Hildesheim - „Musikalische Bildung in Not“ – so ist ein Brandbrief überschrieben, den der Landesverband Niedersächsischer Musikschulen jetzt an die Presse verschickt hat. „Niedersachsen ist bei der strukturellen Landesförderung bundesweit Schlusslicht. Die Versorgung der Bevölkerung in den ländlichen Räumen ist bereits gefährdet“, heißt es in dem Schreiben. Fragt man in der Musikschule Hildesheim, wie die Situation dort aussieht, lautet die Antwort: noch viel schlechter.
Im Durchschnitt, rechnet der Landesverband vor, zahlt das Land jährlich pro Schülerin oder Schüler einen Zuschuss von 8,43 Euro. Die Musikschule Hildesheim habe 4400 Schüler (inklusive Projekten wie „Wir machen die Musik“), sagt deren Leiter Detlef Hartmann, bekommt aber nur 25.000 Euro – also 5,55 Euro pro Kopf.
2017 wurde die Insolvenz gerade noch abgewendet
Doch die Landesförderung macht ohnehin nur einen geringen Anteil im Finanzierungsmix der Musikschule aus. Neben den Unterrichts-Gebühren steht vor allem der städtische Zuschuss von jährlich 350.000 Euro auf der Habenseite. Nach Angaben der Musikschul-Leitung reicht das hinten und vorne nicht. In den vergangenen Jahren hat sie immer wieder Alarm geschlagen, 2017 konnte eine Insolvenz gerade noch abgewendet werden.
Bisher ist die Einrichtung trotzdem über die Runden gekommen – nicht zuletzt, weil die festangestellten Lehrkräfte von 2017 bis 2022 freiwillig auf die ihnen zustehenden Tariferhöhungen verzichtet haben. In diesem Jahr allerdings muss pro Vollzeitkraft ein Inflationsausgleich in Höhe von 3000 Euro gezahlt werden. Und 2024 steht eine Tariferhöhung von 10 Prozent an. Bei Personalkosten von 850.000 Euro im Jahr bedeutet das einen Mehrbetrag von 85.000 Euro.
„Überall haben wir Daumenschrauben angesetzt“
Also sparen? In der Verwaltung habe man schon deutlich abgespeckt, sagt Hartmann, außerdem die Stelle der stellvertretenden Schulleitung abgeschafft. „Überall haben wir Daumenschrauben angesetzt.“ Neue Lehrerinnen und Lehrer bekommen keine Festanstellung mehr, sondern nur noch Honorarverträge. Das Honorar ist seit rund 20 Jahren unverändert: 24 Euro pro Stunde für eine studierte Fachkraft. Die Folge: Qualifizierte Leute sind immer schwerer zu finden oder zu halten, sie suchen sich andere Jobs. „Es gehört schon sehr viel Idealismus dazu, hier langfristig als Lehrer zu arbeiten“, meint Achim Löhr, Vorsitzender des Trägervereins der Musikschule.
Im Grunde, sagen Löhr und Hartmann, reicht die Misere ins Jahr 1995 zurück. Damals stieg der Landkreis aufgrund klammer Kassenlage aus der Musikschulförderung aus, nachdem er zuvor 500.000 Mark pro Jahr gezahlt hatte. Der nächste Knick kam 2008: Bis dahin hatte die Stadt ihren Zuschuss stets an Tarifänderungen angepasst; danach fiel diese sogenannte Dynamisierung weg.
