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Ratswaage, Arrestzellen, Citybeach: Ein Blick in die Geschichte der Lilie – mit historischen Bildern

Hildesheim - Heutzutage ist er ein beliebter Veranstaltungsort im Zentrum Hildesheims, doch nicht immer wurde der Platz An der Lilie zum Feiern genutzt – ein Blick zurück.

Hildesheim - Dieser Tage bestimmen Klagen der Anwohner über die regelmäßig stattfinden Festivitäten auf dem Platz „An der Lilie“ die Schlagzeilen. Der Citybeach hat in diesem Jahr fast zweieinhalb Monate lang Feierwillige hinter das Rathaus gelockt, danach folgten die Genuss- und Weintage sowie der Pflasterzauber, entsprechende Geräuschkulisse und andere Beeinträchtigungen inklusive.


Dieser frühe Stadtplan dokumentiert die dichte Bebauung der Flächen hinter dem Rathaus. (Druck ca. 1860)

Manch ein Bewohner im Quartier zwischen Rathaus-, Scheelen, Markt- und Osterstraße dürfte sich vermutlich die Nutzung aus der ersten Nachkriegszeit wünschen, als ein Parkplatz und eine gepflegte Grünanlage hier idyllische Atmosphäre verbreiteten. Überhaupt hat sich die Nutzung des Areals erst mit dem Stadtumbau im Rahmen der Industrialisierung ab 1860 ergeben, in der mittelalterlichen Stadt waren Grundstücke heiß begehrt, die Straßenzüge dicht an dicht bebaut.

Hinter den Wänden aus Fachwerk war zwar selbst ein Flüstern des Nachbarn zu hören, von den hygienischen Verhältnissen der Zeit ganz zu schweigen, richtiger Betrieb herrschte dafür aber nur auf dem Marktplatz um die Ecke, gelegentlich störte ein über das Pflaster zur Ratswaage rumpelndes Gespann die Ruhe.


Die Ratswaage spielte früher eine wichtige Rolle beim Handelsverkehr in der Stadt, nicht nur an Markttagen. Das Gebäude wurde 1867 abgerissen, Reste der alten Gemäuer zeichnen sich noch immer an der Fassade des Rathausturmes „Lilie“ ab. (Zeichnung ca. 1867)

Damit war es Anfang der 1860er Jahre vorbei, die dynamisch wachsende Stadt benötigte dringend eine weitere Marktfläche, schon vor der Modernisierung des Rathauses wurde etwa die Hälfte der Bebauung dahinter abgerissen, darunter auch die Ratswaage. Die so gewonnene Fläche erscheint in Plänen zunächst als „Neuer Markt“, dann wurde der Name „An der Lilie“ gewählt, denn so hieß auch der Turm an der Nordostecke des Rathauses.


Auf diesem Luftbild ist in der Bildmitte sehr gut der nach 1882 geschaffene „Neue Markt“ zu erkennen. (Aufnahme ca. 1935)

Über die Herkunft des Namens „Lilie“ streiten sich die Gelehrten. Als Relikt der Stadtbefestigung ist die Herleitung von römischen Pfahlgrubenanlagen, von denen schon Caesar in De bello Gallico berichtet, plausibel. Die dort verbauten, angespitzten und mit Strauchwerk getarnten Pfähle erinnerten die Legionäre an die gleichnamige Pflanze. Das Pendant an der Südostecke, die „Bombe“, wurde erst im Rahmen des umfassenden Umbaus des Rathauses durch Stadtbaurat Gustav Schwartz 1884 errichtet. Hier war dann unter anderem auch die Polizeidirektion mit ihren Arrestzellen untergebracht. Erster Insasse war am 2. Dezember 1884 der Berliner Arbeiter Benno Bombe, der wegen Bettelei verhaftet worden war. Nach altem Brauch ging sein Familienname auf den neuen Rathausturm über.


In einem kleinen Anbau des Hauses Rathausstraße Nr. 7 war die „Hildesheimer Kunstuhr“ aufgestellt, an die sich einige ältere Hildesheimer noch erinnern können. (Bild anklicken, um es in voller Größe zu sehen / Aufnahme ca. 1940)

Auf dem östlichen Teil des Platzes blieb die Bebauung bis 1945 erhalten, hier befanden sich unter anderem das „Borchers‘sche Haus“ und die berühmte „Hildesheimer Kunstuhr“.


