Hildesheim - Das Piepen eines Herzmonitors eröffnet den musikalischen Teil des M’era Luna in diesem Jahr. Re.Mind haben sich den ersten Auftritt des Wochenendes auf der Hauptbühne beim Newcomer-Wettbewerb erspielt.
Der Preis ist natürlich mit Vorsicht zu genießen. Um 11 Uhr am Samstag dösen die meisten Festivalgäste noch in ihren Schlafsäcken oder putzen sich im Make-Up-Zelt gerade erst für den Tag heraus. Allerdings: Schon um 10.30 Uhr warten die ersten Menschen vor der Bühne. Es scheint sinnbildlich für das diesjährige Festival: Die Leute haben Bock.
Noch harmonischer als sonst
Am Vormittag pustet noch ein kräftiger Wind übers 582.000 Quadratmeter große Gelände. Allerdings bleibt es trocken und der Wind treibt auch die Wolken weg. Ab Mittag genießen die Mondsüchtigen, die das M’era jedes Jahr anzieht, die Sonnenstrahlen. Die Stimmung ist fantastisch. Selbst langjährige Festivalgänger zeigen sich im Gespräch beeindruckt.
Die Schwarze Szene hat zwar ohnehin den Ruf, friedfertig und freundlich zu sein. Aber dieses Jahr scheint es noch harmonischer als sonst zu sein. Vielleicht ist die Sehnsucht da, nach Corona und angesichts von Krieg und Unsicherheit in der Welt die Chance auf ein traumhaftes M’era Luna schlicht zu ergreifen.
Weniger Kostümierte als sonst
Die Leute tingeln über den Mittelaltermarkt, recken die Gesichter ins Sonnenlicht oder stellen ihre aufwändigen und oft selbstgemachten Outfits zur Show. Wer hier nach einem Foto fragt, bekommt es. Auffällig allerdings: Es sind weniger Kostümierte als in den Vorjahren. Gerade die sehr aufwendigen Verkleidung, wie die Cyber-Gothics oder Steampunker, fehlen bei einem Gang übers Gelände.
Einer der Auftritte, die mit Spannung erwartet werden, kommt von Oomph! Die Band aus Braunschweig hat es Anfang der 2000er mit Neuer Deutscher Härte gepaart mit Dark-Rock aus der Szene hinaus in den Mainstream geschafft. „Augen auf“ platzierte an der Spitze der Charts und gruselte mit seinem Musikvideo eine Generation auf MTV.
Oomph! mit neuem Sänger
Anfang des Jahres gingen dann Mitgründer und Sänger und seine Band getrennte Wege. An seine Stelle ist Daniel Schulz gerückt. Der ehemalige Unzucht-Sänger steht jetzt vor der Aufgabe, einen Sänger ersetzen zu müssen, der die Band mit seiner Stimme und seinem Charisma geprägt hat.
Macht er es besser als sein Vorgänger? Nein, da ist noch Luft nach oben. Macht er es trotzdem gut? Ja, denn oben sind auch das ganze Konzert über die Hände. Gerade „Träumst Du“ und „Labyrinth“ begeistern die Menge.
Hämatom mit Humor
Einen Knaller hingegen verschaffen Hämatom. Denn sie bringen, was dem von tiefer Romantik und schwerer Melancholie durchzogenen M’era Luna oft abgeht: Humor. Ihr Auftritt beginnt mit dem Titellied der Gummibärenbande. Die Menge singt begeistert mit. Hämatom begreifen Gothic hedonistisch. Warum sollen Grufties nicht auch mal feiern und sich die Birne wegballern dürfen? „Gott muss ein Arschloch sein“, folgert die Band angesichts solcher Unterstellungen. Hintersinne haben sie also auch in die Kalauer geschmuggelt. Das macht Spaß.
Bleischwer wirkt hingegen das anschließende Konzert von Deine Lakaien. Das Duo geht reduziert zurück zu seinen Anfängen in den 1980ern. Es gibt sicher eine Zeit und einen Ort dafür. Bei Wochenend und Sonnenschein ist er nicht. Immerhin wagt sich Sänger Alexander Veljanov an leichte politische Aussagen. Aber irgendwie wirkt das fehl am Platz. Bei diesem M’era Luna will man bisher die Welt und ihre Sorgen und Nöte vergessen – und nur genießen.
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