Hildesheim - Die Zahlen, die über die Leinwand im La Gondola flimmern, sprechen eine deutlich Sprache – von Anfang an. Und doch tritt Ingo Meyer lange auf die Bremse, wehrt immer wieder Gratulationen ab. „Lass uns noch ein bisschen warten“, sagt er seinem Schwager Ralf Ziebolz, als der den Oberbürgermeister gegen 19.30 Uhr zur Wiederwahl beglückwünschen will. Und auch der Blumenstrauß, den ihm Tina Ringe-Rathen kurz zuvor überreicht hat, kommt dem parteilosen OB eigentlich zu früh.
Es ist ein bisschen wie bei Meyers erster Wahl vor acht Jahren, als er Amtsinhaber Kurt Machens bezwang. Auch damals lag er von Anfang an vorn, auch damals wollte er sich nicht zu freuen. „Das wäre doch peinlich“, sagt er fast entschuldigend dem HAZ-Redakteur.
Früh zeichnet sich ab: Die Stichwahl wird nicht nötig
Doch so sehr der Verlauf der Wahlnacht sich ähnelt: Diesmal ist einiges anders. Damals bangten rund 100 Anhänger von dreien Parteien mit Meyer, diesmal ist nur ein Handvoll Sozialdemokraten im Raum, am Ende kommen einige wenige CDU-Mitglieder dazu. Die meisten der 80 Menschen im La Gondola sind Unterstützer, Freunde, Familienangehörige. Darunter Meyers 82-Jähriger Vater Heinrich, der seinem Sohn durchaus einen Sieg im ersten Wahlgang zutraut: „Aber das wird bei fünf Kandidaten schwer.“ Ein Argument, mit dem auch der Oberbürgermeister vor der Wahl erklärt hat, warum er von einer Stichwahl ausgeht.
Es ist großartig, es ist großartig
Doch die wird es nicht geben – das ist um 20.18 Uhr so offensichtlich, dass Meyer auf einen Stuhl steigt, zu einer Dankesrede ansetzen will. Doch er kommt minutenlang nicht zu Wort, der Saal klatscht, „Ingo, Ingo“-Rufe sind zu hören. Meyer, sichtlich gerührt, legt den Zeigefinger an den Mund, dann darf er doch noch losgegen. Ruft: „Es ist großartig, es ist großartig!“ Bedankt sich seinen Helfern, allen voran seiner Frau Ulrike, und bei den Wählern „das zeigt, dass wir vieles richtig gemacht haben“.
Politische Inhalte gibt es keinen; eine kleine Stichelei in Richtung CDU kann sich der 52-Jährige allerdings nichts verkneifen: „Das Ergebnis sei auch als Zeichen an die Politik zu verstehen, die „ja teilweise andere Entscheidungen getroffen hat“. Die Meyer-Anhänger jubeln – und nur die wenigsten bekommen noch mit, als kurz darauf CDU-Herausforderer Dennis Münter und CDU-Parteichef Frank Wodsack vorbeikommen, um dem Wahlsieger zu gratulieren. Man bescheinigt sich gegenseitig einen fairen Wahlkampf, dann ziehen die beiden CDU-Männer ab. Und im La Gondola wird getanzt.
Enttäuschung setzt bei der CDU früh am Abend ein
Derselbe Abend, gut zweieinhalb Stunden zuvor: Auf der CDU-Party im Café Union in der Fußgängerzone übt sich zunächst mancher, wie der frühere Niedersächsische Finanzminister Hartmut Möllring, in demonstrativer Gelassenheit, er würdigt den Monitor, auf dem die Zwischenergebnisse auflaufen, lange keines Blickes, hat auch kein Smartphone in der Hand.
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Bei anderen hingegen ist die Stimmung schon nach den ersten auflaufenden Zahlen getrübt. „Wenn das so weitergeht… Super-GAU!“, entfährt es einer Christdemokratin, als sie sieht, dass Ingo Meyer früh deutlich über 50 Prozent liegt. Der Kandidat selbst bemüht sich um Fassung, die Enttäuschung ist Dennis Münter aber schon früh ins Gesicht geschrieben – zu schlecht sind die 21, 22 Prozent, bei denen er sich schnell einpendelt. Noch will er aber nichts kommentieren, nicht zu früh aufgeben.
Ingo Meyer hat es verstanden, von eigenen Fehlern abzulenken
Der erste, der sich dann zu einem deutlichen Statement durchringt und die OB-Wahl 2021 für die CDU verloren gibt, ist Stadtmitte-Ortsbürgermeister Dirk Bettels. Er war einst gegen Münter angetreten, um OB-Kandidat seiner Partei zu werden. Gegen 19.30 Uhr, da dümpelt Münter weiter bei knapp über 20 Prozent dahin, sagt Bettels: „Die Sache ist durch.“ Bettels ist seit langem scharfer Kritiker von Ingo Meyer. Dass der nun schon im ersten Wahlgang gewinnen wird, schreibt Bettels dessen Amtsbonus zu. Meyer habe es zudem verstanden, von eigenen Fehlern abzulenken und „und andere Namen zu nennen, wenn es um Versagen und Missmanagement ging“. Diese Strategie sei aufgegangen, die Wähler hätten deswegen offensichtlich Fehlentwicklungen in der Stadt nicht mit der Person Ingo Meyer in Verbindung gebracht.“
Knapp eine Stunde später räumt Dennis Münter seine Niederlage ein, er sei „schon enttäuscht, ich hatte gehofft, dass ich ein besseres Ergebnis erziele“. Münter hatte auf den Slogan „Einer von uns“ gesetzt, um sich auch von Ingo Meyer abzugrenzen, dem er zuletzt vorgeworfen hatte, Klientelpolitik für Besserverdiener zu machen.
