Gesundheitliche Schäden

Post-Vac-Syndrom nach Corona-Impfung: Betroffene fühlen sich weiter im Stich gelassen

Hildesheim - Jetzt hat auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach öffentlich klar gestellt: Corona-Impfungen können in seltenen Fällen längere gesundheitlichen Folgen haben. Weil er sie aber für nicht sonderlich schwerwiegend hält, sind Betroffene wie die 15-jährige Lea aus Hildesheim empört.

Hildesheim - Als Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach am 16. Juni ein kurzes Online-Video veröffentlicht, in dem er einräumte, dass Corona-Schutzimpfungen durchaus gesundheitliche Folgen haben können, ist Thorben H. erstmal positiv überrascht. Der Gedanke des 27-Jährigen aus dem Kreis Hildesheim: Endlich erkennt der SPD-Politiker an, dass es Menschen gibt, die unter Beschwerden leiden, die wahrscheinlich im Zusammenhang mit einer vorangegangenen Schutzimpfung stehen. Lauterbach nimmt auch den Begriff in den Mund, der sich mittlerweile durchgesetzt hat: das Post-Vac-Syndrom (Vac steht als Abkürzung für Vakzin oder Vaccine und bedeutet Impfung beziehungsweise Impfstoff).

Auch die 15-jährige Lea und ihre Mutter aus Hildesheim sind erst zufrieden, dass Lauterbach nicht leugnet, dass es dieses Syndrom gibt – doch wie auch Thorben H. setzt bei beiden die Enttäuschung schon Sekunden später ein, denn Lauterbach sagt im selben Video unmittelbar danach: Man dürfe diese Impffolgen zwar nicht unter den Teppich kehren und müsse sie untersuchen, sie seien aber „viel, viel seltener als Post-Covid und auch weniger schwer.“ Was als Nebenwirkung beim Post-Vac-Syndrom möglich sei? Laut Lauterbach leide dabei die Konzentrationsfähigkeit – das wär’s dann auch schon.

Seit August 2021 krankgeschrieben

War’s das wirklich? Betroffene wie H. und auch Lea können darüber nur bitter lachen und den Kopf schütteln. Wie heftig H. nach seiner Impfung körperlich aus der Bahn geworfen wurde, darüber hatte die HAZ bereits berichtet. Ärzte bescheinigtem dem 27-Jährigen eine Autoimmunreaktion nach der Impfung sowie eine Herzmuskelerkrankung als potenzielle Folge der Impfung.

Ebenso hatte ein Mitarbeiter der Uni Hildesheim über die schwerwiegenden körperlichen Auswirkungen berichtet, die im engen zeitlichen Zusammenhang mit seiner Corona-Impfung auftraten und mit denen er seither zu kämpfen hat. Der Mann ist weiterhin nur wenig belastbar, ehe er vollkommen erschöpft ist, Schwindelattacken quälen ihn. Seit August 2021 ist er krankgeschrieben.

Lea will wie ihre Mutter nicht mit ihrem Nachnamen an die Öffentlichkeit gehen, aber unbedingt über das Thema sprechen, das ihr Leben seit mehreren Monaten bestimmt. Wenn es nur Konzentrationsschwierigkeiten wären, die sie plagten, wäre die Familie nicht so verzweifelt und wütend. Doch Leas Zustand ist weitaus dramatischer.



Am 12. August hatte sie ihre erste Impfung bekommen, am 3. September die zweite. Am 8. Oktober kam sie nach einem Zusammenbruch das erste Mal ins Krankenhaus.

Sie hat inzwischen, seit dem 21. März, einen Schwerbehindertenausweis, ist in der Pflegestufe 3 und ist auf einen Rollstuhl und die Hilfe ihrer Mutter angewiesen, wenn sie sich fortbewegen will. Neben einer Herzmuskelentzündung, die schließlich, nach langem Drängen der Eltern auf eine MRT-Untersuchung, von Ärzten bestätigt wurde, leidet das Mädchen unter motorischen Ausfallerscheinungen. Die linke Hand und die Beine zittern scheinbar unkontrollierbar, wenn die Jugendliche stehen will, knicken Füße und Beine weg. Bis März dieses Jahres nahm sie im Homeschooling am Unterricht teil, seitdem ist sie ganz draußen, weil sie die Belastung nicht aushält. Sie wird das Schuljahr nachholen müssen.

