Hildesheim - Er fand ein großes Publikum, und das war größtenteils begeistert: Der frühere Hamburger Umweltsenator und RWE-Innogy-Chef Fritz Vahrenholt (SPD) hat am Dienstagabend im Hildesheimer Kreishaus seine Kritik an der Energiewende in Deutschland präsentiert, vor einer Deindustrialisierung gewarnt und ein radikales Umsteuern der Politik gefordert. 180 Interessierte kamen zu der Veranstaltung der CDU-Kreistagsfraktion, die vor allem wegen Vahrenholts Auftritten bei der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung auch innerhalb der Partei stark umstritten war und ist. Vor dem Kreishaus demonstrierten rund 20 Klimaaktivisten mit Sprechchören gegen den Auftritt. Im Saal gab es wenige kritische Stimmen – auf die der 73-jährige Chemie-Professor alles andere als souverän reagierte.
Kritik an der Energiewende
„Die Energiewende in Deutschland wird scheitern, das ist ganz klar – und früher, als wir alle glauben“, betonte Vahrenholt. Seine Kritik an dem Konzept und seine Warnungen vor einem Abwandern der Industrie waren gleichwohl der Teil des Vortrags, in dem der langjährige Energiemanager – der in seiner Karriere tatsächlich vor allem für den Bau von Windrädern und Solarparks zuständig war – am ehesten zum Nachdenken anregte.
Er erinnerte daran, dass die Strompreise schon vor dem russischen Angriff auf die Ukraine gestiegen seien, auch wenn jetzt häufig so getan werde, als sei allein Wladimir Putin Schuld daran. Auslöser sei vielmehr die „seit zwölf Jahren verfehlte Energiewende“, durch die Strom durch Abschaltung von Atom- und Kohlekraftwerken immer knapper und damit teurer geworden sei. Die Gaskraftwerke hätten das zunächst übertüncht, doch dann seien die Gaslieferungen aus Russland weggefallen.
Sorge um die Industrie
Wegen des endgültigen Atomausstiegs und des geplanten Kohleausstiegs erwarte er weiter steigende Preise an der Strombörse und damit auch für die Verbraucher, warnte Vahrenholt. Nötig für die deutsche Schwerindustrie seien Strompreise von 4 bis 5 Cent, im Vorjahr sei der Börsenpreis zwischenzeitlich auf 80 Cent gestiegen. Dass er im März nur noch 10 Cent, den niedrigsten Wert seit einem Jahr, betrug, erwähnte Vahrenholt nicht.
Mit seiner Warnung, große Industrien und damit Arbeitsplätze würden wegen der Energiepreise Deutschland verlassen, was wiederum ortsgebundene Zulieferer treffen könnte, steht Vahrenholt alles andere als allein. Tatsächlich fordert neben der Industrie selbst auch die SPD-Bundestagsfraktion einen sogenannten Transformationsstrompreis, wie der Hildesheimer Abgeordnete Bernd Westphal just am Mittwoch erklärte. Ab Beginn der 30er-Jahre werde der Strom durch den Ausbau der Erneuerbaren Energien ohnehin günstiger, bis dahin müsse der Staat der Industrie finanziell massiv helfen, so Westphal, der auch wirtschaftspolitischer Sprecher seiner Fraktion ist: „Das ist elementare Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.“
Einsatz für Fracking
Die Lage Anfang der 30er-Jahre sieht Vahrenholt allerdings ebenfalls skeptisch. Allein mit Wind und Sonne lasse sich das Land nicht versorgen – und er komme selbst aus diesen Branchen, mahnte er. Wer die nötigen neuen Gaskraftwerke rechtzeitig bauen solle, sei unklar, deren Versorgung mit Gas nicht gesichert. Ohnehin sei es absurd, den Bürgern die Gasheizung zu verbieten und zugleich mehr Gas zur Stromerzeugung einzusetzen. Er forderte, Fracking zur Gasförderung in Deutschland zu erlauben – schließlich importiere Deutschland auch Fracking-Gas aus den USA, wobei dort die Vorräte in den für den Export nach Deutschland genutzten Feldern bald zur Neige gingen.
