Energiewende

Riesen-Windräder im Kreis Hildesheim: So lief die erste große Bürgerversammlung

Kreis Hildesheim - Bund, Land und Kreis haben große Pläne für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Doch wie reagieren die Bürger, wer informiert sie überhaupt? Welche Lehren sich aus einer ersten Veranstaltung zu dem Thema ziehen lassen.

Vor vollem Haus: Thomas Kaschel (rechts) trifft mit seiner Informations-Veranstaltung in Ottbergen einen Nerv. Foto: Chris Gossmann

Kreis Hildesheim - So vorsichtig wie am Donnerstagabend muss man selten durch die Ottberger Ortsdurchfahrt kurven. Und das liegt nicht an der für später erwarteten Eisglätte. Überall versuchen Autos zu parken, huschen Menschen über die Straße. Ihr Ziel: der Saal des Landgasthofs Bruns. Drinnen sind längst alle Sitzplätze belegt, immer mehr Menschen drängen in den Raum.

Informationen zu einem geplanten Riesen-Windpark in der Hildesheimer Börde soll es hier geben, das lockt rund 180 Menschen an. Schon vor ihrem Start ist die Veranstaltung ein Lehrstück darüber, wie Bürgerbeteiligung und Bürgerinformation im Rahmen der Energiewende funktionieren können und sollten – und auch, wie eher nicht.

Was Innovent plant

Rückblende: Am 15. Dezember stellt das Windkraft-Unternehmen Innovent im Ortsrat Einum Pläne vor, die es zusammen mit rund 70 Grundstückseigentümern für die weite Ackerfläche zwischen Einum, Bettmar, Ottbergen, Wendhausen, Dinklar, Achtum und Uppen ausgearbeitet hat. Die Dimensionen sind gigantisch: 14 mehr als 200 Meter hohe Anlagen, 100 Millionen Euro Investitionssumme, 224 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr. Innovent-Vertreter Dirk Ihmels verweist auf die neue Gesetzgebung, auf die Absicht der Bundesregierung, den Ausbau der erneuerbaren Energien deutlich schneller voranzutreiben als zuvor geplant. Knapp 15 Bürgerinnen und Bürger sitzen im Publikum, einer stellt ein paar kritische Fragen, in moderatem Ton. Die Firmenvertreter sind überrascht vom geringen Interesse.

Ziele von Bund und Land

Am Donnerstagabend stehen Thomas Kaschel und Andreas Reim im Landgasthof Bruns und blicken in knapp 200 erwartungsvolle Augenpaare. „Ich bin schon ein bisschen überwältigt“, sagt Kaschel. Er wird gleich rund 40 Minuten sprechen, unterstützt von einer Power-Point-Präsentation. Kaschel und Reim hatten nach der Sitzung in Einum in der HAZ von dem Projekt gelesen und war, wie Kaschel sich erinnert, „aufgeschreckt, was da vor unserer Haustür geplant ist“. Dass sie davon bislang noch nichts gehört haben, etwa von Seiten der Gemeinde Schellerten, auf deren Gebiet rund 90 Prozent der vorgesehenen Fläche liegen, gefällt ihnen gar nicht.

Dass die Grundstückseigentümer schon Nutzungsverträge mit Innovent geschlossen haben, ist zwar bei solchen Vorhaben üblich, weckt aber das Misstrauen der beiden Dinklarer. Sie sichern sich die Internetseite ww.boerdeschutz.de, besorgen sich die Innovent-Pläne, lesen sich ins Thema Windkraft ein und laden schließlich zu ihrer Informations-Veranstaltung ein.

Energiewende vor Ort

Der geplante Windpark „Ilse“ in der Hildesheimer Börde wäre der größte, den es im Landkreis Hildesheim bisher gibt. Er wäre vom Grundsatz her genau das, was sich Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer, der SPD-Bundestagsabgeordnete Bernd Westphal und Landrat Bernd Lynack vorstellten, als sie in der Vorwoche bei der Bürgermeister-Tagung in Hohegeiß über die Energiewende vor Ort sprachen. Auch genau das, was Bundes- und Landesregierung als notwendig erachten.

