Hildesheim - Die Arztpraxen in Stadt und Landkreis bekommen in der nächsten Woche nur halb so viele Dosen des Impfstoffs von Johnson & Johnson wie ursprünglich angekündigt. Das haben die Medizinerinnen und Mediziner kürzlich durch ein Rundschreiben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung erfahren. Was vermutlich weit weniger bekannt ist: Die Lieferprobleme des Impfstoff-Herstellers haben ihre Ursache vor allem in Missständen einer Fabrik in den USA, die der Firma eines gebürtigen Hildesheimer gehört. Dieser musste sich kürzlich im US-Kongress peinlichen Fragen stellen.
Fuad el-Hibri wurde am 2. März 1958 in Hildesheim als Sohn einer katholischen Deutschen und eines muslimischen Libanesen geboren. Er wuchs in Deutschland und im Libanon auf. Welche Rolle Hildesheim dabei spielte und wie lange er in der Stadt lebte, ist unklar. Sicher ist, dass er ein brillanter Student war und ein erfolgreicher Geschäftsmann wurde. Ins Licht einer breiten Öffentlichkeit geriet er allerdings in diesem Frühjahr mit einem Misserfolg.
Zutaten vermischt
Denn El-Hibri ist Gründer und Aufsichtsrats-Vorsitzender des Impfstoff-Produzenten Emergent Biosolutions im US-amerikanischen Baltimore. In einer dortigen Fabrik ließen die Firmen Johnson & Johnson und Astrazeneca seit Monaten einen Teil ihres Corona-Impfstoffs produzieren – schließlich hatte sich das Unternehmen mit Entwicklung, Produktion und Vertrieb von Impfstoffen, unter anderem eines Vakzins gegen Milzbrand für die US-Streitkräfte, einen guten Ruf erarbeitet.
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Doch im April stoppte die US-Aufsichtsbehörde für Medikamente und Nahrungsmittel (FDA) die Herstellung der Corona-Impfstoffe in Baltimore – und erhob gravierende Vorwürfe gegen El-Hibris Unternehmen. Zunächst war herausgekommen, dass Beschäftigte des Werkes Bestandteile der Impfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson vermischt hatten – 15 Millionen Dosen des Präparats von Johnson & Johnson wurden dadurch unbrauchbar.
Gravierende Mängel
Die FDA konstatierte „menschliches Versagen“ in der Belegschaft, die für die Produktion der Corona-Impfstoffe sehr schnell und möglicherweise ohne ausreichendes Training aufgestockt worden war. Ein herber Rückschlag: Schließlich muss der Impfstoff von Johnson & Johnson nur einmal verabreicht werden und galt deshalb in den USA – und inzwischen auch in Europa – als wichtiger Baustein für eine Beschleunigung der Impfkampagne.
Doch es sollte noch dicker kommen für El-Hibri und seine Firma. Die Aufsichtsbehörde nahm die Fabrik in Baltimore genauer unter die Lupe – und stellte gravierende Mängel fest. Mäßig ausgebildete Beschäftigte, die sich nicht an vorgesehene Arbeitsabläufe hielten und teilweise keine Schutzkleidung trugen, von den Wänden blätternder Putz – die Mängelliste war lang, das Werk blieb stillgelegt. Fuad el-Hibri musste sich einer Anhörung im US-Kongress stellen und bekam von Abgeordneten vorgehalten, seiner Firma sei „nicht zu trauen“.
Millionen Dosen blockiert
Der gebürtige Hildesheimer wehrte sich. Alles habe sehr schnell gehen müssen, jeder habe gewusst, dass es extrem schwierig sei, in kurzer Zeit und mit neuer Technologie zwei neue Impfstoffe herzustellen, noch dazu in solchen Mengen. Gleichwohl seien die Vorkommnisse „inakzeptabel“, das Werk „sicher nicht in perfektem Zustand“ gewesen.
Die Folgen für die Impfkampagne gerade auch in Europa waren massiv. Denn die Logistik von Johnson & Johnson sah nicht nur die Produktion von Impfstoff in Baltimore vor – zudem sollten dort offenbar auch zuvor in den Niederlanden hergestellte Dosen abgefüllt und dann zurück nach Europa gebracht werden. Insgesamt sollte Johnson & Johnson von April bis Juni dieses Jahres 55 Millionen Dosen Impfstoff in die EU liefern. Angekommen sind einem Bericht des Manager-Magazins zufolge bisher nur 7 Millionen. Auch viele andere Staaten erwarteten deutlich größere Lieferungen. Rund 60 Millionen zum Teil fertige, zum Teil fast fertige Dosen des Impfstoffs sind aktuell durch die US-Aufsichtsbehörde blockiert.
Neustart lässt auf sich warten
US-Medien hatten zuletzt berichtet, für den vergangenen Freitag werde die Freigabe dieser Dosen und auch die Erlaubnis zum Neustart der Fabrik in Baltimore erwartet. Doch tatsächlich hat die FDA noch immer kein grünes Licht gegeben. Und das dringlich erwartete Serum bleibt global weiter knapp.
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Für Fuad El-Hibri ist es das wohl größte Desaster seiner Unternehmer-Karriere, und angesichts der globalen Bedeutung der Corona-Impfstoffe ist der Imageschaden enorm. Dabei hat sich der 63-Jährige, der vor seinem Einstieg in die Impfstoff-Produktion 1998 lange in der Telekommunikations-Branche aktiv war, auch viel um sein Ansehen gekümmert. Er hat eine Stiftung gegründet, die vor allem muslimische Gemeinschaften in den USA fördert – mit der ausdrücklichen Maßgabe, es gehe darum, bei der Integration in die US-Gesellschaft zu helfen. Auch vergibt er seit Jahren Preise für herausragende Studenten.
Kampf ums Lebenswerk
Doch im Moment kämpft er wohl um sein Lebenswerk. Und darum, noch einmal sagen zu können, was seine Firma zu Beginn der Kooperation mit Johnson & Johnson verkündete: „Wir empfinden Stolz und Demut dabei, eine so große Rolle bei der Bekämpfung der tödlichen Pandemie zu spielen.“
Fuad el-Hibri war für eine Stellungnahme bislang nicht zu erreichen.
