Kultur

Hildesheimer Musikschule erhöht Gebühren für den Unterricht, kann Finanzlöcher aber nicht stopfen: „Das ist unterirdisch“

Hildesheim - Die Musikschule Hildesheim erhöht nach dem Lohn-Verzicht der Lehrkräfte die Unterrichtsbeiträge, doch das reicht nicht, um das Finanzloch zu stopfen. Betriebsratsvorsitzende Eva Spogis bezeichnet die Situation in Hildesheim als „unterirdisch“. Einige Beispiele der neuen Gebühren.

Musikschulleiter Detlef Hartmann berät mit Eva Spogis und Martin Fritz vom Betriebsrat, wie es weitergehen kann. Die Pinnwand hinter den dreien ist voll mit Zeitungsartikel über die Entwicklung der Musikschule und der Hildesheimer Kulturszene. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Es geht ans Eingemachte, sagt Eva Spogis. „Nicht nur finanziell, sondern auch inhaltlich.“ Seit 34 Jahren ist sie Klavierlehrerin an der Musikschule Hildesheim. Sie kennt noch die Zeit, bevor die großen Geldsorgen begannen. Das ist lange her. Seit sich der Landkreis 1995 aus der institutionellen Förderung verabschiedete, ist die Einrichtung in schwere Wasser geraten. Aktuell, sagt die 60-Jährige, die auch Betriebsratsvorsitzende ist, ist die Situation besonders dramatisch. Deshalb sind die Unterrichtsentgelte gerade zum ersten Mal seit fast acht Jahren erhöht worden.

2017 waren die Aussichten ähnlich schwarz: Damals verzichteten alle festen Lehrkräfte für fünf Jahre auf Tarifsteigerungen. Wie konnte der Betriebsrat solch einer Lösung zustimmen? „Das war die pure Existenznot. Entweder wir machen zu, oder wir verzichten“, so Spogis. Martin Fritz, ebenfalls im Betriebsrat und Cellolehrer, fügt gleich hinzu: „Das wird nicht nochmal passieren.“ Der Verlust der letzten Jahre werde nicht nachträglich ausgeglichen, ergänzt Musikschulleiter Detlef Hartmann: „Das wird uns allen in der Rente fehlen.“

Tariferhöhung um zehn Prozent

Anfang kommenden Jahres steht die erste Tariferhöhung seit dem Verzicht an. Es geht um einen Aufschlag von zehn Prozent – in der Summe rund 85 000 Euro pro Jahr. Geld, das die Musikschule nicht hat. „Da kriegt man fast ein schlechtes Gewissen“, sagt Martin Fritz, „nur weil man das bekommt, was einem zusteht.“ Die Hoffnungen ruhen auf der Stadt- und besonders der Kreispolitik, dass die Zuschüsse trotz klammer Kassen angehoben werden.

Innerhalb der Musikschule, betont Eva Spogis, seien alle Sparmöglichkeiten ausgeschöpft. Zum 1. November gab es nun die erste Gebührenerhöhung seit dem 1. Januar 2016. „Wir haben uns immer bemüht, das zu vermeiden, jetzt kommen wir nicht mehr umhin“, sagt Detlef Hartmann.

„Die Entgelte für Unterricht und Instrumentenmiete beliefen sich im Rechnungsjahr 2022 auf circa 709 680 Euro“, teilt der Musikschulleiter mit. Das entspreche fast 40 Prozent der Erträge; der Rest muss über Zuschüsse finanziert werden. Zur Rettung der Musikschule wird die Entgelt-Erhöhung laut Hartmann leider nicht ausreichen.

Aus der Kommunalpolitik habe er schon den Rat bekommen: „Sehen Sie zu, wie Sie aus den Tarifverträgen herauskommen.“ Tatsächlich werden schon seit Jahren ausscheidende Festangestellte nur noch durch Honorarkräfte ersetzt, die – seit 20 Jahren unverändert – mit 24 Euro pro Unterrichtseinheit deutlich billiger sind. „Das sind alles studierte Fachkräfte. Ich halte das für unwürdig. Im Grunde beuten wir die Leute aus“, sagt Hartmann. Aktuell sind nur noch 22 Lehrerinnen und Lehrer festangestellt, 45 sind Honorarkräfte, mit zum Teil aber nur geringen Wochenstunden.

Honorarkräfte in der Bredouille

Eigentlich, sagt Eva Spogis, dürfte es nur feste Stellen geben, „weil der Unterricht auf lange Sicht geht“. Die engen „Bildungsbeziehungen“ an der Musikschule seien einzigartig, weil sie oft noch deutlich länger andauerten als an allgemeinbildenden Schulen. Für Honorarkräfte sei die Teilnahme an Fachkonferenzen, Klassenvorspielen und anderen Gemeinschaftsaktivitäten nicht verpflichtend. Festangestellte seien zudem leichter in die Ensemble-Arbeit und die Entwicklung neuer Projekte einzubeziehen.

„Man kann ihnen nicht böse sein, wenn sie nicht dabei sind“, sagt Martin Fritz – die Honorarkräfte bräuchten ja noch andere Jobs, um von ihrer Arbeit leben zu können. Inzwischen werde es immer schwerer, überhaupt qualifizierte Kräfte zu finden: Sie suchen das Weite, wenn sie an einer anderen Musikschule oder einer allgemeinbildenden Schule bessere Bedingungen vorfinden. Oder sie bewerben sich erst gar nicht.

Zukunft unsicher

„Unser Beruf ist schon fast eine Liebhaberei geworden“, sagt Spogis bekümmert. Die Hildesheimer Musikschule stehe im niedersächsischen Vergleich und erst recht im Bundesvergleich extrem schlecht da. „Das ist so unterirdisch, das ist nicht mehr in Worte zu fassen!“ Der Wert der Musikschule werde hier verkannt: „Wir sind eine Bildungseinrichtung – nicht ein Kulturverein, der ab und zu Konzerte macht.“

Was passiert, wenn die Politik die Zuschüsse nicht erhöht? Muss die Musikschule dann im kommenden Jahr dicht machen? „Sicher nicht im nächsten Jahr“, sagt Hartmann, „aber ich weiß nicht, wie lange wir das noch halten können.“


Die neuen Gebühren – einige Beispiele

Musikspiele für die Jüngsten kosten jetzt beispielsweise 31,90 Euro statt bisher 29 Euro monatlich. Das Musikschulkarussell für Kinder ab sechs Jahren kost 33,60 Euro, früher 30,50 Euro. Der Einzelunterricht im Hauptfach ist für Schülerinnen und Schüler bis zum 25. Lebensjahr um zehn Euro auf 109,50 Euro im Monat angehoben worden (für 45-minütige Unterrichtseinheiten). Für Menschen aus dem Landkreis wird es sogar noch teurer, weil die Stadt die Musikschule institutionell fördert, der Kreis aber nicht. Der Einzelunterricht etwa kostet jetzt 120,50 Euro. Das Mitwirken in den Orchestern, Band, Chören und anderen Ensembles bleibt für alle Schülerinnen und Schüler kostenlos.

Etwa ein Drittel der Schülerinnen und Schüler kommen aus dem Landkreis. Schülerinnen und Schüler aus Algermissen, Bad Salzdetfurth, Bockenem, Diekholzen, Harsum, Söhlde und Schellerten können Ermäßigungen beantragen, da diese Kommunen die Musikschule finanziell unterstützen. Für Menschen aus finanzschwachen Familien gibt es die Möglichkeit weiterer Sozialermäßigungen.

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