Brief von Daniela Behrens – Leas Mutter ist enttäuscht

Niedersachsens Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD) hat Ende Mai auf einen Brief geantwortet, in dem Hildesheims Landrat Bernd Lynack seiner Parteigenossen Leas Fall beschrieben hat. Behrens drückt ihr „großes Mitgefühl für die junge Frau und ihre Eltern aus“, verweist aber auch darauf, dass ihr der Abstand zwischen den Impfungen und der aufgetreten Herzmuskelentzündung „recht lang“ erscheine, außerdem „Krampfanfälle und funktionelle Gangstörungen keine typischen Folgen einer Myokarditis oder einer Impfung seien“.

Sie war vorher ein kerngesundes Mädchen

Leas Mutter, über ihre 15-jährige Tochter

Aus Leas Sicht kommt als Auslöser ihres Zustands nur die Impfung infrage. „Sie war vorher ein kerngesundes Mädchen“, sagt auch ihre Mutter, die sich vom Schreiben der Ministerin deutlich mehr erwartet hätte. Sie fühlt sich abgekanzelt.

Wie andere Betroffene hat die Familie Schwierigkeiten, Gehör zu finden und ernst genommen zu werden mit ihren Bitten und Forderungen nach Aufklärung, Forschung, Behandlungen. Ihr Hausarzt (derselbe, der auch Thorben H. betreut) sei großartig und kümmere sich umfassend, so weit er könne, berichtet Leas Mutter. Aber bei der spezialisierten fachmedizinischen Versorgung und Untersuchung stoße er an Grenzen.

Nach langem Warten bekam Lea einen Termin in der Long-Covid-Ambulanz der Uniklinik Marburg: Deren Leiter, Professor Dr. Bernhard Schieffer, kümmert sich seit Anfang des Jahres verstärkt um Patientinnen und Patienten mit Post-Vac-Syndrom. Immer mehr Betroffene melden sich, um die 3000 Menschen stehen inzwischen auf der Warteliste. Schieffer schreibt schließlich nach der Untersuchung der 15-Jährigen in einem Arztbrief vom 1. Juni von seinem „Verdacht auf Autoimmunreaktion in zeitlichem Zusammenhang nach einer Impfung gegen Sars CoV 2“, außerdem diagnostiziert er den Verdacht auf „Hyperinflammation Syndrom“ – eine übermäßige Immunreaktion des Körpers mit Entzündungsreaktionen.

Diese Folgen wurden auch bei Patientinnen und Patienten beschrieben, die eine Covid-Infektion hinter sich hatten. Eine neurologische Untersuchung in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) bringt am 17. Juni eine ganz ähnliche Diagnose: „Verdacht auf Long-Covid-Like-Syndrom postvakzinell“ mit „anhaltender systemischer Inflammation“. Außerdem ist im Arztbrief der MHH auch das Fatigue Syndrom aufgeführt, ein chronischer Erschöpfungszustand, wie er auch häufiger bei Long-Covid-Patienten beschrieben wird.

„Demaskiert“ die Impfung unter Umständen unentdeckte Autoimmunerkrankungen?

Der Marburger Mediziner Bernhard Schieffer hatte im April gegenüber der Berliner Zeitung erklärt, man müsse sich mit Blick auf die mögliche neue Impfkampagne im Herbst „jeden Patienten, den man impft, sehr genau anschauen“, um mögliche individuelle Risiken wirklich einschätzen zu können. Nach dem, was er an seiner Marburger Uniklinik bislang anhand der Untersuchungen von Post-Vac-Betroffenen festgestellt hat, müsse man davon ausgehen, dass die Impfung offensichtlich bei manchen Menschen bisher unentdeckte Autoimmunerkrankungen „demaskieren“, oder aus anderen Gründen Entzündungen im Körper befeuern könne.

Die Patienten brauchen Aufklärung. Und es braucht Forschung von der Grundlage bis zum Krankenbett, um sie effektiv zu behandeln

Prof. Dr. Bernhrad Schieffer, Long Covid-Ambulanz Uniklinik Marburg

In einem Ende Juni ausgestrahlten Beitrag des ARD-Magazins Plusminus, in dem auch Torben H. und Lea als Betroffene gezeigt werden, sagt Schieffer: „Die Patientinnen und Patienten brauchen Aufklärung bei den niedergelassenen Ärzten, dass es dieses Krankheitsbild gibt. Und es braucht Forschung von der Grundlage bis zum Krankenbett, um sie effektiv zu behandeln.“ Doch nach allem, was man bei der Recherche zu diesem Thema erfährt, ist es mit dieser Aufklärung und der Forschung nicht weit her.

