Gewalt

Hildesheimer Polizeichef im Interview: „Ich bin erschrocken, mit welcher Aggression und Brutalität uns begegnet wird“

Hildesheim - Gewalt gegen Einsatzkräfte: Die Zahlen bleiben weiter auf hohem Niveau. Das geht aus der aktuellen Hildesheimer Kriminalstatistik hervor. Wie geht die Polizei damit um? Darauf antwortet der Leiter der Polizeiinspektion Hildesheim, Michael Weiner.

Jeden dritten Tag ist laut Statistik eine Polizeibeamtin oder ein Polzeibeamter im Dienst attackiert worden: Der Hildesheimer Polizeichef Michael Weiner setzt auch auf sogenannte Body-Cams, um präventiv eine „deeskalierende Wirkung“ zu erzielen. Foto: Polizei

Hildesheim - Michael Weiner, Chef der Polizei Hildesheim mit 560 Bediensteten, spricht im Interview über Gewalt als Risiko im Polizeiberuf – und wie er sein Team auf mögliche Angriffe vorbereitet und auch schützt. Fest steht: Die Attacken richten sich gegen die Uniform, gegen die ausführende Macht von Gesetz und Ordnung. Doch darin steckt immer ein Mensch. 

Haben Sie selbst Gewalt im Dienst schon erlebt, Herr Weiner?

Ja, habe ich – liegt aber alles schon ein wenig zurück. Im Rahmen von Demonstrationen wurden Steine auf uns geworfen, bei ganz normalen Einsätzen hat es vom polizeilichen Gegenüber tätliche Angriffe gegeben.

Wurden Sie verletzt?

Zum Glück wurde ich nicht schwerer verletzt. Heute begleite ich Kolleginnen und Kollegen des Einsatz- und Streifendienstes oder der Verfügungseinheit immer mal wieder persönlich, um einen Eindruck zu gewinnen, wie die Betroffenen auf polizeiliche Maßnahmen reagieren.

Hat sich etwas verändert?

Ich bin erschrocken, mit welchen Aggressionen und welcher Brutalität unseren Kolleginnen und Kollegen begegnet wird. Durch Deeskalation und Kommunikation können wir eine Vielzahl von brisanten Sachverhalten ohne Übergriffe und Widerstandshandlungen lösen. Darüber bin ich sehr froh, das spricht für eine bürgerorientierte und verhältnismäßig agierende Polizei.

Muss man solche Aggressionen als Berufsrisiko von Anfang an einkalkulieren?

Diese Frage kann man mit einem klaren Ja beantworten. Wir treffen immer wieder und häufiger auf Menschen, die sich in psychischen Ausnahmesituationen befinden beziehungsweise den Rechtsstaat nicht akzeptieren. Diese Ausnahmesituationen stellen an unsere Kolleginnen und Kollegen besondere Herausforderungen. Auf diese und die besonderen Erwartungshaltungen an eine Polizistin beziehungsweise einen Polizisten weisen wir schon in dem Studium an der Polizeiakademie Niedersachsen hin.

Und anschließend?

Zudem richten wir unsere zentrale und dezentrale Fortbildung darauf aus und bereiten herausfordernde Einsätze in einer strukturierten Nachbereitung immer wieder nach. Wir lernen dazu, ziehen unsere Lehren daraus und entwickeln uns weiter.

Gibt es bei der Polizei so etwas wie Schmerzensgeld? Oder einen extra freien Tag, wenn man Gewalt spüren musste?

Wir haben in den letzten Jahren eine Vielzahl von innerorganisatorischen Maßnahmen in die Wege geleitet. Früher war man eher auf sich allein gestellt, heute werden die betroffenen Kolleginnen und Kollegen rechtlich beraten – von den unmittelbaren Vorgesetzten fürsorgerisch unterstützt. Und es können spezielle Beratungsmöglichkeiten über unsere Regionale Beratungsstelle oder den Sozialwissenschaftlichen Dienst in Anspruch genommen werden. Über ein sogenanntes Adhäsionsverfahren (Verfahren vor einem Strafgericht, bei dem Verletzte Ansprüche gegen Beschuldigte geltend machen kann, obwohl dies eigentlich nur bei einem Zivilprozess möglich ist – Anm. d. Red.) haben betroffenen Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit, Schmerzensgeld mit dem anhängigen Strafverfahren zu verknüpfen.

Was genau unternimmt Ihre Dienststelle, damit alle gerade im Einsatz- und Streifendienst bei solchen Gefahrensituationen gewappnet sind?

Wir setzen in der Einsatzbewältigung grundsätzlich auf Dialog, Verständnis und Kommunikation. 99 Prozent der Einsätze laufen auch friedlich und ohne Widerstände beziehungsweise Übergriffe auf die Polizei ab. Für die wenigen, jedoch sehr herausfordernden Lagen, sehen wir eine durchgehende Fortbildung im Bereich Schusswaffeneinsatztraining, Messerangriffe, Zugriffstechniken vor.

Gehört nicht auch sportliches Training dazu?

Eine ausgeprägte körperliche und mentale Fitness der Kolleginnen und Kollegen gehört auch dazu. Daraus resultierend, sind wir jederzeit in der Lage, angemessen und im Einzelfall konsequent und schnell zu reagieren. Wir sorgen als Organisation zudem dauerhaft dafür, dass die Rahmenbedingungen für die jederzeit professionelle Aufgabenbewältigung wie moderne Führungs- und Einsatzmittel, Arbeitszeit, Familienvereinbarkeit, Freizeitausgleich gegeben sind.

Was halten Sie vom Taser-Einsatz zum Selbstschutz der Polizei gerade bei Messerangriffen?

In unterschiedlichen Ländern wird dieser Taser flächendeckend eingesetzt – in Niedersachsen und damit einhergehend in der Polizeiinspektion Hildesheim nicht. Wir haben zurzeit moderne Einsatzmittel, die uns bei der angemessenen und verhältnismäßigen Bewältigung von Einsatzlagen unterstützen.

Sogenannte Bodycams gehören in Hildesheim bereits dazu – tatsächlich eine Abschreckung für mögliche Gewalttäter?

Bodycams sind ein ausgezeichnetes Einsatzmittel. Wir können damit unser rechtsstaatliches Handeln dokumentieren, tätliche Übergriffe in ihrer Dimension und ihrer Intensität beweissicher festhalten. Und nicht zuletzt wirken die Bodycams gefühlt und tatsächlich immer wieder präventiv. In einem Fall wurden den Kolleginnen und Kollegen hier aus dem Einsatz- und Streifendienst rassistische Äußerungen vorgeworfen. Wir konnten diese haltlosen Behauptungen sehr schnell und klar entkräften. Der Einsatz der Bodycams hat einen großen Mehrwert, sowohl für die Polizei als auch die Bürgerinnen und Bürger.

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