Lüder-Häuser

Ukrainische Geflüchtete in Hildesheim: Zwischen Dankbarkeit und Hoffnung

Hildesheim - Seit Mitte März leben 151 Geflüchtete aus der Ukraine in den Lüder-Häusern in Hildesheim. Ein Ort, an dem der Schmerz der vergangenen Monate einen Platz hat – aber auch Fröhlichkeit.

Hildesheim - An dem Tisch im Hohnsen-Hafen, dem Gebäude an der Kreuzung Hohnsen/Goschentor, sitzen vier Frauen. Um sie herum wuselt die eineinhalbjährige Sofia – mit strahlend blauen Augen und pinkfarbenem Zopfband in den blonden Haaren könnte das Mädchen kaum unbeschwerter wirken. Sie malt, schüttet eine Tüte mit Salzbrezeln auf dem Boden aus, probiert, wie viel Krach es macht, wenn sie die untere Seite des Bleistifts immer wieder auf den Tisch haut. Die Frauen um sie herum aber, die haben Tränen in den Augen.

Monate sind vergangen, seit die russische Armee in die Ukraine einmaschiert ist, das Leben der Menschen dort für immer verändert hat. Und doch: Wenn eine Tragödie nur lang genug anhält, vermag sie für Unbeteiligte den Schrecken zu verlieren. Es wird weniger darüber berichtet, darüber gesprochen.

Fröhlichkeit und Schmerz gehen Hand in Hand

Sie haben ihre Fröhlichkeit nicht verloren

Eleonora Schulz, Dolmetscherin

Auch in den von der Firma Lüder bereitgestellten vier Gebäuden, in denen seit Mitte März geflüchtete Menschen aus der Ukraine kostenfrei leben, geht es oft fröhlich zu. Es gibt Feste, Musik, die Geflüchteten bereiten Speisen zu, füreinander, für die Angestellten des Service-Büros und die vielen ehrenamtlichen Helfer und Helferinnen. Auf den ersten Blick merkt man nicht, was hinter diesen Menschen liegt. „Sie haben ihre Fröhlichkeit nicht verloren“, sagt Eleonora Schulz, die für das Deutsche Rote Kreuz als Dolmetscherin im Hohnsen-Hafen arbeitet.

Und doch – wenn das Thema zur Sprache kommt, ist es unübersehbar. Der Schmerz, das Leid, die Erinnerungen an Panzer, die durch die Städte fahren. Die Sorge um Verwandte und Freunde, die nach wie vor im Kriegsgebiet leben. Wenn Viktoria Yanocska, Svitlana Ivanova und Lyubov Korin anfangen zu erzählen, wie sie den Weg nach Hildesheim gefunden haben, sind ihre Tränen kaum mehr aufzuhalten.

Viele Menschen aus der Ukraine fliehen der Kinder zuliebe

Das Leben war wunderschön. Bis die Russen kamen, um uns zu ’befreien’

Lyubov Korin, Ukrainerin

„Ich hatte eine wunderschöne Arbeit, eine Familie, ein Haus“, sagt Lyubov, die eine halbe Stunde vom schwarzen Meer entfernt wohnte. „Das Leben war wunderschön. Bis die Russen kamen, um uns zu ’befreien’.“ Als der Krieg begann, arbeitete sie gerade auf einem Schiff. Acht bis neun Monate am Stück war sie unterwegs, um für ihre Kinder und ihre pensionierten Eltern zu sorgen. Dann fielen russische Bomben auf ihre Heimat, Panzer fuhren durch die Straßen. Und Lyubov fragte sich: Kann ich ein Gewehr in die Hand nehmen, mein Land verteidigen?

„Hätte ich keine Kinder und keine Familie, hätte ich es gekonnt“, sagt sie, mit Nachdruck in der Stimme. Die alleinstehende Mutter entscheidet sich, mit den Kindern – neun und zwölf Jahre alt – zu fliehen. Und dafür, ihr bisheriges Leben zurückzulassen. Ihre Eltern hingegen verlassen das Land nicht. „Das Wichtigste ist die Ausbildung und die Gesundheit der Kinder“, sagt Lyubov. In Hildesheim arbeitet sie nun als Hotelmanagerin, oftmals in den frühen Morgenstunden. „Egal, wie oft ich früh aufstehen, wie hart ich arbeiten muss, ich werde die nächsten Jahre hier bleiben, damit meine Kinder eine bessere Zukunft haben.“