Die Folge: Seit zehn Jahren hat sich der städtische Zuschuss kaum verändert, liegt heute 5000 Euro jährlich über der Summe von 2013 – während die Kosten für Personal, Energie und Material kontinuierlich gestiegen sind. „Mich nervt diese Bettelsituation, in der wir uns dauernd befinden“, sagt Detlef Hartmann. Zumal die musikalische Bildung einen hohen Stellenwert für die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen ab dem frühkindlichen Alter habe, was sich insbesondere auf Lernfähigkeit und Sozialverhalten auswirke. „Das ist wissenschaftlich erwiesen.“
„Wir sind froh, dass die Stadt uns überhaupt unterstützt“, ergänzt Achim Löhr. Ihm sei klar: „Geld ist im Moment nirgendwo da.“ Trotzdem hofft er auf eine stärkere Unterstützung, vor allem von Seiten des Landkreises, denn: „Wir haben ein Drittel Landkreis-Kinder.“ Sieben Kommunen fördern die Musikschule mit Summen zwischen 1500 und 5000 Euro jährlich, so Löhr. Der Landkreis beschränke sich hingegen auf die Förderung einzelner Projekte. Dazu Hartmann: „Die Musikschule muss selbst das Projekt sein, das gefördert werden muss.“
Was das in konkreten Zahlen heißt? „Um den Status Quo zu halten und Lehrkräfte wieder fest einstellen zu können, bräuchten wir im Jahr 150.000 Euro mehr“, sagt Hartmann. „Und wir brauchen die Rückkehr zu einem dynamisierten Vertrag.“
Stimmen aus der Kreis- und Stadtpolitik
Vertreter der großen Fraktionen im Kreistag verweisen darauf, dass die Beratungen für 2024 noch gar nicht begonnen haben. Anders als in der Stadt Hildesheim hat die Verwaltung den Haushalt auch noch nicht eingebracht. Die Probleme der Musikschule seien aber bekannt, „wir sind in intensiven Gesprächen“, so Werner Preissner, Fraktionsvorsitzender der SPD. Man sei dabei, sich ein Bild der wirtschaftlichen Lage der Musikschule zu verschaffen.
Holger Schröter-Mallohn, Fraktionsvorsitzender der Grünen, sieht den Landkreis durchaus in Zugzwang, da die Stadt bereits erheblich investiere: „Wir wollen uns einer Bezuschussung nicht verschließen.“ Auch in Form einer institutionellen Förderung? „Eindeutig ja“, so Schröter-Mallohn. Doch müsse man ins Gespräch kommen, welche Leistungen die Musikschule künftig anbieten könne. Und es gebe noch mehr zu bedenken: „Wenn Hildesheim mehr kriegt, können die Musikschulen in Alfeld und Elze auch die Hand aufhalten.“
„Gezielter fördern als bisher“
„Wir haben beschlossen, dass wir diesen Punkt auf die Tagesordnung des Kulturausschusses bringen wollen“, sagt CDU-Mann Friedhelm Prior nach einer Fraktionssitzung. „Wir wollen die Musikschulen intensiver und gezielter fördern als bisher. Dafür sei es wahrscheinlich sinnvoll, eine eigene Kostenstelle im Haushaltsplan dafür einzurichten, statt die Musikschulen wie bisher im großen Kulturtopf zu haben. Künftige Fördermöglichkeiten sind für Prior eng damit verbunden, wie Landkreis und Stadt beim Thema VHS-Finanzen voran kommen.
Aus der Stadt sind erste Kommentare auf die Musikschulmisere zurückhaltend. Der Schock der Nachricht, dass der Stadt für 2024 ein Defizit von knapp 20 Millionen Euro droht, wenn nicht diverse Steuern angehoben werden – und selbst dann noch 12,8 Millionen Euro – wirkt spürbar nach. Rosa Wagner-Kröger (Grüne) als Vorsitzende des Kulturausschusses nennt die Lage „dramatisch“: „Es schreien alle, aber wo soll das Geld herkommen? Ich weiß es wirklich nicht.“ „Die Stadt hat ja selber mit Tariferhöhungen zu kämpfen“, gibt Stephan Lenz von der SPD zu bedenken. Dennis Münter (CDU) erklärt, dass es im Moment noch zu früh für Aussagen über die Musikschule sei. Man müsse sich noch einen Überblick über die genauen Zahlen verschaffen.

