„Kommst du?“

Daheim statt Heim plant Tagespflege im Hildesheimer Ostend – und legt Kampagne auf, um Personal zu gewinnen

Hildesheim - 2023 will Sebastian Adamski mit seinem Pflegedienst Daheim statt Heim im Hildesheimer Ostend die erste privat geführte Tagespflege der Stadt eröffnen. Dafür sucht er Leute – und will ganz nebenbei der Pflege zu einem besseren Ruf verhelfen.

Hildesheim - Im kommenden Jahr will Sebastian Adamski mit seinem Pflegedienst Daheim statt Heim im Hildesheimer Ostend die erste privat geführte Tagespflege der Stadt eröffnen. Am alten Wasserwerk soll die Einrichtung voraussichtlich im kommenden April mit 24 Service-Wohnungseinheiten und eben jener Tagespflege mit 20 Plätzen eröffnen – und dafür braucht er Personal. „Aber nicht allein für diesen neuen Standort“, sagt er. „Wir sind inzwischen mit 86 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Hildesheim, Algermissen und Bockenem vertreten, davon sind 45 in Vollzeit beschäftigt“.

Das Image der Pflege war bisher: Sie ist weiblich, sie ist still, und sie kostet nichts

Sebastian Adamski, Daheim statt Heim

Insgesamt 16 Stellen möchte Adamski nun zusätzlich besetzen, wie er sagt. Um das in Zeiten des Pflegenotstands zu schaffen, hat er eine Kampagne gestartet, die mit farbenfrohen Hingucker-Motiven auf sich aufmerksam macht. „Nix für Waschlappen“ steht oben drüber oder „Und auch noch Zeit für Sport“ – nicht unbedingt Slogans, mit denen man als Erstes Pflege verbinden würde, wie Adamski selbst weiß. „Es geht ja gerade darum, das alte Image der Pflegeberufe abzulegen, das ihnen teils bis heute noch anhaftet.“ Demnach, so der Unternehmer, ist Pflege „weiblich, still und kostet nichts“.

Den billigen Pflegejakob wird es nicht mehr geben

Sebastian Adamski, Daheim statt Heim

Tariflohn einer Pflegekraft liegt bei gut 22 Euro pro Stunde

Dieses Bild müsse aus den Köpfen der Menschen verschwinden. „Der Tariflohn einer Pflegefachkraft liegt inzwischen bei über 22 Euro“, sagt Adamski, „und das ist gut. Daraus ergibt sich dann nur die Frage, welche und wie viele Menschen sich das noch wie bisher leisten können.“ Er merke in seinen Häusern selbst, dass die Nachfrage zurückhaltender werde. „An Wochenenden zum Beispiel entscheiden sich dann doch viele Familien, bestimmte Pflegeleistungen für einen Angehörigen selbst zu übernehmen als uns zu beauftragen.“ Bereits seit September sei das Geschäft leicht rückläufig. „Aber den billigen Pflegejakob wird es nicht mehr geben.“

Faire Konditionen will der Chef auch seinen zukünftigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bieten. Daheim statt Heim sucht neben Pflegefachkräften auch Pflegehilfen, FSJ-ler und Hauswirtschaftskräfte. „Ich könnte mir für die Besetzung auch gut Ukrainerinnen mit entsprechender Vor- und Ausbildung vorstellen“, sagt Adamski.

900 Betriebe im Landkreis aus der Gesundheitswirtschaft

Was er sich für die Pflege allgemein wünscht, nämlich mehr Wahrnehmung und mehr Solidarität innerhalb der Branche, das haben sich auch die Unternehmer Hildesheim mit der Gründung ihres Netzwerkes Gesundheitswirtschaft vorgenommen – ein Forum für das Zusammenkommen von Vertretern nicht nur von Krankenhäusern oder Krankenkassen, wie Unternehmer-Vorstand Werner Fricke sagt: „Hier sind Therapeuten mit im Pool, Ärzte und Apotheken selbstverständlich, Taxiunternehmen und so weiter“. Zähle man im Landkreis Hildesheim die Zahl der professionellen Akteure in der Gesundheitsbranche zusammen, so komme man laut Landkreis auf 900.

Im Gegensatz zu vielen Zweigen der Industrie gibt es in der Gesundheitswirtschaft gar keine Historie des Vernetzens.

Werner Fricke, Vorstand Unternehmer Hildesheim

Genug, um einige drängende Themen auf breiter Ebene angehen zu können, ist Fricke überzeugt. „Im Gegensatz zu vielen Zweigen der Industrie ist es hier aber so, dass es gar keine Historie des Vernetzens gibt. Das findet zumindest hier im Landkreis so zum ersten Mal statt.“ Doch nur wenn man auf breiter Front mit Vorurteilen aufräume und statt dessen die tatsächlich wichtigen Positionen in der Gesundheitswirtschaft stärke, sei ein Imagewandel möglich. Und so letztendlich auch die Bekämpfung des Pflegenotstands.

Der Begriff Pflegenotstand ist alt, nicht neu

Der Begriff „Pflegenotstand“ allerdings ist in Wahrheit nicht nur nicht neu, er ist sogar sehr alt – ursprünglich stammt er aus den 1960er Jahren, als in Deutschland die Zahl der Krankenhäuser sprunghaft stieg, parallel die Altenpflege ausgeweitet wurde und es in der Folge zu massivem Personalmangel kam. Gelöst ist das Problem bis heute nicht. Doch die ersten Bewerbungsgespräche hat Sebastian Adamski immerhin bereits geführt.

Auch das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) plädiert für eine Aufwertung des Images der Pflegeausbildung. Um mehr junge Menschen dafür zu gewinnen, komme es darauf an, an der Wahrnehmung der Ausbildung anzusetzen, sagte BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser der Deutschen Presse-Agentur. „Dazu müssen wir verdeutlichen, dass Pflegeberufe nicht nur gesellschaftlich überaus relevante, sondern vor allem auch sehr anspruchsvolle Berufe sind, die von den Beschäftigten ein hohes Maß an Kompetenzen und Qualifikationen erfordern.“

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