Sarstedt/Hildesheim - Normalerweise sind es zwei Justiz-Wachtmeister, die im Saal 134 des Hildesheimer Landgerichts die Sicherheit aller Verfahrensbeteiligten und der Zuschauer garantieren sollen. Am Mittwoch jedoch, dem insgesamt sechsten Tag im Prozess wegen einer tödlichen Messerattacke in Sarstedt, sind zwei zusätzliche, mit Knüppeln und Pfefferspray bewaffnete Sicherheitsleute anwesend – auf Antrag des Strafverteidigers Roj Khalaf. Er sei bei der Verhandlung in der vergangenen Woche von Familienangehörigen des Getöteten bedrängt und bedroht worden, sagt Khalaf. Darüber hinaus fordert er, dass die Personalien aller Zuschauer des öffentlichen Prozesses vor Beginn festgestellt werden – dem kam der vorsitzende Richter Rainer de Lippe aber nicht nach. „Ich sehe derzeit keine Bedrohungslage“, sagte der Richter.
Auf der Anklagebank sitzt Bekas A., ein 35-jähriger Mann aus dem Irak. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft vor, im September 2024 den 62 Jahre alten Betreiber eines zur Geflüchtetenunterkunft umfunktionierten Hotels erstochen zu haben. Die Anklage lautet auf Totschlag. Bekas A. hat die Tat bereits zugegeben – will aber aus Notwehr gehandelt haben. Er sei mit dem Betreiber in einen Streit geraten und habe „Todesangst“ gehabt.
Sitzung wird unterbrochen – damit sich die Gemüter abkühlen können
Seit dem ersten Tag nehmen auch Familienangehörige des Getöteten am Prozess teil; einige sagen auch als Zeugen aus. Anfang Februar dankte Richter de Lippe noch für einen ruhigen und sachlichen Auftakt – davon ist der Prozess aber mittlerweile weit entfernt. Auch am Mittwoch wird es wieder laut, geraten Zeugen und Nebenklageanwälte mit dem Verteidiger aneinander, knallen Türen, verlassen die Söhne des Getöteten wütend den Gerichtsaal. Der vorsitzende Richter, sichtlich um Mäßigung und Vermittlung bemüht, unterbricht die Sitzung zwischendurch für zehn Minuten, damit sich die Gemüter abkühlen können. „Ich kann verstehen, dass Menschen hier emotional reagieren“, sagt er – fordert aber gleichzeitig Disziplin ein.
Der Streit eskaliert, als der Schwager des Getöteten mit Hilfe einer Dolmetscherin aussagt. Verteidiger Khalaf wirft der Dolmetscherin vor, ungenau zu übersetzen und eigene Nachfragen zu stellen, die weder vom Richter noch von den Beteiligten so gestellt wurden.
Zeuge will sich nicht mehr an Aussage bei der Polizei erinnern
Der Schwager ist vielleicht einer der letzten Menschen, die den Getöteten Ahmad A. lebend gehört haben. Der in Hannover lebende 63-Jährige war am Tag der Tat mit ihm in Sarstedt verabredet, um gemeinsam zu einer Trauerfeier nach Frankfurt zu fahren, wie er vor Gericht sagt. Der Fahrer des Wagens, ebenfalls ein Angehöriger des Getöteten, habe kurz vor der Abfahrt aus Hannover noch mit Ahmad A. über Lautsprecher telefoniert. Bei der Polizei soll der Schwager ausgesagt haben, dass das Telefonat nach der Konversation nicht beendet wurde und dass danach zu hören gewesen sei, wie Ahmad A. einem anderen zugerufen habe: „Ich schmeiße deine Sachen raus.“ Ein Hinweis auf den mutmaßlichen Streit zwischen Ahmad A. und dem Angeklagten, der offenbar kurz darauf einen tödlichen Ausgang nahm? Am Mittwoch jedenfalls will der Schwager davon nichts mehr wissen: Ahmad A. habe in dem Telefonat lediglich nachgefragt, ob der Fahrer „seine Sachen mitgenommen“ habe.
Auf der Tagesordnung am sechsten Prozesstag stehen außerdem Chat- und Sprachnachrichten, die auf dem Handy des Angeklagten gefunden wurden. Ein Kurdisch-Dolmetscher übersetzt sie im Gerichtssaal. Darin fordert Bekas A. offenbar wenige Minuten nach der Tat einen „Cousin“ auf, einen von ihm deponierten Koffer zu holen. „Ich bin fertig mit Ahmad, mit diesem Terroristen“, sagt mutmaßlich der Angeklagte. In einer späteren Sprachnachricht vom Abend des gleichen Tages heißt es: „Ahmad hat mich bis zum Bahnhof verfolgt. Er hat mich angegriffen und wollte mich töten. Er hat mich gezwungen, ihn mit der Machete zu erschlagen.“ Ob das der Wahrheit entspricht oder nur eine Schutzbehauptung ist, das wird das Gericht an den kommenden Verhandlungstagen herausfinden müssen. Der Prozess wird am Dienstag, 1. April, fortgesetzt.