Mit erhobenem Haupt durch die Stadt gehen
Inhaltlich stehe er weiter voll hinter seinem Motto und seinen Inhalten, betont Münter. Es sei auch völlig richtig gewesen, dass die CDU einen eigenen Kandidaten ins Rennen geschickt hat, „sonst würden wir jetzt ja nicht einmal hier sitzen“. Es hatte in der CDU auch eine starke Gruppe von Mitgliedern gegeben, die Ingo Meyer unterstützen und auf einen eigenen Kandidaten verzichten wollte. „Ich kann noch mit erhobenem Haupt durch die Stadt gehen“, sagt Münter. Der CDU-Stadtverbandsvorsitzende Frank Wodsack ergänzt: „Das Ergebnis ist ohne Frage enttäuschend.“ Das liege aber nicht an Kandidaten, Münter habe ganz klar auf Inhalte gesetzt und diese herausgearbeitet. Offensichtlich habe aber Ingo Meyer mit seiner massiven Wahlkampagne und „vielen bunten Bildern vielen Hildesheimerinnen und Hildesheimern das Gefühl gegeben, die Stadt gut geführt zu haben“. Nun müsse sich in den kommenden fünf Jahren zeigen, dass mehr komme als bunte Bilder. „Ingo Meyer muss beweisen, dass er zum Wohle der Stadt mit dem Rat konstruktiv zusammenarbeitet und die wichtigen Themen anpackt.“
Dritter Platz – und vollauf zufrieden damit
Sichtlich zufrieden mit seinem Resultat ist hingegen Hamun Hirbod. Jedes Ergebnis über fünf Prozent bei der Wahl zum Oberbürgermeister hätte er bereits als Erfolg verbucht, sagt der 37-Jährige, der erstmals für Die PARTEI angetreten ist und über ein Wahlkampfbudget von gerade einmal 1450 Euro verfügen konnte, wie er selber vorrechnet. Dass er nun sogar auf Platz drei bei fünf Bewerbern liegt und gut doppelt so viele Stimmen geholt hat wie erhofft, freut ihn sichtlich. Dabei ist er augenscheinlich nicht der Typ, der lauthals über den eigenen Erfolg jubelt oder sich hämisch über das Abschneiden von Mitbewerbern äußern würde. Während ein Dutzend Parteimitglieder im Amadeus zusammensitzen – das Lokal an der Lilie gehört Hirbod – und locker plaudern und scherzen, verfolgt Hirbod auf einem Großbildfernseher konzentriert die Aktualisierungen der Wahlergebnisse.
Die geringe Wahlbeteiligung mache ihm am meisten zu schaffen, sagt er. Gern hätte er eine Stichwahl gesehen, die dann wohl zwischen Meyer und Münter ausgetragen worden wäre. Das Ergebnis von Münter überrascht ihn allerdings: „Offenbar hat die CDU nicht geschlossen hinter ihrem Kandidaten gestanden“, so seine Mutmaßung. „Ich werde nachher mal mit einem Bier rübergehen und ihn trösten“, sagt Hirbod. „Und das meine ich überhaupt nicht ironisch. Ich mag Dennis.“ Das Gleiche gelte für den Linken-Bewerber, Jan Thul. „Ich freue mich für ihn, dass er nicht Letzter geworden ist“, so Hirbod. Einen Letzten allerdings muss es geben: Es ist Orhan Kara, der als Parteiloser angetreten ist. „Immerhin hat er ja auch einige hundert Stimmen bekommen.
Schwierig gegen Volksparteien
„Sehr zufrieden“ mit seinem vierten Platz und weit mehr als 2300 Stimmen ist auch der erst 28-jährige Jan Thul, der ebenfalls ein Newcomer für das OB-Amt ist. „Gegen Volksparteien anzutreten, ist natürlich immer schwierig.“ Thul ist überrascht, dass das Ergebnis für Meyer so klar und so hoch ausgefallen ist. Er hätte eher vermutet, dass es zu einer Stichwahl kommt. Seine Parteifreunden in den Gemeinden drücke er ganz fest die Daumen für ihre Kandidatur für Stadt- und Gemeinderäte und den Kreistage. „Wir haben da ganz wundervolle Genossen am Start.“ Dann aber macht er sich auf den Weg ins Amadeus, um Hamun Hirbod zu seinem Wahlerfolg zu gratulieren.
Orhan Kara, der als parteiloser Einzelbewerber angetreten ist, zeigt sich „schon ein bisschen enttäuscht“, dass es nicht einmal zwei Prozent geworden sind. „Ich gratuliere Herrn Meyer zu seinem Sieg“, sagt er. Am frühen Abend hat er kurz auf der Wahlparty der Grünen vorbeigeschaut, denen er sich politisch nahe fühlt, ist dann aber nach Hause gegangen, um erst einmal zu duschen. „So richtig viel zu feiern gibt es ja nun auch nicht.“ Er hoffe aber, seine Arbeit im Stadtrat fortsetzen zu können. Mit Meyer werde es genau so weitergehen wie in den vergangenen acht Jahren, so seine Prognose. „Die, die sich immer beschwert haben, ihn jetzt aber wiedergewählt haben, müssen nun damit leben.“ Meyer habe viel Geld in den Wahlkampf gesteckt, was sich nun offenbar ausgezahlt habe.
Von Rainer Breda, Jan Fuhrhop und Marita Zimmerhof



