Psychotherapie

Ängste und Depressionen: Wie neue Technologien bei der Behandlung von Patienten in Hildesheim helfen sollen

Hildesheim - Depressive Störungen gehören zu den häufigsten und am meisten unterschätzten Erkrankungen. Das Ameos-Klinikum in Hildesheim nutzt technische Mittel, um Menschen zu unterstützen. (mit Video)

In der virtuellen Realität können Patienten und Patientinnen sich ihren Ängsten stellen – VR-Brillen sind eines der technischen Mittel, die das Ameos Klinikum Hildesheim bei der Behandlung psychischer Probleme nutzt. Foto: Werner Kaiser

Hildesheim - Keine Freude am Leben mehr, keine Motivation – und im Kopf scheint alles düster: Laut Bundesministerium für Gesundheit gehören depressive Störungen zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankung.

Was hilft, ist bekannt: Eine Kombination aus Therapie und Medikation. Aber was, wenn die Medikamente nicht wirken, oder ein Patient oder eine Patientin diese nicht verträgt? In diesem Fall spricht man von Therapieresistenz. Das Ameos-Klinikum nutzt seit kurzem eine neue Methode, um jenen Menschen zu helfen: rTMS.

Acht Kilo schwere Magnetspule

rTMS, das steht für repetetive transkranielle Magnetstimulation, wie Dr. Markus Borgmann, stellvertretender Ärztlicher Direktor im Ameos-Klinikum, erklärt. In der Neurologie ist das Ganze eine gängige Praxis, seit einigen Jahren häufen sich auch die Studienergebnisse, die die Wirksamkeit bei depressiven Menschen nachweisen.

Bei der rTMS wird eine acht Kilo schwere Magnetspule der Firma MagVenture an den Vorderkopf des Patienten beziehungsweise der Patientin gehalten. Durch Magnetimpulse werden die Nervenzellen des Gehirns stimuliert. Das kann dazu führen, dass die bei der Depression ins Ungleichgewicht geratene Hirnaktivität normalisiert wird.

Erste Patientin ist „super begeistert“

„Wir haben damit im November gestartet, unsere ersten Erfahrungen decken sich mit vorhandenen Studien“, sagt Borgmann. Demnach würde ein Drittel der Probanten und Probantinnen sehr gut auf die Anwendung reagieren, ein Drittel gut – und bei einem Drittel verändert sich nichts.

Bei denen, die keinerlei Vorteil durch die Behandlung verspüren, verschlechtert sich auch nichts. Direkt die erste Behandlung war tatsächlich ein richtiger Erfolg. „Unsere erste Patientin war super begeistert“, berichtet Borgmann. „Sie litt viele Jahre unter Depressionen, nach ihrer zweiten Behandlung hat sie das erste Lächeln im Gesicht gehabt.“

Manko: Erfolg ist nicht anhaltend

Schmerzhaft seien die Magnetimpulse nicht, höchstens etwas unangenehm. Während der sechsminütigen Behandlung werden für einige Sekunden Impulse gesetzt, dann gibt es wieder einige Sekunden Pause. Schädlich seien die Magnetimpulse dabei nicht, selbst für Schwangere eigne sich die Behandlung. Nur, wer durch frühere Operationen etwa eine Metallplatte im Kopf hat, bei dem werde die Angelegenheit schwieriger, da sich das Metall durch die Impulse erhitzen könnte.

Das einzige Manko: Der Erfolg hält nicht an, die Behandlung muss wiederholt werden. Oder, wie Borgmann sagt, sie nutzt zumindest, um aus dem schlimmsten Tief herauszukommen. Um sich dann beispielsweise wieder mit besserem Gefühl der Therapie zu widmen.

Mit der VR-Brille die eigenen Ängste bekämpfen

Auch für Menschen, die unter einer Angsterkrankung leiden, gibt es im Ameos ein neues technisches Angebot: Die VR-Brille. In einer Virtual-Reality, kurz VR, können Patienten und Patientinnen sich ihren Ängsten stellen, etwa vor sozialen Situationen oder Höhenangst.

Bei der Behandlung setzt der Patient oder die Patientin eine VR-Brille auf und kann so verschiedene Szenarien durchlaufen. Davor und danach gibt es Gespräche mit dem zuständigen Therapeuten oder der zuständigen Therapeutin – diese können während der Szenarien auch steuern, wie intensiv das Erlebte wird.

„Man lernt, die Angst auszuhalten“

„Es wirkt wie die Realität, es gibt einem wirklich das Gefühl, als wäre es echt“, erzählt Emrah Jasarov. Der 32-Jährige ist Patient der Ameos-Klinik und nutzt die VR-Brille vor allem, um sich unangenehmen sozialen Situationen zu stellen. Indem der anwesende Therapeut sieht, wie Jasarov etwa auf Stresssituationen körperlich reagiert, können sie gemeinsam viel effizienter an den Problemen arbeiten, meint er. „Man wird hier noch aufgefangen, ich bin wirklich begeistert.“

Von der neuen Methode, sich seinen Ängsten zu stellen, ist auch Steffen Wanza überzeugt. Er ist die psychologische Zentrumsleitung. „Das ist eine ganz tolle Möglichkeit, in die Situationen reinzugehen“, sagt er. „Man lernt, die Angst auszuhalten – und dadurch flacht sie mit der Zeit ab.“


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