An der Einmündung der Markt- in die Osterstraße stand bis zum 22. März 1945 ein die Gegend dominierendes gotisches Fachwerkhaus, dessen bauliche Dimension der des Knochenhauer-Amtshauses am Markt in nichts nachstand. Seine Bezeichnung „Borchers’sches Haus“ verdankte es nach der in Hildesheim beliebten Form der Benennung nach dem Eigentümer: Zum Zeitpunkt unserer Aufnahme unterhielt hier Schlachtermeister August Borchers seine „Fabrik feiner Wust- und Fleischwaren“. (Bild anklicken, um es in voller Größe zu sehen / Aufnahme ca. 1890)

Nach der Zerstörung und der übergangsweisen Nutzung für Notunterkünfte lokaler Geschäfte wurde die Lilie multifunktional als Park- und Grünfläche genutzt, später modern gepflastert und mit einem Brunnen geschmückt.


Wo einst „Kunstuhr“ und „Borchers‘sches Haus“ standen, wurden nach der Zerstörung Notquartiere für die Hildesheimer Geschäftsleute errichtet, vom Volksmund als „Beduinendorf“ bezeichnet. (Aufnahme ca. 1950)

Der mit der Umsetzung beauftragte Künstler Joachim Wolff aus Lehrte nahm den Namen des Platzes, auf dem der neue Brunnen stehen sollte, einfach wörtlich und ließ sich bei seinem Entwurf von der Seelilie inspirieren, die vor Jahrmillionen in den Meeren der Kreidezeit wuchs.


Gleich neben dem Parkplatz hinter dem Rathaus hatte die Gaststätte „Zur Lilie“ ihre Pforten geöffnet. (Aufnahme von 1951)

Daher auch die wellenförmige Bewegung von Blütenkelchen und Stengeln, die dem Fluss des Wassers aus der Fontäne zusätzliche Dynamik verleiht. Ob Wolff bei seiner Idee auch an römische Legionäre gedacht hat, ist nicht überliefert, er folgte aber tatsächlich der richtigen Fährte.


Auf dem östlichen Teil, entstand einer kleiner, liebevoll gepflegter Stadtpark. (Aufnahme von Theo Wetterau von 1962)

Den richtigen Riecher bewies der Künstler auch bei der Wahl des Materials. Edelstahl hatte sich schon bei ähnlichen Objekten in Hannover bewährt, der Hildesheimer Lilienbrunnen funktioniert auch nach fast vierzig Jahren noch einwandfrei. Von den Aktivitäten von Hildesheim Marketing und dem mediterrane Atmosphäre verbreitenden Citybeach auf der Lilie konnte man 1983 freilich noch nichts ahnen: Ironischerweise wird die einzige vor Ort sprudelnde Wasserquelle im Lilienbrunnen seit einigen Jahren im Sommer abgestellt.


Bis zur Rekonstruktion des historischen Marktplatzes wurde die gemischte Nutzung des Platzes als Park- und Grünfläche beibehalten. (Aufnahme von 1978)

Verleger Dr. Bruno Gerstenberg erinnerte bei der Feierstunde an den Anlass der Stiftung, den 275. Geburtstag der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung drei Jahre zuvor. Brunnen und Zeitungen hätten Gemeinsamkeiten im Bestehen und im Vergänglichen: Der Brunnen besteht, das Wasser verrinnt. Die Zeitung erscheint jeden Tag neu, die Ausgabe vom Vortag interessiere dann nicht mehr.


Als die Aktivitäten von Hildesheim Marketing und der alljährliche Citybeach noch in weiter Ferne lagen, konnte im Lilienbrunnen noch ungehemmt das Wasser plätschern. (Aufnahme vom 8. Mai 1985)

Das Geschenk sei ein Zeichen des Dankes an die Leserschaft und solle helfen, die spürbare Lücke im nicht überreich mit Brunnen und Wasserspielen ausgestatteten Stadtbild zu schließen. Beim Wiederaufbau nach 1945 hätte man Wichtigeres zu tun gehabt, als für solche Orte der Kommunikation und Heiterkeit zu sorgen. Im Spannungsfeld von Tradition und Moderne auf der Rückseite des Rathauses könne man dies nun nachholen. Man sollte dabei nur stets auch die berechtigten Interessen der Anlieger berücksichtigen.

Von Sven Abromeit

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