“Wenn schon Fan, dann richtig“

Mit dem Rollator am Spielfeldrand: Mit 77 Jahren ist Elli der wohl größte Fußballfan in Sibbesse und Westfeld

Sibbesse/Westfeld - Nach dem Umzug in den Seniorenwohnpark in Sibbesse wollte Elisabeth Hoenigk neue Leute kennenlernen – jetzt gehört sie zur Fußball-Familie. Nach dem Spiel geht es erst zum Bingo und dann mit der Mannschaft in den Imbiss. Die Geschichte einer Fan-Liebe.

Elisabeth „Elli“ Hoenigk und die Mannschaft der SG Sibbesse/Westfeld. Foto: Werner Kaiser

Sibbesse/Westfeld - „Gut Elli, dass du da bist – dann kann uns heute gar nichts passieren“, begrüßt Florian Laue herzlich eine Seniorin, die am Spielfeldrand auf der Sitzfläche ihres Rollators Platz genommen hat. Florian Laue kickt für die Herren der SG Sibbesse/Westfeld, und das Team empfängt an diesem Tag auf dem Sportplatz in Westfeld in der 2. Fußball-Kreisklasse die Spvgg. Burgstemmen-Mahlerten. Wie immer, wenn die SG aufläuft, ist Elisabeth Hoenigk als Zuschauerin dabei. Sie wird von allen nur „Elli“ gerufen.

Fünf Grad und diesiges Wetter – es liegt eine fiese, nasse Kälte in der Luft. Elisabeth Hoenigk hat sich ihre Winterjacke angezogen, darunter trägt die 77-Jährige ein Sweatshirt. Eines der Spielgemeinschaft Sibbesse/Westfeld in der Vereinsfarbe blau. „Wenn schon Fan, dann richtig. Ich fahre auch zu den Auswärtspartien mit“, sagt sie.

Sibbesses Patrick Wolf hämmert im Spiel gegen Burgstemmen den Ball mit einem Volleyschuss an die Latte. „Nu habe ich die Chance gar nicht mitgekriegt“, bedauert Hoenigk. Kein Wunder: Sie wird ständig von irgendjemandem begrüßt. Aber die SG – immerhin Tabellendritter – führt ohnehin bereits mit 2:0.

Seit ein paar Monaten ist Elisabeth Hoenigk eine Art neues Maskottchen der Herren-Mannschaft, ein Edel-Fan. Gekommen ist das so: Nach dem Tod ihres Mannes Arnold zieht sie aus Freden in eine Wohnung des Seniorenwohnparks Sibbesse. „Ich wollte raus aus dem Haus in Freden, und der Wohnpark gefiel mir.“ Kinder haben die Hoenigks nicht. Wer im Alter in einer neuen Umgebung nicht allein sein will, muss aktiv werden. Für Elli kein Problem, sie ist offen und kontaktfreudig. „Ich habe früher mit meinem Mann in Hannover 15 Jahre lang den Hapra Grill geführt“, erzählt sie. Das schafft nur jemand, der keine Angst vor Menschen hat.

„Ich war gleich mittendrin“

In Sibbesse eingezogen, besucht sie am 1. Mai dieses Jahres gemeinsam mit einer Nachbarin aus dem Wohnpark neugierig das Fest der hiesigen Feuerwehr. „Ich war gleich mittendrin“, sagt Hoenigk. Was man denn in ihrer neuen Heimat sonst noch so alles anfangen könne, will sie dann von den Leuten wissen, mit denen sie am Tisch sitzt. Die Antwort: „Na, dann komm’ mal mit, wir haben hier ein tolles Fußball-Team.“ Ihre neuen Bekannten wollen nämlich gerade vom Feuerwehrfest zur Party der SG Sibbesse/Westfeld wechseln. Auch die Kicker feiern damals den 1. Mai.

„Da lernte ich noch mehr Menschen kennen, ich habe an dem Nachmittag sogar noch Rock ’n’ Roll getanzt“, erinnert sie sich grinsend. „Aber nur kurz.“ Hoenigk hat es nämlich ziemlich im Rücken, „und auch die Hüfte macht Ärger“. Deshalb braucht sie einen Rollator. Mobil ist die 77-Jährige trotzdem, sie fährt Auto. „Nächste Woche bekomme ich einen neuen Wagen, einen Toyota. Hybrid und zum ersten Mal einen mit Automatik“, sagt sie.