Dem Klima bringe die aktuelle Politik ohnehin wenig. Berechne man den CO2 -Ausstoß nicht pro Kopf, sondern pro 1000 Dollar Bruttoinlandsprodukt, sei Deutschland eine der klimafreundlichsten Volkswirtschaften der Welt und habe seit 1990 „Enormes geleistet“, um die Emissionen zu reduzieren. Verlagerungen nach China hätten hingegen einen schädlichen Effekt: „Wegen des Strommixes dort wird für ein Produkt dort dreimal so viel CO2 emittiert wie bei uns.“
Grüne Kohlekraftwerke?
Vahrenholt forderte eine Rückkehr zur Atomenergie als „ideale Ergänzung zu den Erneuerbaren“ und „grüne Kohlekraftwerke“. Das dort abgeschiedene CO2 müsse mithilfe der CCS-Technologie aufgefangen und im Boden verpresst werden, damit es keinen Klimaschaden anrichten könne. Dass diese Technologie in Deutschland verboten sei, habe der heutige Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) in seiner Zeit in Schleswig-Holstein mit ausgelöst.
Was er nicht sagte: Habeck ist inzwischen umgeschwenkt und hat angekündigt, in diesem Jahr ein Gesetz auf den Weg zu bringen, das CCS in Deutschland doch ermöglicht. Das wäre, auch im Sinne des Weltklimarates, der sich ebenfalls für die unterirdische CO2 -Speicherung als Instrument gegen den Klimawandel ausspricht, wie Vahrenholt zurecht anmerkte.
Zum Thema Wasserstoff sagte Vahrenholt, dies sei an sich eine gute Technik, aber zu teuer. Werde aus Strom zunächst Wasserstoff gewonnen und daraus später wieder Strom, blieben 25 Prozent der ursprünglichen Energie übrig. Wichtig seien Erforschung und Aufbau weiterer Speichertechnologien, vor allem aber ein Ausbau der Stromnetze vor einem massiven Ausbau der erneuerbaren Energien.
Relativierung des Klimawandels
Ein zentraler Kritikpunkt an Vahrenholt ist, dass er den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel als deutlich schwächer bezeichnet, als die überwältigende Mehrheit der damit befassten Wissenschaftler dies tut. Dass er den Klimawandel leugne, wies Vahrenholt scharf zurück: „Solche Unterstellungen verbitte ich mir.“
Tatsächlich erklärte er, der durch den Menschen verursachte CO2 -Ausstoß leiste einen erheblichen Beitrag zum Klimawandel – aber eben nicht den einzigen. Als zweiten wesentlichen Faktor führte er die sogenannte Atlantische Multidekaden-Oszillation (AMO) ins Feld. Ein Phänomen, wonach die Oberflächentemperatur des Nordatlantiks alle 50 bis 70 Jahre erwärmt und wieder abkühlt. Dies habe erheblichen Einfluss auf den Klimawandel. Derzeit herrsche eine warme Phase, bald folge aber wieder eine kalte.
Theorie weitgehend widerlegt
Was Vahrenholt nicht sagte: Die AMO-Theorie gilt in der Wissenschaft inzwischen weitgehend als widerlegt. Nicht zuletzt durch ihren Namensgeber, den US-Klimaforscher Michael Mann. Er erklärte nach langjährigen weiteren Studien zu dem Thema, er gehe heute davon aus, dass die Temperatur-Schwankungen durch Vulkanausbrüche und die durch die Asche reduzierte Sonneneinstrahlung ausgelöst worden seien, nicht aber durch natürliche Abläufe im Ozean. Auffällig auch: 2012 hatte Vahrenholt in seinem Beststeller „Die kalte Sonne“ vor allem wechselnder Sonnenaktivität einen großen Einfluss auf das Klima zugeschrieben – ein Aspekt, den er am Dienstag mit keinem Wort mehr erwähnte.
Und auch weitere Aussagen Vahrenholts weckten Zweifel. So erklärte er, die globalen Temperaturen würden seit 2017 wieder sinken, „das erzählt Ihnen nur keiner“. Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) kommt indes zu anderen Ergebnissen. