Hildesheim - Die Musikschule Hildesheim soll in Zukunft besser abgesichert werden, der Landkreis soll sich wieder an der Finanzierung beteiligen: Auf diese Eckpunkte haben sich die Mehrheitsgruppen im Stadtrat und im Kreistag verständigt. Noch ist zwar politisch nichts beschlossen, doch wenn SPD, Grüne, Die Partei und GUT für Sarstedt bei ihrer Linie bleiben, bedeutet das nicht weniger als die Rettung der Musikschule nach rund 30 Jahren Dauerkrise. Die HAZ hat Stimmen zum Vorstoß der Mehrheitsgruppen gesammelt.
„Wenn es so kommt, wie es in der Zeitung stand, freuen wir uns natürlich – auf eine Zeit ohne Finanzkeule im Rücken. Das kannten wir ja gar nicht“, sagt Martin Fritz, Vorsitzender des Betriebsrats der Musikschule. Das Kollegium werde gespannt die Entscheidungen der Kommunalpolitik verfolgen und sich dann endlich ohne Zukunftssorgen auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren können: den Unterricht.
Vorschlag „überfällig“
Auch bei Eltern macht sich Erleichterung breit. „Wir haben uns große Sorgen gemacht“, sagt Evelyne Klaßen, deren sieben- und zehnjährige Kinder in der Musikschule Klavier- und Cello-Unterricht bekommen. Die Musikschule sei „eine Schatzkiste für die Stadt und die Region“ und „gesamtgesellschaftlich ein riesengroßer Gewinn“. Dass der Landkreis wieder in die Finanzierung einsteigen soll, findet die Nordstemmerin absolut angemessen. Die Musikschule mache zudem Angebote, die auf dem Land nicht zu finden seien.
Ähnlich äußert sich Claus-Ulrich Heinke, Vorsitzender des Kulturbeirats des Landkreises Hildesheim und Mitglied des Musikschulbeirats: „Ich halte diesen Vorschlag für konstruktiv und zukunftsweisend. Und für überfällig.“ Dass der Kreis vor 29 Jahren aus der Musikschulförderung ausgestiegen ist, sei eine „kulturpolitische Fehlentscheidung“ gewesen. Die jetzt geplante Absicherung sieht er als lebensnotwendig. Man dürfe dabei aber nicht die kleine Schwester in Alfeld vergessen.
Alfeld noch im grünen Bereich
Dort in der Gerhard-Most-Musikschule ist man nicht ganz so in die Bredouille gerade wie in Hildesheim, nachdem ein Bundesgerichtsurteil Honorarkräfte aus Musikschulen verbannt hat. Denn man habe schon immer darauf geachtet, feste Verträge zu schließen, so Thomas Fiedler, der Vorsitzende des Musikschulvereins. Vor 25 Jahren sei der Kreis in Alfeld aus der Finanzierung „brutal ausgestiegen“, so dass Insolvenz angemeldet werden musste. Seither sei man mit Mini-Arbeitsverträgen über zwei bis drei Wochenstunden auf Nummer sicher gegangen. 2024 kommt die Alfelder Musikschule über die Runden, so Fiedler, mittelfristig sei man aber wohl ebenfalls auf Mittel des Kreises angewiesen: „Natürlich wird es auch für uns erheblich teurer werden.“
Und was sagen die Spitzen von Stadt und Kreis dazu? Die Bezuschussung sei „gut angelegtes Geld in Bildung“, welche im „außerschulischen“ Bereich „für uns schon immer eine zentrale Rolle“ gespielt habe und ein „klarer politischer Auftrag“ sei, lässt sich Landrat Bernd Lynack zitieren. Der Sozialdemokrat dankt den „politischen Akteuren“, das Projekt „von Anfang an so eng mit mir“ begleitet zu haben.
An anderer Stelle sparen
Auch die Pressestelle der Stadtverwaltung schickt vorweg, dass ihr Kulturbüro in die Lösungsfindung mit eingebunden war. Oberbürgermeister Ingo Meyer „freue“ sich, dass „endlich“ Bewegung in die Sache komme. Er betont allerdings auch, dass die Bezuschussung der Musikschule nur gehe, „wenn an anderer Stelle gespart wird“. Die Verwaltung habe der Politik bereits Vorschläge für das laufende Jahr gemacht. „Dass der Landkreis – wie schon lange gefordert – sich nun finanziell beteiligt, ist sehr zu begrüßen!“ Im gleichen Atemzug äußert er den Wunsch, dass sich „auch die übrigen Landkreiskommunen“ beteiligen.
Für die kann Rainer Block sprechen. Der Bürgermeister von Bockenem ist Vorsitzender des Städte und Gemeindebundes in Hildesheim. Seines Verständnisses nach gibt die Kreispolitik „das Geld der Kommunen“ aus, nämlich über die Kreisumlage. Als Bürgermeister von Bockenem werfen die Pläne der Politik aus Hildesheims Stadtrat und Kreistag für ihn deswegen Fragen auf. Bockenem ist Mitglied der Musikschule Hildesheim. „Müssen wir dann doppelt zahlen? Sollen wir austreten?“ Als Sprecher der Städte und Gemeinden will er sich noch nicht äußern, sondern eine Bürgermeistertagung abwarten. Dass die Musikschule Hildesheim wohl gerettet sei, ist aus seiner Sicht aber „vom Grund her zu begrüßen“.
Kritik aus der Opposition
Für die Hildesheimer CDU als größter Oppositionspartei sagt deren Fraktionsvorsitzender Dennis Münter: „Wir sind ja die ersten, die die Musikschule auch unterstützen wollen, aber irgendwie finde ich die Anbahnung mehr als seltsam.“ Das übliche Vorgehen sei, die Themen erst in den zuständigen politischen Gremien zu besprechen – statt sich direkt an die Presse zu wenden, wie es die Mehrheitsgruppen in diesem Fall getan haben. So sieht das auch Friedhelm Prior von der CDU im Kreistag: „Das muss im Haushaltsplan stehen. Wenn es da nicht steht, ist es nichts.“
Von Ralf Neite und Björn Stöckemann
Meinung: Alimente für ein ungeliebtes Kind
Lore Auerbach, Ehrenbürgerin der Stadt Hildesheim und ehemalige SPD-Politikerin, war ab 1962 die erste Leiterin der Hildesheimer Musikschule. Den Vorstoß der Mehrheitsgruppen kommentiert sie so: „Ich werte das sehr positiv. Das wird der Musikschule wirklich eine Zukunft bieten, um nicht zu sagen: das Überleben.“ Ein festes Fundament: Das habe die Hildesheimer Musikschule noch nie gehabt.
Sie erinnert sich an eine Begegnung mit dem damaligen Stadtschulrat im Frühjahr 1961; kurz, nachdem sie in Hildesheim angefangen habe. „So, so, Fräulein Auerbach“, habe der sie begrüßt, „Sie sind also die Leiterin der neuen Musikschule, dem ungeliebten Kind, das wir nicht wollten. Und nun müssen wir dafür auch noch Alimente zahlen.“ Auch im Landkreis sei sie auf Ablehnung gestoßen. Se erinnert sich an einen Satz des damaligen Landrats: „Wozu brauchen wir eine Musikschule, wir haben doch in jeder Gemeinde eine Feuerwehrkapelle.“
Von Ralf Neite