In Oldenburg geboren

Elisabeth Hoenigk ist in Oldenburg geboren und aufgewachsen, ihr Sprachklang ist noch heute norddeutsch eingefärbt. „Mein Papa war in der Jugendarbeit des VfB Oldenburg engagiert. Da bin ich schon als Kind immer mit – seitdem ist Fußball mein Ding.“

Nach der Schule macht Hoenigk eine Ausbildung zur Großhandelskauffrau bei Grundig. In Oldenburg lernt sie auch ihren Mann Arnold kennen. Das Paar zieht später nach Hannover, lebt von 1973 bis 2004 in Langenhagen. Danach geht es nach Freden. „In Hannover etwas zu kaufen, wäre zu teuer gewesen.“ Im Süden des Kreises Hildesheim wird das Paar fündig: ein altes Fachwerkhaus. Fast 20 Jahre wohnen die beiden in Freden. Bis ihr Mann stirbt.

Instagram-Posts werden geliked

Es ist Halbzeit im Spiel gegen Burgstemmen. „Wir sind froh, dass wir Elli haben“, sagt Susanne Kühle, Geschäftsführerin des TSV Sibbesse und Vorsitzende des Fördervereins der Fußball-Abteilung. „Es gibt bei uns zwar schon einige ältere Fans“, so Kühle weiter und deutet auf eine Gruppe Männer mit ziemlich grauen Haaren. „Aber mit Elli haben wir jetzt auch ein Mädchen dabei.“ Und Elisabeth Hoenigk geht mit der Zeit. „Elli liked jeden unserer Vereins-Posts auf Instagram“, so Susanne Kühle. „Muss man doch auch“, meint Hoenigk trocken – oder, um im Fußball-Sprech zu bleiben: Man sollte immer am Ball bleiben.

Die Pause neigt sich dem Ende. Florian Laue kommt noch mal vorbei. „Einige aus unserem Team waren am Sonnabend bei Elli zum Grünkohlessen eingeladen. Lecker!“, erzählt er. Mit dabei sind bei der Kohl-Sause auch Kevin Horstmann, Patrick Wolf und Florian Budke. Zum Grünkohl gibt es Kartoffeln, Kassler, Bauchfleisch, Bregenwürste und – wie es sich für eine Oldenburger Köchin gehört – Pinkel-Würste. „Ich dachte erst, dass ich mir die aus meiner alten Heimat schicken lassen müsste. Aber Pinkel bekommt man tatsächlich auch im Supermarkt in Bad Salzdetfurth“, so Hoenigk.

Komplett glatt verläuft ihr neues Leben in Sibbesse aber dennoch nicht. Im Oktober stellt sich heraus, dass der Seniorenwohnpark in dem sie jetzt lebt, insolvent ist. Ein Schock. Einige der Bewohner protestieren – Hoenigk freilich auch. Allerdings betrifft die Insolvenz nicht das Betreute Wohnen, sondern das Pflegeheim. Hoenigks Zuhause bleibt erhalten.

„Bingo“ auf N3 ist Pflicht

Lars Klingebiel erzielt das 5:0 – der Sieg der SG gegen Burgstemmen an diesem letzten Spieltag vor der Winterpause in der 2. Kreisklasse ist längst in trockenen Tüchern (Endstand 10:0!). Elisabeth Hoenigk macht sich langsam auf den Heimweg: „Mir ist ziemlich kalt. Und außerdem gibt es gleich Bingo im Fernsehen, auf N3 mit Michael Thürnau.“ Ein Pflichttermin für Elli. Weil auch die Zuschauer der TV-Show mitspielen können, hofft Hoenigk, dass sie mal gewinnt. „Das Geld würde ich der SG spenden, damit die sich einen Rasenmäherroboter anschaffen können.“ Susanne Kühle, die Vorsitzende des Fußball-Fördervereins, nickt: „Das wäre es ja. Wir versuchen schon lange, den Mäher zu finanzieren.“

Elisabeth Hoenigk lenkt ihren Rollator Richtung Parkplatz. „Kommst du nachher noch ins Matzus“, ruft Spieler Florian Laue ihr hinterher. Matzus heißt der Imbiss, in dem sich die Mannschaft regelmäßig trifft, auch nach den Spielen. Hoenigk: „Klar, wenn Bingo vorbei ist, schaue ich vorbei.“

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