Hannover/Kreis Hildesheim - Angesichts der zunehmend entspannten Corona-Lage in Niedersachsen möchte die Landesregierung die Beschränkungen schon bald weiter lockern – vor allem für Landkreise mit Inzidenzen unter 10,0. Ob Hildesheim davon schnell profitieren kann, ist zweifelhaft.
Wegen der Gefahren von Virusmutationen und einer möglichen vierten Welle im Herbst sollen aber nicht alle Zügel locker gelassen werden, sagten Ministerpräsident Stephan Weil und Gesundheitsministerin Daniela Behrens (beide SPD) am Dienstag in Hannover. Die landesweite Sieben-Tage-Inzidenz sank am Mittwoch auf 13,9. Der Bundesdurchschnitt fiel ebenfalls weiter, von 22,9 auf 20,8.
Trend spricht gegen Hildesheim
„Wir werden mit unserer nächsten Verordnung daran gehen, für Kommunen unter 10 deutliche Lockerungen vorzusehen“, sagte Ministerpräsident Weil im ZDF. Neben den Kontaktbeschränkungen könne es dabei um zulässige Obergrenzen bei Veranstaltungen gehen. Ob der Landkreis Hildesheim davon frühzeitig profitieren kann, ist allerdings ungewiss: Entgegen dem Bundes- und Landestrend stieg der hiesige Inzidenzwert am Mittwoch wieder, alle Nachbarkreise weisen derzeit niedrigere Kennwerte auf als Hildesheim.
Zwar dürfte eine neue Verordnung erst am 25. Juni in Kraft treten und damit in mehr als zwei Wochen. Dennoch deutet sich jetzt schon an, dass es für Hildesheim knapp werden könnte. Und zwar aus folgendem Grund:
Werktage „sammeln“?
Seine jüngsten Lockerungsregeln hat Niedersachsen so gestaltet, dass zur „Qualifikation“ für die nächste Lockerungsstufe fünf Werktage am Stück unterhalb des jeweiligen Kennwerts erreicht werden mussten. Bei der aktuellen Verordnung hatte das Land den Kreisen zudem erlaubt, schon vor Inkrafttreten diese Werktage zu „sammeln“. Deshalb konnten Hildesheim und andere Landkreise direkt mit den Lockerungen für Inzidenzen unter 50 starten, einige Kreise durften sogar direkt die Öffnungsschritte für dauerhafte Inzidenzen unter 35 vollziehen.
Läuft das wieder so und würde 10,0 wie erwartet zum Richtwert für noch stärkere Lockerungen, müsste das „Sammeln“ der entsprechenden Werktage also schon in der nächsten Woche beginnen. Nur dann wäre eine Punktlandung und die Umsetzung der Öffnungsschritte direkt mit dem Start der neuen Verordnung möglich.
Emden als Vorbild?
Doch das dürfte für den Landkreis Hildesheim schwierig werden. Seine Inzidenz lag am Mittwoch bei 24,7 und damit so hoch wie seit dem 27. Mai nicht mehr. Auf unter 10,0 zu kommen, ist von dort aus gar nicht so leicht, weil Tage mit vielen Neuinfektionen erst nach und nach aus der Wertung fallen. Für eine Inzidenz unter 10,0 dürfte es nur höchstens 27 Neuinfektionen pro Woche im Landkreis geben, also im Schnitt vier pro Tag. Zuletzt lagen die Zahlen deutlich darüber.
Allerdings haben inzwischen 20 niedersächsische Landkreise Inzidenzen unter 10,0 erreicht und damit fast die Hälfte. Darunter sind mit Goslar (1,5) und Hameln-Pyrmont (7,4) zwei direkte Nachbarn. Was Hoffnung macht: Die Stadt Emden, Anfang vergangener Woche noch mit einer Inzidenz über 100 belastet und unter die scharfen Vorgaben der Bundesnotbremse gefallen, hat binnen kurzer Zeit eine Inzidenz von 10,0 erreicht – eine fast sensationelle Entwicklung.
Kein kompletter Wegfall
Ein kompletter Wegfall der Beschränkungen auch bei einer örtlichen Inzidenz von 0 ist indes laut Landesregierung nicht geplant, sowohl zur Vermeidung eines Jo-Jo-Effekts als auch mit Blick auf die Gefahr von Virusvarianten. „Wir müssen uns im Sommer so verhalten, dass wir nicht nur einen schönen Sommer haben, sondern auch einen schönen Herbst“, sagte Gesundheitsministerin Behrens.
Eine Lockerung der Kontaktbeschränkungen sei in Arbeit – unter der Voraussetzung, dass der Rückgang der Neuinfektionen mit dem Coronavirus weiter anhält, sagte Regierungssprecherin Anke Pörksen. Die Details werden demnach gerade zwischen den Ministerien abgestimmt. Insbesondere gehe es um die Kontaktbeschränkungen im privaten Bereich. Unwahrscheinlich sei, dass die Lockerungen noch vor dem Auslaufen der aktuellen Corona-Verordnung am 24. Juni in Kraft treten. Die Auswirkungen der jüngsten Lockerungen auf die Infektionslage müssten abgewartet werden.
Lange Wartelisten fürs Impfen
Entscheidend dafür ist aus Sicht von Gesundheitsministerin Behrens auch das weitere Voranschreiten der Impfkampagne.
Mit Aufhebung der Impfpriorisierung setzten sich am Montag 123 000 Niedersachsen auf die Warteliste für einen Termin im Impfzentrum, insgesamt rund 640.000 Menschen stehen derzeit auf der Liste, darunter gut 23.000 im Landkreis Hildesheim.
Impfstoff-Probleme
46,7 Prozent der Niedersachsen haben inzwischen eine Erstimpfung, 20,5 Prozent schon den vollen Impfschutz. Im Kreis Hildesheim liegen diese Zahlen mit Stand von Dienstagabend bei 49,2 und 20,6. Erschwert wird die Impfkampagne weiterhin von Lieferschwankungen. Teils kommen weniger Dosen, teils verschieben sich Liefertermine – etwa bei Johnson & Johnson, wofür auch ein gebürtiger Hildesheimer Verantwortung trägt – oder die Dosen der jeweiligen Hersteller werden nicht im für Zweitimpfungen nötigen Umfang geliefert.
