Ausbreitung des Coronavirus

Nicht nur die Inzidenz als Maßstab? Reaktionen aus Hildesheims Krankenhäusern

Hildesheim - Je mehr gegen Corona geimpft wird, desto weniger sage der Inzidenzwert über die Belastung des Gesundheitssystems aus, argumentiert ein führender Hildesheimer Mediziner.

Die Lage auf den Intensivstationen soll möglicherweise bald ein Faktor bei der Festlegung von Corona-Schutzmaßnahmen werden. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Sollten für Corona-Schutzmaßnahmen nicht nur die Inzidenzwerte der einzelnen Landkreise entscheidend sein, sondern auch weitere Richtwerte wie zum Beispiel die Zahl der Covid-19-Patienten in den örtlichen Krankenhäusern? Das wird in der Bundes- und Landespolitik zunehmend diskutiert. Hildesheimer Experten begrüßen die Debatte und halten es durchaus für sinnvoll, neben den Neuansteckungen der jeweils vergangenen sieben Tage, umgerechnet auf die Einwohnerzahl, auch andere Parameter in die Entscheidungen einfließen zu lassen.

„Wir erachten es für sehr sinnvoll, die Zahl der Covid-Patienten in den Krankenhäusern zu berücksichtigen“, betont Prof. Georg von Knobelsdorff, Ärztlicher Leiter des St.-Bernward-Krankenhauses (BK). Und differenziert: „Und zwar sowohl die Belegung der Intensivstationen als auch die Belegung der Normalstationen.“

Fortschritt der Impfkampagne mit wichtiger Rolle

Ein wichtiger Grund für diese Art von Kurswechsel ist für von Knobelsdorff der Fortschritt der Impfkampagne. Denn die senke die Zahl der schweren Verläufe stark. Wie viele es davon gebe und wie stark dadurch die Krankenhäuser be- oder sogar überlastet würden – dafür seien die Zahlen aus den Krankenhäusern gute Indikatoren.



„Bisher mussten etwa zehn Prozent der mit Covid Infizierten stationär im Krankenhaus behandelt werden, von diesen wiederum etwa 30 Prozent auf der Intensivstation.“ Rund zwei Drittel der Intensivpatienten mussten beatmet werden, listet von Knobelsdorff weiter auf. 2,4 Prozent aller Einwohnerinnen und Einwohner, bei denen ein positiver PCR-Test angefallen sei, seien durch die folgende Erkrankung gestorben.

von Knobelsdorff appelliert

Das Kalkül des Ärztlichen Leiters: „Durch die vollständige Impfung kann eine Reduzierung der schweren Verläufe um mehr als 95 Prozent erreicht werden.“ Das hieße, dass selbst bei steigenden Infektionszahlen verhältnismäßig viel weniger Betroffene ins Krankenhaus müssten als früher. „Je weiter die Impfungen voranschreiten, desto weniger aussagekräftig sind die Inzidenzzahlen allein“, sagt der Mediziner.

Von Knobelsdorffs Fazit: „Die Gefahr nimmt mit jeder Impfung ab. Also noch einmal ein Appell an alle: Impfen, Impfen, Impfen!“ Geschützt werden müssten diejenigen, die sich nicht impfen lassen können.

Das sagen die Verantwortlichen bei Helios

Bei Helios ist man schon länger der Ansicht, dass die Inzidenz allein nicht ausreiche,um die Belastung des Gesundheitssystems zu beurteilen: „Dieser Meinung waren wir schon im vergangenen Jahr“, sagt die Leitende Krankenhaushygienikerin Dr. Karin Schwegmann. „Entscheidend ist die Lage in den Kliniken.“



Die Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie sowie Hygiene- und Umweltmedizin ist wie Georg von Knobelsorff der Meinung, nicht nur die Intensivpatienten zu berücksichtigen, sondern alle Corona-Patienten im Krankenhaus. Auch Schwegmann sieht im Impfstatus einen wichtigen Aspekt: „Vielleicht stellen wir fest, dass vollständig geimpfte Personen gar nicht wegen Covid im Krankenhaus behandelt oder zumindest nicht intensivmedizinisch betreut werden müssen.“

„Inzidenz nach wie vor valider Indikator“

Die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, Dr. Martina Wenker, kann sich angesichts der fortschreitenden Impfungen ebenfalls die Berücksichtigung weiterer Faktoren außer der Inzidenz vorstellen. Doch sie sagt auch: „Die Inzidenz ist nach wie vor valider Indikator für Neuerkrankungen.“ Ergänzende Indikatoren „mit dem Ziel eines zukünftig noch präzisieren Monitorings des Infektionsgeschehens“ könnten aber durchaus sinnvoll sein.

Aus Sicht des Ärztlichen Direktors Dr. Holger Duwald vom Johanniter-Krankenhaus in Gronau hat sich die Inzidenz als „robust erwiesen, um notwendige gesundheitspolitische Entscheidungen zeitnah vornehmen zu können". Die Kennzahl sollte demnach weiter regelmäßig evaluiert werden, um die Dynamik der Pandemie zu beurteilen. Allerdings hält Duwald es auch für nachvollziehbar, „ergänzende Parameter, wie die Hospitalisierungsrate, für weitere zukünftige Entscheidungen festzuhalten, um die Sterblichkeitsrate und die Krankheitsschwere in der Bevölkerung zu erfassen, in der die Hochrisikogruppen zunehmend durch den Impfschutz vor ernsten Verläufen geschützt werden“.

Die Sieben-Tage-Inzidenz für Neuinfektionen liegt im Kreis Hildesheim seit einigen Tagen stabil bei 6,9, steigt aber auf Bundes- und Landesebene wieder langsam an. So droht der Region Hannover noch in dieser Woche eine Rückkehr zu den schärferen Corona-Regeln für Inzidenzen zwischen 10,1 und 35,0.

Kreis Hildesheim: Kein Corona-Patient auf Intensivstation

Die Belastung der Krankenhäuser ist indes im Kreis Hildesheim derzeit minimal: Alle vier Kliniken zusammen versorgten in den vergangenen Wochen konstant sechs oder sieben Corona-Patienten gleichzeitig. Auf einer Intensivstation liegt derzeit kein einziger von ihnen.

Zum Vergleich: Im Dezember gab es eine Phase mit knapp 80 Corona-Patienten in den Krankenhäusern, davon 19 auf den Intensivstationen und von diesen wiederum zwölf an Beatmungsgeräten. Heute sind in ganz Niedersachsen nur 15 Covid-Patienten in Intensivbehandlung.

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