Einsamkeit auf der Flucht

Unterwegs habe ich mich so einsam gefühlt

Viktoria Yanocska, Ukrainerin

Auch Viktoria floh ihrer Tochter zuliebe – und musste ihren Mann vorerst in Charkiw zurücklassen. Als die Sirenen nachts Alarm schlugen und sie mit ihrer Familie im Keller saß, bestand ihr Mann darauf, dass Viktoria und Sofia fliehen. „Ihr müsst gehen“, habe er gesagt. Und, dass er sie dort nicht beschützen könne. „Unterwegs habe ich habe mich so einsam gefühlt“, sagt Viktoria.

Mit gerade einmal 33 Jahren musste sie plötzlich lebensverändernde Entscheidungen treffen, ihr kleines Mädchen an der Hand: Wohin geht es als Nächstes? Sie wusste nicht weiter, und zurück konnte sie auch nicht. Dann nahm sie den Kontakt zu Freunden aus Polen auf, die hunderte Kilometer fuhren, um sie und ihre Tochter abzuholen.

Viel Dankbarkeit bei den Geflüchteten

Drei Monate leben Viktoria und Sofia allein im Hohnsen-Hafen, ehe ihr Mann nachkommen kann. Einsam war sie jedoch nicht mehr. „Wir fühlen uns hier aufgenommen“, sagt sie. „Es ist wie eine Familie, die hier lebt. So eine Hilfe habe ich noch nie in meinem Leben erlebt.“

Auch Svitlana ist bei ihrer Ankunft in Hildesheim tief ergriffen von der Hilfsbereitschaft, die ihr und ihrem Mann entgegengebracht wird. „Ich habe gedacht: Hier ist jetzt mein Zuhause“, erinnert sie. „Diese Mühe, die die Menschen sich hier mit uns geben, das kann man kaum in Worte fassen.“ Kaum in Worte fassen kann man auch den Schmerz über das, was die 52-Jährige zurücklassen musste: ihren Sohn. Der lebt nach wie vor in Charkiw. So wie auch viele anderen ihrer Verwandten nach wie vor in der Ukraine sind – und in Russland.

Russische Verwandte glauben an Propaganda der Regierung

Die gebürtige Russin hat die vergangenen 36 Jahre in der Ukraine gelebt, hat in der Personalabteilung einer Schule gearbeitet. „Wir haben uns alle verstanden, egal ob ukrainisch oder russisch“, sagt sie. In ihre Trauer und Verzweiflung mischt sich auch Wut – über die russische Regierung, darüber, dass die Soldaten direkt zu Beginn des Krieges in ihre Schule einmaschierten, um sie zu ,befreien’.

Ich habe gesagt: Wovon wollt ihr mich denn befreien?

Svitlana Ivanova, russischstämmige Ukrainerin

„Ich habe gesagt: Wovon wollt ihr mich denn befreien?“ Ihre Verwandten in Russland, bei denen sie und ihr Mann die ersten Monate des Krieges unterkamen, verteidigten das Vorgehen der russischen Regierung – und glauben an deren Propaganda. Daran, dass die Ukraine Bio-Waffen besitze und von Nazis befreit werden müsse. Nun, in Hildesheim, will Svitlana unbedingt Deutsch lernen. Damit sie ihre Dankbarkeit, wie sie sagt, selbst ausdrücken kann. Ganz ohne Übersetzerin.

Am ersten Tag des Krieges zählt Svitlana 200 Militärfahrzeuge

Wer nicht direkt von dem Kriegsgeschehen betroffen ist, kann die Nachrichten ausschalten, eine Pause von dem ganzen Schrecklichen nehmen. Wer aber, wie Svitlana, miterleben musste, wie Bomben die eigene Heimat zerstören, über wessen Köpfe Raketen hinweg fliegen – der kann das nicht einfach vergessen. „Es war schrecklich“, sagt Svitlana. 200 Militärfahrzeuge zählten sie am ersten Tag des Krieges. Dann gaben sie das Zählen auf.

Das verbindet die Menschen im Hohnsen-Hafen. Nächte, in denen sie nicht schlafen können, weil die Sorge um die zurückgelassene Familie zu groß ist. Die Ungewissheit darüber, wie es weitergeht. Die Sehnsucht nach dem gewohnten Leben, das es so nicht mehr gibt.

