Hildesheim - Gerade drischt Jonathan Zimmer vom Fußball-Bezirksligisten VfL Borsum volley auf das Tor des VfR Germania Ochtersum – der Ball saust knapp am Pfosten vorbei. Im Gegensatz zu Zimmers flottem Schuss fließt am Dienstagabend beim Kehrwieder-Cup in Ochtersum das Pils alles andere als schnell. Es plätschert nur im dünnen Rinnsal aus dem Zapfhahn. Da dauert es, bis so ein 0,4-Liter-Glas gefüllt ist. Meine Kunden und ich müssen geduldig sein.
Ich habe mich bei Hildesheims größtem Fußball-Vorbereitungsturnier freiwillig zum Dienst im Getränkewagen gemeldet. Bier gezapft habe ich zuletzt vor 35 Jahren beim 50. Geburtstag meines Vater. „Mal schauen, wie du dich anstellst“, meint Andrea Buschbaum und lächelt, als ich mich zur Schicht melde. Buschbaum ist im Vorstand des Kehrwieder-Cup-Gastgebers Germania Ochtersum – als Kassenwartin. Und sie gehört zum fünfköpfigen Theken-Team des Bierstands. Der Wagen ist hinter eines der Tore platziert worden. Mit einer 1 A Sicht auf das Spielfeld.
Kaum Druck drauf
Am Dienstag ist in Ochtersum mäßig viel los. Parallel wird das EM-Spiel der deutschen Frauen gegen Dänemark übertragen. Viele potenzielle Kehrwieder-Cup-Gänger sitzen wohl daheim am Fernseher. Daher macht es nichts, dass das Bier aus dem Hahn nur langsam fließt. Trotzdem geht Daniel Mahnkopf, zweiter Vorsitzender des VfR Germania, der Sache auf den Grund. Er schaut ins Innenleben der Zapfanlage, werkelt an den Schläuchen. „Da ist ja kaum Kohlensäure drauf“, sagt er und dreht am Verschluss der Gas-Flasche. Kurzer Test. „So, nun läuft es.“ Also das Bier – das Spiel für die Ochtersumer eher nicht. Sie verlieren die Partie gegen den VfL Borsum mit 0:1.
VfR-Vorsitzender Reinhardt Garms kommt zum Getränkewagen und bestellt ein Pils. Ich lehne mich lässig auf die Theke – mal ein bisschen mit dem Germanen-Boss schnacken. Das erste Spiel gegen den SV Einum haben seine Ochtersumer noch gewonnen, durch die Niederlage gegen Borsum ist aber klar, dass sie als Gastgeber früh aus dem Wettbewerb ausscheiden. Das passt Garms nicht wirklich in den Kram. Aber es gibt Wichtigeres.
Denn mit dieser Saison beginnt bei den Germanen eine neue Zeitrechnung – erstmals in ihrer Vereinsgeschichte sind sie in die Landesliga aufgestiegen. Ziel sei der Klassenerhalt, so der Vorsitzende, „aber letztlich gibt es auch da keinen Druck. Wenn wir es nicht schaffen, gehen wir eben wieder runter in die Bezirksliga“.
Rund ein Dutzend neuer Spieler haben sich nach dem Aufstieg beim VfR vorgestellt, um eventuell beim Klub anzuheuern – darunter viele mit bestimmten Gehaltsvorstellungen. Garms: „Aber wir zahlen kein Geld. Das können wir nicht, und das machen wir nicht! Wir werden uns in der Landesliga nicht überheben.“
Bescheidene Fußballer
Vier der Bewerber sind dagegen bescheiden – und die hat der Klub dann auch verpflichtet: Innenverteidiger Patrick Sowa (vom TSV Giesen), die Außenverteidiger Viktor Schmitz (aus der A-Jugend des VfV 06 Hildesheim) und Horan Khalil Alo (SV Harsum) sowie den Mittelfeldmann Cem Tunakan (Ablöse-frei vom Mühlenberger SV). Ganz umsonst ist aber auch das nicht. „Wir mussten für drei der vier Neuen Ausbildungsentschädigungen zahlen“, sagt Garms. Dabei handelt sich um einen vierstelligen Betrag.
„Wo ist eigentlich unser Leiharbeiter?“, höre ich hinter mir im Bierwagen Andrea Buschbaum rufen. „Hier! Was ist los?“, antworte ich. Buschmann: „Du musst zapfen!“ Nach dem Spiel der Ochtersumer gegen Borsum kommt plötzlich ein ganzer Schwung Leute an die Theke. „Zwei Bier bitte!“ „Ein Pils!“ „Drei zu mir!“ „Ein Alster, eine Cola!“
Jetzt, da der Druck auf dem Zapfhahn hoch ist, mache ich die Humpen offensichtlich zu voll. Beim Abstellen läuft ständig das Bier über den Glasrand – das gibt eine kleine Sauerei. Ich wische alles wieder sauber. „Das machst du fein“, meint Alexandra Hoffmann, Mitgliedswartin beim VfR und ebenfalls im Theken-Team.
„Wir sind eigentlich immer an Bord, wenn es am Bierstand etwas zu tun gibt – beim Kreispokalfinale 2024, beim Kuddelmuddel-Turnier oder sonst etwas“, erzählt Hoffmann. Rund 40 Frauen und Männer gehören zum harten Kern der Helfer und Anpacker beim VfR Ochtersum. Sie kümmern sich um die Spieltagsvorbereitung, den Ab- und Aufbau, um den Grillstand, die Theke und, und, und. Andrea Buschbaum sei durch ihren Mann (Jugendleiter Lars Buschbaum) zum Klub gestoßen. „Man hängt an dem Verein, und es entstehen richtige Freundschaften.“
Hildesheimer Kooperation
Zum Theken-Team an diesem Abend gehören noch Buschbaums Tochter Emily, Alexandra Hoffmanns Tochter Tabea sowie Nina Accardo. Nina wiederum ist verheiratet mit Giacomo Accardo, den alle nur Giaco nennen. Er lehnt lässig mit dem Rücken am Tresen und schaut auf den Sportplatz. Mittlerweile spielt Einum gegen Borsum. Giaco unterhält mit seinen Sprüchen die Umgebung und fährt immer wieder Lacher ein. Als ich ihn anspreche, wird er still. „Oh, die Presse, da muss man vorsichtig sein“, sagt Ciaco grinsend.
Accardo engagiert sich normalerweise in der Spartenleitung des TuS Grün-Weiß Himmelsthür. Aber er hat gleich zwei Gründe, in Ochtersum vorbeizuschauen: zum einen freilich wegen seiner Frau, die am Bierstand hilft, zum anderen wegen der Kooperation des TuS Grün-Weiß mit dem VfR Germania im Jugendbereich. „Die ist erfolgreich“, sagt er. „Die gemeinsame A-Junioren beider Klubs spielt in der Landesliga, die B-Jugend in der Bezirksliga.“ Solche Spielgemeinschaften machen Sinn. „Durch die Kooperation sind wir in der Lage, im Nachwuchs relativ hochklassige Mannschaften anzubieten und bleiben für Talente aus der Umgebung interessant“, meint Giacomo Accardo.
Fix das Glas leeren
Eine Frau dreht sich zum Tresen, schaut zu ihrem Mann und leert fix das Glas. Ihr Partner ist noch nicht ganz so weit, hat noch knapp ein Drittel im Humpen. „Ich nehme noch eins“, sagt sie. „Wer von uns beiden als Erstes das zweite Bier bestellt, muss nämlich nicht mehr fahren.“ Ihr Mann lächelt und steigt um: auf Wasser.