Doch wie sehen das die Bürgerinnen und Bürger? Wie gehen sie an das Thema heran, wie gehen sie damit um? Wie werden sie überhaupt informiert? Und wer entscheidet am Ende auf welcher Grundlage, was genau wo gebaut wird? Diese Frage stellt sich in der Börde exemplarisch, sie wird sich in den nächsten Monaten und Jahren an vielen Stellen im ganzen Landkreis, in ganz Niedersachsen, in ganz Deutschland stellen.

Was der Bürgermeister plant

Schellertens Bürgermeister Fabian von Berg plant eine große Informations-Veranstaltung zu dem möglichen Windpark. Und zwar, wenn die Planungen etwas konkreter und vor allem die Vorgaben des Landes Niedersachsen bekannt seien. Das Land will im Februar verkünden, welchen Anteil seiner Fläche der Landkreis Hildesheim für Windkraft bereitstellen muss – dann wiederum kann sich der Kreis mit den Kommunen daran machen, diese Flächen zu suchen. Die Gemeinde Schellerten hat bereits beschlossen, ihren Flächennutzungsplan zu dem Thema zu ändern – aber noch nicht, wie.

Von Bergs Herangehensweise ist aus Verwaltungssicht verständlich. Formal gibt es aus Sicht der Gemeinde nichts zu verkünden. Innovent und die Grundeigentümer haben eine Absicht geäußert, die rechtlichen Voraussetzungen dafür sind aber noch lange nicht gegeben. Es dürfte ähnliche Vorhaben mit vergleichbarem Planungsstand geben, die nur noch nicht öffentlich geworden sind – in Schellerten und anderswo. Die Kommune hat sich noch nicht dazu positioniert. Das ist die behördliche Perspektive. Investor Innovent wiederum kann darauf verweisen, doch im Ortsrat Einum alles ausführlich präsentiert zu haben.

Überraschtes Schweigen

Doch das sind nicht die Perspektiven von Bürgerinnen und Bürgern, diese Erkenntnis liefert die Veranstaltung am Donnerstagabend. Da das Projekt einmal in der Welt ist, ist der Informationsbedarf enorm. Und die ersten, die eine Informations-Veranstaltung anbieten, sind Gegner eines solchen Projektes. Damit geraten Gemeinde und Investor prompt in die Defensive. Gerade die Kommune hätte sich diese Situation mit einer früheren eigenen Veranstaltung ersparen können.

Denn ist ist keineswegs so, dass alle Besucherinnen und Besucher in Ottbergen gegen den Windpark sind – wenn auch viele. Den meisten Beifall gibt es für den großen zeitlichen Einsatz der beiden Initiatoren, dafür, dass sie die Veranstaltung überhaupt auf die Beine gestellt haben. Als ein Zuhörer fordert, die Windräder selbst zu bauen, ohne auswärtige Investoren, erntet er indes überraschtes Schweigen, keinen Beifall, aber auch keine Kritik – wie es überhaupt sehr gesittet zugeht.

Spiel mit den Zahlen

Vielen ist die Vorstellung von 14 riesigen Windrädern in „ihrer“ Feldmark ein Gräuel, doch viele Besucher sagen auch: „Ich will überhaupt erstmal sehen, was es damit auf sich hat.“ Verunsicherung ist spürbar. Und Enttäuschung darüber, dass Kommune, Grundeigentümer oder Investor bisher nicht selbst aktiv informiert haben. „Transparenz für alle“, fordern Kaschel und Reim. Das finden Gegner wie Befürworter von Windparks richtig. Und es ermöglicht es Kaschel, immer wieder ein gewisses Grundmisstrauen gegenüber Unternehmen und Gemeinde anklingen zu lassen.

Kaschel nutzt für die Vorstellung des Projektes zum Teil die Präsentation von Innovent selbst. Moniert, versprochene regelmäßige Spenden an Vereine in den umliegenden Orten hätten ein „Geschmäckle“. Und wirft dem Unternehmen vor, durch die Gestaltung seiner Grafiken das Vorhaben kleiner aussehen zu lassen, als es ist, manche wichtige Information ausgelassen zu haben. Eine Kunst, die freilich auch der Dinklarer beherrscht. Kaschel operiert viel mit Zahlen, die stimmen, die er aber nicht in Relation setzt. Es wäre spannend, ihn und Innovent-Vertreter Dirk Ihmels gleichzeitig zu erleben, in einer Diskussion.

