Hildesheim - Wenn am 24. September seine Abschiedsparty im Hildesheimer Restaurant Alazani steigt, könnte das ein Abschied für immer sein. Taras Savchuk weiß das. „Man darf sich nicht selbst belügen“, sagt er. Nicht, wenn man an die Front geht. Nicht, wenn man sich entschieden hat, zu kämpfen, so wie er es für die Ukraine tun will. In einem der Schützengräben bei Robotyne, vielleicht bei Cherson oder im Westen von Donezk. Mit einer Waffe in der Hand, einer Waffe, die zweifellos tötet. Seine Chancen, diesen Krieg zu überleben, sagt er, sind fifty-fifty.
Taras Savchuk ist 25 Jahre alt.
Gerade hat er an der HAWK sein Studium mit dem Bachelor abgeschlossen. Kindheitspädagogik, ausgerechnet. Im Alazani, dem georgischen Restaurant im Immengarten, hat er während dieser Jahre als Kellner gejobbt, seit 2018, als er nach Hildesheim kam. Er hat hier Freunde gefunden, Partys gefeiert, vor Klausuren bis in die Nacht über Büchern gesessen. Wie man das so macht als Student.
Der 24. Februar 2022 war ein Riss durch sein Leben
Was ihn von vielen Kommilitonen trennte, war der 24. Februar 2022. Ein Riss durch sein Leben, unwiderruflich. Der Tag, an dem Russland die Ukraine überfiel. Zwar hielt die ganze Welt an jenem Donnerstag den Atem an, ganz Europa sowieso. Aber der überwiegende Teil atmete dann auch bald wieder aus. Taras Savchuk nicht. Seit diesem Tag sitzt er in Hildesheim wie auf Kohlen, fühlt sich nutzlos, während seine Landsleute kämpfen, während Zivilisten sterben, fühlt sich schuldig, weil er in Sicherheit ist und sie es nicht sind. „Die Ukrainer in Deutschland“, sagt er, „machen sich doch alle solche Gedanken. Warum bin ich hier und nicht dort, warum kann ich nichts tun?“ Die Ohnmacht, während andere Luftangriffe erleben müssen, Angehörige verlieren und das eigene Leben.
Tag 1 nach dem Überfall, 25. Februar 2022. Taras Savchuk hat wie jeden Freitag Schicht im Alazani. Die Betreiber sind mit ihm zufrieden: Taras ist nett zu den Gästen, erklärt geduldig, was es mit dieser Vorspeise namens Chatschapuri Imeruli auf sich hat – „Spricht man das so aus?“, fragen die Gäste dann immer, und Taras lobt sie und sagt: Genau so! Er ermuntert die Leute, verschiedene Hauptgerichte zu bestellen und sie in der Mitte des Tisches aufzureihen, damit alle von allem probieren können, so wie es die Familien in Georgien beim Essen machen.
Ich komme wieder, wenn der Krieg vorbei ist
Er ist zuverlässig, immer pünktlich. Ein Uhrwerk, der Mann. Doch an diesem Tag meldet er sich vor Schichtbeginn bei Juliana Rudzinski, der Tochter von Restaurantchef Alexander Shukow, und sagt: Er könne heute nicht arbeiten, er sei nämlich schon auf dem Weg – in die Ukraine. „Und wann kommst du wieder?“, fragt Juliana. „Wenn der Krieg vorbei ist“, sagt Taras.
Von nun an sammelt er Spenden für die Ukraine
So lange bleibt er dann doch nicht, er will ja sein Studium abschließen. Aber von diesem Tag an sammelt er Spenden für seine Landsleute und schickt sie aus Hildesheim in die Heimat. Mit mehreren Organisationen steht er in Kontakt, auch mit Kämpfern der Brigaden an der Front. Er versucht zu organisieren, was sie brauchen: haltbares Essen, Powerbanks zum Aufladen von Handys, Fußwärmer, Handschuhe, Drohnen, Nachtsichtgeräte. Alles, was nötig und legal zu beschaffen ist.
Dabei ist gar nichts an ihm, das kämpferisch wirkt. In einem dunklen Kapuzenpulli sitzt er da, einen To-go-Becher in der Hand, in dem kein Kaffee ist, sondern heißer Kakao. „Ich mag keinen Kaffee, ich trinke nie welchen“, sagt Taras, spricht leise und langsam, fast so, als koste ihn jeder Satz, jedes Wort Überwindung. Als wäre sein letztes Lachen hundert Jahre her. Manchmal schließt er kurz die Augen. Er wirkt erschöpft, todmüde eigentlich.
Vielleicht hat ihn seine Entscheidung so viel Kraft gekostet, die er vor einem halben Jahr getroffen hat. Die Diskussionen mit seinen Eltern, die seinen Entschluss, an die Front zu gehen, furchtbar finden, wie er sagt. Die Prüfungen für seinen Abschluss, gerade hat er die letzte hinter sich. Nur sein Kolloquium steht noch aus, eine Art abschließendes Fachgespräch, es soll am 18. September stattfinden. Auf sein Zeugnis, sagt Taras, will er danach nicht warten. So viel Zeit hat er nicht, sicher kann die HAWK es ihm nachsenden.