Thorben H. hatte wegen seiner anhaltenden sein Blut auf Autoantikörper untersuchen lassen, der Befund war positiv. Er unterzog sich im Deutschen Hämapherese Zentrum DHZ) in Köln mehreren Blutwäschen – die Kosten von insgesamt mehr als 12.000 Euro musste er aber selbst tragen. Keine Krankenkasse zahlt dafür. Das Post-Vac-Syndrom mag nach und nach von einigen Medizinern als tatsächlich vorhanden erkannt werden, doch einen eigenen Diagnoseschlüssel gibt es nicht: So können Ärzte bestimmte Behandlungen oder Medikamente auch nicht so verschreiben, dass die Kassen dafür aufkommen.

Das müsse sich ändern, meinen nicht nur die Betroffenen, das meint auch Bernhard Schieffer, wie er in dem Plusminus-Beitrag sagt: „Es bedarf kurzfristig einer intensiven finanziellen Unterstützung, um sowohl das Patientenaufkommen als auch die Grundlagenforschung abzuarbeiten.“

Auch Lea hatte eine Blutwäsche im DHZ begonnen, in der Hoffnung, sich danach etwas besser zu fühlen. Doch die Behandlung habe vorzeitig abgebrochen werden müssen, erzählt die Mutter. „Lea hatte einen längeren Krampfanfall.“ Die bis dahin entstandenen Kosten von 6300 Euro müssen die Eltern trotzdem zahlen.

Ich finde die Ignoranz der Ärzte ganz schlimm

Lea, 15 Jahre

Neben dem Kostenfaktor und der Ungewissheit, welche Behandlungen Leas Zustand nachhaltig verbessern könnten, belastet die 15-Jährige und ihre Eltern vor allem, dass sie vielfach nicht ernst genommen werden. Diverse Ärzte hätten ihr zu verstehen gegeben, dass sie ihr nicht abnehmen, dass sie tatsächlich derart heftige körperliche Beschwerden habe, erzählt das Mädchen. „Ich finde die Ignoranz der Ärzte ganz schlimm“, sagt sie.

Immer wieder sei sie in einen Topf mit Querdenkern und Impfgegnern geworfen worden, die die Impfung schlecht reden wollten. Warum aber hätte sie sich denn dann überhaupt impfen lassen sollen? Ihre Mutter ergänzt: Sie könne keinem Arzt einen Vorwurf machen, der sich noch nicht intensiv mit dem Post-Vac-Syndrom beschäftigt habe und unsicher sei, was Diagnosen und Behandlungen anging. „Aber wir möchten ernst genommen und nicht als Spinner oder Querulanten abgestempelt werden.“ Mehrfach aber hätten Mediziner einfach nur entgegnet, dass Leas Zustand psychosomatisch zu erklären sei. Lea beschreibt eine Szene, die sich so in der Uniklinik in Köln zugetragen haben soll, als sie nach ihrem Anfall bei der Blutwäsche in einem Wartezimmer in ihrem Rollstuhl saß: „Als ich allein mit einer Ärztin war, hat sie mir gesagt: So, jetzt sind deine Eltern draußen, jetzt kannst du damit aufhören und dich mal hinstellen.“ Die Frau habe ihren den Armen aufgeholfen und sie dann losgelassen. Sie sei dann zusammengesackt, sagt Lea.

Mediziner kritisiert Bundesgesundheitsminister für Aussagen zum Post-Vac-Syndrom

Professor Bernhard Schieffer hatte übrigens das Video-Statement des Bundesgesundheitsministers zur vermeintlichen relativen Harmlosigkeit des Post-Vac-Syndroms auf Twitter kommentiert. „Leider decken sich Ihre Äußerungen zum Schweregrad von Post-Vac, der geringer als Long Covid sein soll, nicht mit unseren Erfahrungen“, schreibt der Klinikdirektor der Kardiologie an der Uni-Klinik Marburg. Und weiter: „Ich würde Ihnen empfehlen, solche Äußerungen zurückhaltend zu tätigen, da Betroffene jedweder Erkrankungsintensität vor den Kopf gestoßen werden.“

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