wenn jemand an Demenz erkrankt ist.“ Die Ausbildung vermittelt den Umgang mit altersbedingten Einschränkungen aller Art, sowohl körperlichen als auch geistigen, mit Vergesslichkeit, Hörschwächen und anderen Erscheinungen, die auch in der Kommunikation mit den Seniorenbegleitern eine wichtige Rolle spielen.
Immer interessiert bleiben, das ist das Wichtigste
Doch Karin Schramm hat auch davor keine Angst – schließlich ist sie mit vielen der Gäste hier bei Daheim statt Heim altersmäßig auf Augenhöhe und weiß genau um die alltäglichen Probleme der Seniorinnen und Senioren. Gleichzeitig ist sie fit genug, um ihre neue Aufgabe sicher noch lange auszufüllen. „Man darf nie den Humor verlieren und muss vor allem interessiert bleiben“, sagt sie – in ihrem Freundeskreis habe sie sogar Menschen, die nicht einmal wüssten, was der Unterschied zwischen einem Seniorenheim und einer Tagespflege sei. Ungläubig schüttelt sie den Kopf. „Das muss einen doch schon deshalb interessieren, weil es eines Tages auch auf uns zukommen könnte!“
Sebastian Adamski, Chef der Tagespflege im Ostend, freut sich sehr über die Verstärkung im Haus, wie er sagt: „Es ist toll, dass Menschen sich so engagieren“, sagt er. Karin Schramm tue es zwar ehrenamtlich, „aber auch sonst könnte die Seniorenbegleitung sicher für viele Menschen im Rentenalter eine Option sein, zumal es ja jetzt den neuen Freibetrag der Aktivrente gibt“. Demnach dürfen Rentner ab dem 1. Januar steuerfrei 2000 Euro pro Monat dazuverdienen.
360 Quadratmeter Raum und ein Garten
Daheim statt Heim bietet in der Tagespflege Menschen Raum und Beschäftigung. Auf 360 Quadratmetern plus Garten haben sie die Möglichkeit, mit anderen den Tag zu verbringen, Ruheräume sorgen für Rückzugsalternativen. Ein Gemeinschaftsraum ist der Mittelpunkt des Hauses, hierher kommen auch alle zum Frühstücken oder Mittagessen. Ziel der Tagespflege ist es auch, Angehörige von der teils stressigen Pflegetätigkeit zu entlasten. Das Beschäftigungsangebot richtet sich nach den Fähigkeiten und Neigungen der Gäste.
