Alfeld - Im Herbst vergangenen Jahres hatte die Alfelder Firma Meyer Seals mit der Einführung einer Anwesenheitsprämie einiges Aufsehen erregt. Das Modell: Wer nie oder selten krank ist, bekommt mehr Geld – bis zu 4000 Euro pro Jahr sind unabhängig von der Gehaltsstufe drin. Damit wollte der weltweit aktive Hersteller von Deckel-Dichtungen gegen den aus Sicht von Geschäftsführer Ulrich Behre zu hohen Krankenstand angehen. Das Vorhaben rief viel Skepsis und auch kritische Stimmen hervor. Inzwischen kann das Unternehmen erstmals Vergleiche ziehen zwischen Monaten vor und nach Einführung der Prämie.
Behre sieht „großen Effekt“
Und das Ergebnis hat die Erwartungen von Behre und dem Betriebsrats-Vorsitzenden Kristian Langner – beide hatten die entsprechende Betriebsvereinbarung ausgearbeitet – deutlich übertroffen. Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres, also im April, Mai und Juni, lag der Krankenstand bei Meyer Seals über alle Alters- und Berufsgruppen bei 4,5 Prozent. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres seien es 6,2 Prozent gewesen, berichtet Behre. Zwei Drittel der Belegschaft bekamen eine Prämie überwiesen, im Durchschnitt pro Person fiel sie höher aus als im ersten Geschäftsjahr. Allerdings war die Anwesenheitsprämie seinerzeit nicht von Beginn an bekannt, sondern wurde erst mitten im Geschäftsjahr rückwirkend eingeführt.
Doch seit die Beschäftigten das Modell auf dem Schirm haben, also seit November 2024, „war der Krankenstand jeden Monat geringer als im gleichen Monat des Jahres davor“, wie Behre betont. Wahrscheinlich sei die Anwesenheitsprämie nicht der alleinige Auslöser, schließlich biete das Unternehmen immer mehr Unterstützung in Sachen Gesundheit und Prävention an. Doch einen großen Effekt, davon ist der Geschäftsführer überzeugt, hat die Prämie trotzdem.
Überstunden abbauen
Woran das liegt, wenn ähnliche Modelle in anderen Firmen doch ohne große Auswirkungen blieben? „Erstens sind die Summen, die man bekommen kann, relativ hoch“, sagt Behre. „Und zweitens glaube ich, dass kein Unternehmen da ein so ausdifferenziertes System entwickelt hat wie wir.“ Dazu gehört unter anderem, dass mehrere Jahre berücksichtigt werden: Hat jemand in einem Jahr 20 Krankheitstage, etwa durch eine Operation, und würde eigentlich keinen Bonus bekommen, kann er dennoch eine Prämie erhalten, wenn er in den Jahren davor nicht oder kaum gefehlt hat. Auch nach Lebensalter und Schichttätigkeit wird differenziert.
Das sieht auch Betriebsrats-Chef Langner so: „Am Anfang war die Skepsis groß, es hieß: Da kriegt ja eh keiner was.“ Inzwischen habe die Belegschaft aber erkannt, dass das System „großzügig und fair“ sei. Langner findet es auffällig, dass vor allem Mitarbeiter, die schon immer selten krank waren, jetzt tendenziell noch weniger Fehltage haben: „Wenn es denen mal einen Tag nicht so gut geht, bauen die Überstunden ab, statt zum Arzt zu gehen.“ Umgekehrt sei die Glaubwürdigkeit von Krankheitsfällen nun höher: „Wenn jemand sich krankmeldet, glauben die Kollegen eher, dass er wirklich etwas hat.“
Jüngere seltener krank
Geschäftsführer Behre wiederum freut sich besonders über eine bestimmte Altersgruppe. Vergleichsweise hohe Krankenstände bei unter 35-jährigen Beschäftigten waren ihm in der Vergangenheit ein Dorn im Auge: „Fünf Prozent Krankenstand bei denen stören mich mehr als zehn Prozent bei über 50-Jährigen in der Produktion“, sagte er im Vorjahr. Das neue Anreizsystem habe nun offenbar nicht zuletzt die Jüngeren zum Nachdenken gebracht. Kristian Langner glaubt sogar. „Die Leuten achten schlicht mehr auf ihre Gesundheit.“
Mehr Umsatz, mehr Arbeitsplätze
Meyer Seals hat seinen Umsatz im abgelaufenen Geschäftsjahr (April 2024 bis 2025) wieder steigern können. Er erhöhte sich von 80 auf 85 Millionen Euro. Für das laufende Geschäftsjahr strebt der Deckeldichtungs-Hersteller 99 Millionen Euro an.
Dafür rüstet das Unternehmen personell auf. Mit rund 240 Beschäftigten in Alfeld ist die Belegschaft gegenüber dem Vorjahr bereits um zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewachsen. Und vor allem im Vertrieb stellt die Firma zusätzliche Fachkräfte ein. Unter anderem hat die Geschäftsführung in Südamerika Wachstumspotenzial ausgemacht.
Arbeiter schwer zu finden
Im laufenden Geschäftsjahr plant Meyer Seals in Alfeld Investitionen in Höhe von 5 Millionen Euro. 4 Millionen davon fließen in die Modernisierung des Maschinenparks und den Ausbau der IT. Eine Million ist für Energieeffizienz vorgesehen. So will sich Meyer Seals von Öl als Brennstoff trennen. Zwei mit Gas betriebene Blockheizkraftwerke sollen künftig Wärme und Strom liefern.
Die größten Sorgen bereitet Geschäftsführer Behre aktuell die Suche nach Arbeitskräften für Produktion und Logistik. „Wechselschicht wollen viele nicht“, stellt er fest. Noch schwieriger sei es, ungelernte Arbeitskräfte etwa fürs Verpacken von Waren zu gewinnen.
Schwarzarbeit und Bürgergeld als Konkurrenz?
Zum Einstieg biete das Unternehmen inzwischen 18,05 Euro pro Stunde an, mehr als 5 Euro über dem gesetzlichen Mindestlohn. „Unser größter Konkurrent ist das deutsche Sozialsystem in Kombination mit Schwarzarbeit, auch wenn das manchem vielleicht nicht passt“, sagt Behre. Der Betriebsrats-Vorsitzende Kristian Langner sieht das ähnlich: „Zu viele haben das Gefühl, mit Bürgergeld, Wohngeld und ein bisschen unter der Hand arbeiten reicht es doch auch.“
