Eine fast unglaubliche Story

Von den Sportfreunden Söhre zum großen FC Barcelona: Der sagenhafte Weg des Handballers Tim Alex

Barcelona/Söhre - Vor kurzem trainierte der Handballer noch in der Diekholzener Steinberghalle im Kreis Hildesheim. Jetzt geht er gemeinsam mit Robert Lewandowski zur Arbeit. Da hatte Söhres Trainer Sven Lakenmacher die Finger im Spiel.

Barcelona/Söhre - Neuerdings geht Tim Alex häufiger mit Robert Lewandowski zur Arbeit – und das hätte er vor ein paar Wochen noch nicht einmal zu träumen gewagt. In den vergangenen drei Jahren spielte Alex für die Handballer der Sportfreunde Söhre. Der Rückraummann stieg mit den Söhrern 2022 in die 3. Liga auf und schaffte mit ihnen zuletzt den Klassenerhalt.

In diesem Herbst und Winter wollte der Lehramtsstudent eigentlich nur ein Auslandssemester in Barcelona absolvieren. Doch nun steht er plötzlich bei einem der ganz großen Welt-Klubs unter Vertrag: dem FC Barcelona.

Robert Lewandowski ist Fußballer, Tim Alex Handballer – aber alle aus dem Herzens-Verein der Katalanen trainieren gemeinsam auf den Campus von Barca. „Da sind die Kicker, die Basketballer, die Futsaler und auch wir Handballer“, sagt Alex. Wenn er morgens auf den Campus will, muss er an einer Pförtner-Loge vorbei. Vor der Loge stehen oft viele Menschen – Fans. „Die warten natürlich nicht auf mich, sondern wollen ein Selfie mit Stars wie Lewandowski oder Gündogan. Trotzdem ist das ein irres Gefühl.“

Die warten natürlich nicht auf mich, sondern wollen ein Selfie mit Stars wie Lewandowski oder Gündogan. Trotzdem ist das ein irres Gefühl

Tim Alex, Handballer des FC Barcelona

Irre! – das beschreibt auch gut die Geschichte, wie Tim Alex zum elffachen Handball-Champions-League-Sieger nach Barcelona gekommen ist. Er wuchs in Sickte auf, spielte bis 2020 beim benachbarten MTV Braunschweig. Von dort aus wechselte der 1,90-Meter-Mann vor drei Jahren zu den Sportfreunden nach Söhre. Außerdem studiert er an der Uni Hildesheim auf Lehramt. Seine Fächer: Geschichte und Sport. Alex steht mittlerweile vor dem Master-Abschluss.

„Ich hatte schon immer den Traum, eine Weile ins Ausland zu gehen, um dort zu studieren“, sagt der 26-Jährige. „Und wenn nicht jetzt, wann dann?“ Seine Lebensgefährtin Louisa wollte mit. Sie ist an der HAWK in Hildesheim eingeschrieben. Die beiden sind seit acht Jahren zusammen. „Auch Louisa plante ein Auslandssemester. Weil es für sie und für mich passte, entschieden wir uns für Barcelona.“

Ein Anruf bei Carlos Ortega

Das Paar organisierte alles: den Studienplatz, die Finanzen, die Wohnung. Nur eine Sache blieb noch offen: Wo kann sich Tim Alex in der Zeit als Handballer fit halten? „Ich suchte in Barcelona nach einem Team auf Ober- oder Drittliga-Niveau, in dem ich für die Zeit hätte mittrainieren können. Schwierig.“

Im späten Frühjahr, noch daheim in der Diekholzener Steinberghalle, sprach Alex mit seinem Söhrer Trainer Sven Lakenmacher über die Situation. Lakenmacher, Ex-Nationalspieler und Ex-Bundesligaspieler, hat von 2003 bis 2004 selbst in Spanien bei Portland San Antonio unter Vertrag gestanden. Und er kennt Carlos Ortega gut, den Chefcoach der Handballer des FC Barcelona. „Ich rief damals Carlos an, ob er helfen kann“, so Lakenmacher.

Das Ganze führte zunächst zu einem Missverständnis. Ortega, von 2017 bis 2021 Trainer der TSV Hannover-Burgdorf, also Deutschland-erfahren, hatte verstanden, dass Tim Alex bei Barcelona spielen und nicht nur mittrainieren wolle. Er forderte Videos des Söhrer Handballers an. Sven Lakenmacher schickte ihm die gewünschten Spielszenen.

Bei Barca wurde das Material ausgewertet. „Sie waren angetan von dem, was sie sahen, wollten Tim unter Vertrag nehmen“, sagt Sven Lakenmacher. Einen wie Alex hatte der Klub nämlich noch gesucht. Einen, der sowohl im Innenblock decken als auch im Angriff Tore werfen kann. Allerdings nicht für die erste Mannschaft der Katalanen, sondern für die Youngsters des Vereins, die in der 2. Liga auflaufen.

Kurz darauf wurde Alex zum Fitness- und Gesundheitscheck nach Spanien eingeladen. Alles war okay, und plötzlich lag der Vertrag auf dem Tisch. Einer, für eine komplette Saison. „Das war schon irgendwie surreal“, meint Tim Alex.

Nun musste einiges geregelt werden. Ursprünglich wollte der 24-Jährige mit Louisa zum Studieren nach Katalonien – für ein halbes, nicht für ein ganzes Jahr. „Ich werde trotz des Vertrages mit dem FC Barcelona die Uni besuchen“, sagt Tim Alex. Aber seine Freundin war nur auf sechs Monate eingestellt. „Das haben wir umdisponiert. Louisa studiert jetzt wie geplant ein Semester, dann bleibt sie noch bis März bei mir und geht etwas früher als ich zurück nach Deutschland.“

Tim Alex lebt nun in einer anderen Welt. „Der Barca-Campus ist riesig. Unglaublich, was es hier für Trainingsmöglichkeiten gibt. Allein unsere zweite Mannschaft hat zig Betreuer: einen Teammanager, einen Chefcoach, Co-Trainer, Sportpsychologen, Physiotherapeuten und, und, und.“

Ich habe ihm keine Steine in den Weg gelegt. Das ist eine große Chance für Tim, die muss man ihm geben

Sven Lakenmacher, Trainer der Sportfreunde Söhre

Noch ruht die Liga in Spanien, aber Tim Alex hat mit seinem neuen Klub bereits Testspiele absolviert. Der Trainer zählt auf ihn. „Es lief gut. Gut in der Deckung und auch im Angriff werfe ich meine Tore“, sagt Alex.

Vermisst wird der Rückraumer freilich in Söhre. Die Sportfreunde hatten gehofft, dass er nach seinem Auslandssemester zurückkehrt, um dann in der Rückrunde wieder für sie aufzulaufen. Daraus wird nun nichts. „Aber ich habe ihm keine Steine in den Weg gelegt“, sagt Söhres Coach Lakenmacher. „Das ist eine große Chance für Tim, die muss man ihm geben.“

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