Beton und der Klimakiller SF6

1000 Kubikmeter Beton pro Windrad-Fundament seien nötig, stellt er etwa fest. Das klingt dramatischer, als wenn man von einem zehn Meter breiten, zehn Meter langen und zehn Meter tiefen Block spricht. Einen besonderen Fokus legt er auf das „Klimakiller“-Gas SF6, dass in Windrad-Motoren zur Isolation eingesetzt wird und das 23.000-mal klimaschädlicher als CO2 sei. Was stimmt. Was Kaschel nicht sagt: Dass pro Windrad grob drei Kilogramm SF6 eingesetzt werden, während Kohlekraftwerke wie Mehrum in weniger als einem halben Jahr 800 Millionen Kilogramm CO2 ausstoßen. Und dass SF6 in weitaus größeren Mengen als in Windrädern in Umspannwerken eingesetzt wird.

Andererseits sind es ohnehin andere Aspekte seines Vortrags, die das Publikum am meisten beeindrucken. Etwa seine ebenso aufwendigen wie nachvollziehbaren Berechnungen dazu, welches Dorf wann vom Schattenwurf der Riesen-Windräder betroffen wäre, oder wie laut die Anlagen in den Orten je nach Windrichtung zu hören wären. Am meisten aber, das klingt in den Gesprächen im Publikum deutlich durch, sind es die schiere Größe und die Anzahl der Windräder, die erschrecken, ihre Auswirkungen auf das Landschaftsbild der weitläufigen Börde. Was auch zu hören ist: „Wir müssen was machen mit erneuerbaren Energien – aber die Städter tun sich auch sehr leicht, mehr Windräder zu fordern. Sie gucken ja nicht täglich drauf!“

Not in my Backyard?

Das wollen Kaschel und Reim auch nicht, das macht Kaschel zum Ende hin immer deutlicher. Im Lauf seines Vortrags hat er zunächst gefordert, vor dem Bau solcher großen Windparks erst einmal „die nötige Infrastruktur zu schaffen“, sprich ein stärkeres Leitungsnetz und mehr Speichermöglichkeiten. Doch zum Schluss sagt er: „Ich will ja nicht so jemand sein, der so etwas nur ,not in my Backyard’, also nur vor der eigenen Haustür nicht haben will. Aber in unserer schützenswerten Hildesheimer Börde will ich es wirklich nicht.“

Wie geht es weiter? Ob Kaschel und Reim eine Bürgerinitiative gründen wollen, ist noch nicht ausgemacht. Sie wollen zudem die weitere Entwicklung und vor allem die von Bürgermeister Fabian von Berg versprochene Informations-Veranstaltung abwarten. Und die Entscheidungen des Gemeinderates, denn Kaschel betont auf Nachfrage eines Zuhörers: „Wenn die Gemeinde hier kein Vorranggebiet für Windkraft ausweist, kommt dieses Projekt auch nicht.“

Wildwuchs statt Planung?

Das wiederum kann so sein, muss es aber nicht. Denn Bund und Land haben deutlich gemacht, mit ihren neuen Gesetzen dem Ausbau der Windkraft deutlich höheren Rang einzuräumen als bislang. Heißt: Der Landkreis muss eine noch festzulegenden Anteil seiner Fläche für Windräder reservieren. Legen Kreis und Kommunen aber nicht genug Vorranggebiete fest, um diese Vorgabe zu erfüllen, können Investoren überall Baugenehmigungen für Windräder beantragen – ohne dass die örtlichen Behörden die Lage künftiger Windparks noch steuern können.

Nach Kaschels Vortrag gibt es mehrere Redebeiträge und Fragen. Viele Zuhörer stehen noch lange im Saal zusammen, diskutieren, untereinander oder mit Kaschel und Reim. Sicher nicht zum letzten Mal. „Der Zulauf zeigt den Bedarf an weiteren Veranstaltungen“, stellt Kaschel fest. Er ist dazu bereit. Und nennt eine Begründung, die sonst vor allem Befürworter einer schnelleren Energiewende und einer deutlicheren Abkehr von fossilen Brennstoffen vorbringen: „Ich will mir von meinen Enkeln nicht vorwerfen lassen, ich hätte nichts gemacht.“

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