Hildesheim - Depressionen und andere psychische Krankheiten treten als Folge der Corona-Pandemie und der aktuellen wirtschaftlichen Unsicherheiten häufiger auf. Prof. Dr. Detlef Dietrich, Ärztlicher Direktor im Ameos Klinikum Hildesheim, wies gestern bei einer Presse-Konferenz anlässlich des bevorstehenden Europäischen Depressionstages auf eine Statistik einer Krankenkasse hin: Demnach sind berufliche Fehlzeiten wegen psychischer Krankheiten innerhalb eines Jahres um 85 Prozent gestiegen.
Vier Hauptsymptome
Die Klinik hat sich zusammen mit der European Depression Association (EDA) das Ziel gesetzt, jedes Jahr rund um den 1. Oktober das öffentliche Bewusstsein für die Krankheit zu schärfen – und für ihre Symptome. Wer mehr als zwei Wochen unter zwei oder mehr der folgenden vier Kernsymptome leidet, sollte ärztliche Hilfe suchen: niedergeschlagene Stmmung, verminderter Antrieb, Verlust von Interesse und zunehmende Unfähigkeit, Freude zu empfinden. Ein Betroffener, der vor längerer Zeit daran litt, berichtete in der Konferenz über seine persönlichen Erfahrungen: der bekannte Kabarettist Matthias Brodowy.
Stress ist ein Risikofaktor
Dietrich rückte besonders eine Ursache in den Fokus, die offenbar bei der Entstehung von Depressionen eine immer stärkere Rolle spielt: der Dauerstress, dem sich viele Menschen in der heutigen Gesellschaft ausgesetzt sehen. Auf der anderen Seite führt eine Depression ihrerseits zu weiterem Stress – und der kann letztlich über vermehrte Ausschüttung des Hormons Cortisol Organe wie das Herz schädigen oder das Immunsystem belasten – auch deswegen ist es wichtig, eine Depression frühzeitig zu behandeln.
Im Fokus: das Bornavirus
Dietrich ist im Rahmen seiner Forschungsarbeit schon seit Jahren einer anderen Ursache auf der Spur, die bei der Entstehung von Depressionen relevanter sein könnte als bisher angenommen. Es geht um das sogenannte Bornavirus. Lange herrschte die Auffassung, dass es zwar Pferde tötet, für Menschen aber ungefährlich ist. Dietrich und andere Fachleute wiesen allerdings einen Zusammenhang mit dem Auftreten von Depressionen nach: Ein bestimmtes Medikament senkt nicht nur die Viruslast, sondern bessert auch die depressive Symptomatik. „Da ist noch weitere Forschung nötig“, sagt Dietrich über die Ergebnisse.
Gestörte Energieproduktion in den Zellen
Ein grundsätzliches Problem: Depressionen sind nicht objektiv messbar. Die Diagnose stützt sich vor allem auf die Schilderung der Symptome durch die Patientinnen und Patienten. Prof. Dr. Alexander Karabatsiakis von der Universität Innsbruck, wie Dietrich Repräsentant der EAN und bei der Ameos-Konferenz dabei, berichtet in diesem Zusammenhang von einem viel versprechenden Ansatz: Studien zeigen eine Wechselwirkung zwischen Depressionen und einer gestörten Energieproduktion in den Körperzellen. Die kann durch sogenannte Biomarker nachgewiesen werden – und künftig vielleicht bei der Früherkennung von Depressionen helfen.


