Hildesheim - Was ist Wirklichkeit? Nur das, was du siehst? Oder das, was du nicht siehst, aber als Gefühl, Erinnerung und Erfahrung in dir trägst? Solche Fragen über Sein und Schein sind die philosophische Basis, auf der sich das Musical „Ghost“ entfaltet. Die Produktion des Frankfurter Tournee-Veranstalters ShowSlot ist seit Dienstag in Hildesheim in der Halle 39 zu sehen.
Das Stück erzählt die Liebesgeschichte der Bildhauerin Molly und ihres Freundes Sam, der einem Raubmord zum Opfer fällt und zum Geist wird. Sam entdeckt, das sein bester Freund Carl den Mord angestiftet hat. Die zwielichtige Zauberin Oda wird zu Sams Sprach-Medium, mit ihrer Hilfe rettet er Mollys Leben.
Gelungene Adaption des Kinohits
Das Musical adaptiert den Oscar-prämierten Kinohit „Ghost – Nachricht von Sam“ in kongenialer Weise. In Manuel Schmitts einfallsreicher Inszenierung finden sich viele Szenen wieder, die den Film zum Kult werden ließen. So die hocherotische, berühmte Töpferszene einschließlich des ebenso berühmten Songs „Unchained melody“. Diese Szene machen Katrin Merkl als Molly und Konstantin Busack als Sam zu einem der szenischen Höhepunkte der Inszenierung.
Allerdings wird nur dieser Song aus dem Film übernommen. Alle anderen Songs und Zwischenmusiken schrieben Glen Ballard und Dave Stewart. Obwohl beide Musiker Schwergewichte des Pop sind und es durchaus fetzige Rocktanznummern gibt, entwickeln ihre Song-Melodien keine wirkliche Ohrwurm-Qualität. So klingen halt viele handwerklich sauber am Text entlang komponiert Musicals.
Für die bemerkenswerte Qualität der Produktion sorgt dagegen die Inszenierung von Manuel Schmitt. Geschickt organisiert er flotte Szenenwechsel und baut ruhige Haltepunkte ein für Songs und Dialoge. Dazwischen treiben gut choreografierte Tänze die Handlung vorwärts. Und anders, als der Trailer zum Musical erwarten lässt, vermeidet Schmitt durch sein Timing, dass es auf der Bühne zu kitschigen Szenen kommt.
Mit komödiantischen Temperament spielt Amani Robinson die Zauberin Oda und erinnert dabei an Whoopi Goldbergs Film-Oda. Und auch Kim-David Hammann überzeugt beklemmend in der Rolle des intriganten Freundes Carl.
Raffiniertes Bühnenbild
Den Rahmen für die geglückte Inszenierung schafft Adam Nee mit einem raffiniert funktionierenden Bühnenbild. Es besteht aus einfach wirkenden überdimensionierten hohen Wänden. Die aber lassen sich verschieben oder verdrehen. So verwandelt sich in Sekundenschnelle das Wohnzimmer von Sam und Molly in eine Straßenszene, die wiederum in eine U-Bahn, die wiederum in eine Polizeistation, dann wieder in eine Bank und so weiter. Kombiniert mit Phil Kongs Licht-Design kommt so keinen Moment der Eindruck einer einfachen Tournee-Produktion auf.
Soweit alles gut und fein. Unerträglich jedoch agiert die Tonregie. Permanent fährt sie das Playback, zu dem auf der Bühne live gesungen werden muss, viel zu hoch. Darstellerinnen und Darsteller müssen dem entsprechend stimmlich dagegen ankämpfen und sind textlich kaum zu verstehen. Der Bass-Regler wird außerdem wie bei einem riesigen Open-Air-Rockevent so weit aufgedreht, dass der Sound in der Halle die Schmerzgrenze überschreitet. Und auch bei den Dialogen klingt vieles topfig.
Einige Menschen verlassen genervt die Halle
Als Folge verlassen in der Pause einige Menschen genervt die Veranstaltung. Trotz dieses schweren Mankos wird das Ensemble für die großartige Regie und Darstellung zu Recht mit stehenden Ovationen gefeiert. Die Frage, was Wirklichkeit ist, bleibt allerdings auch nach diesem facettenreichen Musical offen.
Die dritte und letzte Show am Donnerstag, 2. März, in der Halle 39 ist fast ausverkauft. Wenige Resttickets gibt es über die Homepage des Veranstalters.