Er hatte einst vor, nach Alaska zu gehen
Er ist schon längst nicht mehr der Junge, der er war, als er aus der Ukraine nach Hildesheim kam. Ein Junge mit großen Plänen. Er stammt aus Lutsk, einer Stadt im Nordwesten der Ukraine, etwa doppelt so groß wie Hildesheim. Schön hatte er es dort, sagt er. Bruder, Schwester, eine glückliche Kindheit, ein Vater, der Arzt ist, Innere Medizin, eine echte Koryphäe. Taras liebte Sport, er war gut in der Schule, wenn auch nie übertrieben ehrgeizig. Nur ehrgeizig genug, um unabhängig sein zu wollen, seine Ideen zu verfolgen, die da lauteten: In Hildesheim studieren und dann als Kindheitspädagoge fortgehen, irgendwohin, wo es das ganze Jahr über Winter ist, nach Alaska vielleicht. „Auf jeden Fall in ein Land, in dem es richtig kalt ist“, sagt Taras Savchuk. „Ich liebe die Kälte.“ Dort wollte er leben, arbeiten, eines Tages eine Familie gründen.
Diese Pläne, da macht er sich keine Illusionen, verschieben sich nun nicht einfach um ein paar Jahre. Sie sind gestorben. Er redet sich nicht ein, dass er sie später mal verwirklichen wird, eines schönen Tages, wenn der Krieg vorbei ist. Sein Traum von einem kalten Land ist ausgeträumt, er wäre die Option für ein anderes Leben gewesen. In diesem hat er keinen Platz mehr.
Sollte ich den Krieg überleben, werde ich in der Ukraine bleiben
„Sollte ich den Krieg überleben“, sagt Taras, „werde ich in der Ukraine bleiben. Es wird Kinder geben, für die ich da sein muss, die unsere Hilfe brauchen. Traumatisierte Kinder.“ Das wird in seiner Heimat sein Job sein, dafür ist er ausgebildet.
Der Westen ließ Putin einfach gewähren
Der Krieg kam nicht erst, als er erwachsen war. Er fing nicht 2022 an, sondern acht Jahre früher: Russische Kräfte besetzen im Februar 2014 die Krim. In Kiew kommt es zu Massenprotesten gegen die prorussische Politik von Präsident Wiktor Janukowitsch. Er wird gestürzt und setzt sich nach Russland ab. Oleksandr Turtschynow übernimmt die Regierungsgeschäfte. Am 18. März feiert Putin öffentlich die Annexion der Krim – aus seiner Sicht ein Geraderücken historischer Fehlentscheidungen. Er sagt mehrfach, dass es ihm nur um die Krim gehe, dass dieser Besetzung, entgegen der Befürchtungen des Westens, keine weiteren folgen werden. Aah, ach so, na dann, sagt der Westen. Und lässt Putin auf internationalem Parkett gewähren.
Wenn ich anfangs Spenden gesammelt habe, hatte ich in kurzer Zeit zusammen, was ich für einen Transport brauchte. Das dauert heute dreimal so lange, wenn ich es überhaupt schaffe.
Es ist menschlich, sagen Psychologen: Ein Schockzustand hält nicht an. Aus dem vollkommenen Entsetzen über den innereuropäischen Kriegsausbruch vor anderthalb Jahren ist wieder ein politisches Thema geworden, sicher das wichtigste auf europäischer Ebene, aber nicht das erste und wichtigste für jeden Menschen, der morgens aufwacht. Die Bedeutung relativiert sich, die Spenden- und Hilfsbereitschaft pendelt sich wieder da ein, wo sie immer war. Schlimm, was den Menschen in der Ukraine widerfährt, aber das Leben muss ja weitergehen, unser Leben. Eine Tendenz, die auch Taras Savchuk sieht. „Wenn ich anfangs Spenden gesammelt habe, hatte ich in kurzer Zeit zusammen, was ich für einen Transport brauchte“, sagt er. „Das dauert heute dreimal so lange, wenn ich es überhaupt schaffe.“
Findet er sie verwerflich, diese Art der Gewöhnung? Fühlt er sich oder sein Land im Stich gelassen? Hm, nein, eigentlich nicht, sagt Taras. Die Gewöhnung, die gebe es auch in der Ukraine. In Kiew gehen die Menschen arbeiten, sie gehen trotz der Angst ins Restaurant und am Wochenende in Clubs – immer vorausgesetzt, es ist nicht gerade Luftalarm. Du musst ja weitermachen, sagt er, auch wir wollen leben.