Ein Ort zum Verarbeiten – und mit vielen offenen Ohren

Der Hohnsen-Hafen ist auch ein Ort, an dem die Menschen Erlebtes verarbeiten können. Und einer, an dem die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ein offenes Ohr haben. „Wir können auch mitweinen“, sagt die Dolmetscherin Eleonora Schulz. Die Rentnerin hatte nach Ausbruch des Krieges das Bedürfnis, zu helfen – immerhin spricht sie Russisch. „Jetzt bin ich hier irgendwie hängen geblieben“, sagt sie und lacht.

Sie begleitet die Bewohner und Bewohnerinnen zu Behörden, hilft, die Sprachbarriere zu überbrücken. Und sie sagt: Auch, wenn hinter den Menschen viel Schreckliches liegt, ihre Fröhlichkeit haben sie nicht verloren. Und auch ihre Hoffnung nicht, irgendwann wieder zurückkehren zu können. Auch wenn ihr Haus zerbombt ist, gibt Svitlana deshalb die Zuversicht nicht auf, dass sie eines Tages mit ihrem Mann zurückkehren kann – und ihren Sohn wiedersieht.

Es ist schön hier, aber: Zuhause ist Zuhause

Viktoria Yanocska, Ukrainerin

„Es ist schön hier“, sagt auch Viktoria, und in ihren Augen sammeln sich abermals die Tränen. „Aber ich möchte sehr gern wieder zurück – Zuhause ist Zuhause.“ Doch selbst wenn der Krieg endet, wird es Jahre dauern, bis das Land sich von der Zerstörung erholen kann, sagt Lyubov. „Russland will alles zerstören“, sagt sie. „Aber egal, wo wir sind: Wir bleiben trotzdem Ukrainerinnen.“

151 geflüchtete Menschen in 41 Wohnungen

Seit Mitte März leben ukrainische Geflüchtete in den Lüder-Häusern in der Straße Hohnsen. Das Unternehmen übernimmt die Unterhaltkosten für die Häuser, die Stromkosten trägt die EVI. Mittlerweile leben dort 151 Menschen in 41 Wohnungen.

Im Erdgeschoss: das Service-Büro, geleitet von Christiane Abendroth und Sven Hirsch von der Freien Evangelischen Gemeinde (FEG) und Janine Bitter vom Deutschen Roten Kreuz (DRK). Fünf Festangestellte und 20 Ehrenamtliche sorgen dafür, dass die Bewohner und Bewohnerinnen einen Ort zum Ankommen haben – „deshalb haben wir es auch Hohnsen-Hafen genannt“, erklärt von Abendroth.

Unterstützung bei Behördengängen und der Sprache

Dass der Hohnsen-Hafen ein Gemeinschaftsprojekt ist, beweisen die vergangenen Monate. Im März und April wurden die Lüder-Häuser unter der Leitung der FEG renoviert, unterstützt durch mehrere hundert Ehrenamtliche aus der FEG, von der HAWK, aus der Nachbarschaft und anderen Kirchengemeinden.

Wir sind sehr gut vernetzt, alle helfen mit, wo es nur geht

Christiane von Abendroth, Leiterin des Service-Büros

Seit die Menschen vor Ort sind, helfen die Mitarbeitenden des Service-Büros ihnen beim Alltag, Behördengängen, auch bei der zukünftigen Wohnungssuche. Ehrenamtliche Deutschlehrer und -lehrerinnen geben Sprachkurse. „Das Jobcenter schickt Leute vorbei, die Stadt hilft uns bei Fragen“, sagt von Abendroth. „Wir sind sehr gut vernetzt, alle helfen mit, wo es nur geht.“

Die Frage nach dem „danach“

Der Abschied wird uns schwer fallen, aber man wünscht sich auch, dass die Menschen ihr Leben selbst leben können

Christiane von Abendroth, Leiterin des Service-Büros

Bis Februar 2023 stellt die Firma Lüder die Wohnungen kostenfrei zur Verfügung, ehe der Abriss der Gebäude geplant ist. Ende der Sommerferien soll mit den Bewohnern und Bewohnerinnen geplant werden, wie es danach für sie weitergeht. „Das ist das, was wir auch sein wollten: Eine Zwischenstation“, sagt von Abendroth. „Der Abschied wird uns schwer fallen, aber man wünscht sich auch, dass die Menschen ihr Leben selbst leben können.“

Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.