Hildesheim - Bei seinem letzten Besuch bei der HAZ hatte Taras Savchuk angekündigt, er werde nach seinem Studium an der Hildesheimer HAWK in die Ukraine zurückkehren, um dort an der Front zu kämpfen – und nun hat er es getan. Auf der Reise durchs Land, erzählt er, wird vor allem das Ausmaß der immensen Zerstörung deutlich, das zwanzig Monate Krieg in der Ukraine hinterlassen haben: Häuser am Straßenrand, die nur noch Ruinen sind, gesprengte Brücken, ein zerstörter Friedhof, verlassene Dörfer. Bilder, die dennoch nur ahnen lassen, was den Menschen hier geschehen ist, wie viel Leid dieser Krieg über sie gebracht hat. Von ihnen selbst scheint kaum noch jemand da zu sein.
Savchuk ist mit einer Gruppe Männer unterwegs. Wohin sie genau fahren, an welchen Ort an der Front, das will der 25-Jährige nicht mitteilen, zu sehen ist aber, dass sie sich in Richtung Donezk bewegen, nach Lyman, einer Stadt mit 21 000 Einwohnern. Taras Savchuk will sich dort einer Brigade anschließen. Das, sagt er, läuft ähnlich wie die Bewerbung um einen Job. Offiziell bilden die Brigaden eine eigenständige Organisation, die dem ukrainischen Generalstab untersteht. Nicht ganz so offiziell, sagt Taras, entscheiden deren Befehlshaber selbst, was ihre Leute können müssen und wo sie sie einsetzen. Reservisten meist, Freiwillige. Zu den Brigaden hat er seit Langem Kontakt, auch durch Spendenaktionen, die er von Hildesheim aus gestartet hat, um die zu unterstützen. Doch zu welcher genau, auch das sagt er nicht.
Die Front verläuft jetzt bei Awdijiwka nahe Donezk
Laut aktuellen Meldungen unter anderem der Süddeutschen Zeitung zum Frontverlauf bei Awdijiwka in der Nähe von Donezk sollen dort ehemalige Kämpfer der Söldnergruppe Wagner aktiv sein, um zuvor erlittene Verluste wieder auszugleichen. Zuletzt hatte die Ukraine hier hunderte Panzer und Fahrzeuge zerstört sowie zahlreiche Soldaten getötet oder verletzt. Den Angaben zufolge sollen sich auch ehemalige Söldner in Bataillonen der russischen Armee befinden, die in den Gebieten um Awdijiwka kämpfen.
Doch so oder so: Taras Savchuk hat sich entschieden zu kämpfen. In einem der Schützengräben, mit einer Waffe in der Hand. Seine eigenen Chancen, diesen Krieg zu überleben, sagt er, sind fifty-fifty. „Man darf sich nicht selbst belügen.“ Etwas anderes zu tun, würde für ihn gerade keinen Sinn ergeben. In seiner Heimat herrscht nicht nur Krieg, sondern auch Chaos und Armut. Viele Fabriken und Unternehmen haben ihre Produktion eingestellt, weil die Mitarbeiter im Krieg als Soldaten dienen. Denen, die nicht im Kriegs sind, die keine Arbeit mehr haben, bleibt kaum Geld zum Leben. Die staatliche Hilfe ist sehr gering. In den Geschäften gibt es zwar noch Waren, doch die sind so teuer, dass sie sich kaum jemand leisten kann. Produktionsstätten, die noch betrieben werden, befinden sich oft in Kellern, damit die Arbeit nicht wegen der vielen Alarme unterbrochen werden muss. „Dieses Leben ist kein Leben“, sagt der 25-Jährige. „Wir müssen jetzt kämpfen und dann unser Land wieder aufbauen.“