Der Ukraine fehlen Ressourcen und Kämpfer
Viel wichtiger ist es für ihn, ein solches freies Leben zu ermöglichen, es wiederherzustellen, auch unter Einsatz seines eigenen Lebens. „Ich denke, dass alle Männer zum Militär gehen müssten, die dazu in der Lage sind“, sagt Taras Savchuk. „Wir haben nicht so viele Reserven, so viele Kämpfer. Wir brauchen jeden.“ Bei Kriegsbeginn trat eine Generalmobilmachung samt Ausreiseverbot für wehrpflichtige Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren in Kraft. Doch der EU-Statistikbehörde Eurostat zufolge sind in Europa mehr als 650 000 ukrainische Männer in diesem Alter als Flüchtlinge registriert. Der ukrainische Grenzschutz meldet 14 600 festgenommene Personen, die illegal die Ukraine verlassen wollten, zudem 6200 Männer mit gefälschten Ausreisegenehmigungen.
Das läuft etwa wie die Bewerbung um einen Job
Aber wie macht man das: in den Krieg gehen? Wo meldet man sich, wie wird man zugeteilt? „Es gibt zwei Möglichkeiten“, sagt Taras. Entweder man geht zu den Streitkräften der Ukraine, dem Obersten Befehlshaber unterstellt, Präsident Wolodymyr Selenskiy. Man kann als geeignet anerkannt werden und erhält eine Grundausbildung. Oder man schließt sich, wie Taras es vorhat, einer Brigade an. „Das läuft etwa so wie die Bewerbung um einen Job.“
Offiziell bilden die Brigaden eine eigenständige Organisation, die dem ukrainischen Generalstab untersteht. Nicht ganz so offiziell, sagt Taras, entscheiden deren Befehlshaber selbst, was ihre Leute können müssen und wo sie sie einsetzen. Reservisten meist, Freiwillige. Zu den Brigaden hat er seit Langem Kontakt, auch durch seine Spendenaktionen, doch zu welcher genau, sagt er nicht.
Er sammelt 55 Pakete für 55 Männer an der Front
Bislang kann er nicht mal schießen. Navigieren, immerhin. „Und ich mache viel Sport und habe viel gelesen, alles über Erste Hilfe zum Beispiel“, sagt er. Und er weiß aus vielen Gesprächen, was Soldaten an der Front brauchen. Noch einmal will er jetzt Sachspenden sammeln, 55 kleine Pakete für 55 Männer. Wer will, kann eins packen und bei ihm abgeben, sagt er, „ich nehme die Sachen direkt mit, wenn ich rüber fahre“.
Seine Eltern werden ihn aus Hildesheim abholen. Sein Vater, der Arzt, und seine Mutter, die weinen und ihn noch einmal inständig bitten wird, es nicht zu tun, nicht an die Front zu gehen, um Gottes Willen. „Aber wenn ich mich entschieden habe, mache ich das, auch das wissen meine Eltern.“
Einmal will er vorher noch wegfahren. Ein paar Tage Urlaub machen, drei oder vier, und auf die Zugspitze steigen. Die ist mit 2962 Metern nicht wirklich hoch, und richtig kalt ist es dort jetzt auch nicht, aber immerhin kälter als irgendwo sonst in Deutschland. Vielleicht wird er auf der Zugspitze noch einmal kurz daran denken, was dieses Leben für ihn hätte sein können – ohne Krieg.
Meine größte Angst ist, dass der Krieg zu einer langfristigen Besatzung wird
Aber dann wird er nach Hildesheim zurückkehren, eine traurige Party im Alazani feiern, wo ab sofort Juliana oder Alex den Gästen erklären müssen, was Chatschapuri Imeruli ist: ein georgisches Fladenbrot mit eingebackenem Käse. Wo sie alle oft an Taras in der Ukraine denken werden. Ob er Angst hat vor dem, was ihn dort erwartet? „Meine größte Angst ist, dass der Krieg zu einer langfristigen Besatzung wird, zum Dauerzustand wie im Donbass“, sagt Taras Savchuk. Man mag sich an alles gewöhnen, sagt er, aber nicht an fremde Macht. Die Unabhängigkeit, die geht über das Leben hinaus.
Info: Hier können Sie spenden
Taras Savchuks letzte Sammlung läuft ab sofort zugunsten einer Armeeinheit im Sektor Donezk. Er wird die Sachen selbst abgeben und das dokumentieren. Gespendet werden können – einzelne Pakete, etwa mit Süßigkeiten, Zeichnungen, Powerbanks zum Aufladen von Handys oder Fußwärmern – Kleidung, haltbare Lebensmittel, Batterien, Taschenlampen, Powerbanks und ähnliches – Geld für die Anschaffung von Gegenständen für die Soldaten unter IBAN DE31259400330215278300 oder Paypal tsavchuk20@gmail.com. Wer Pakete oder Sachspenden abgeben möchte, kann Taras Savchuk kontaktieren unter 0176 / 345 288 41.



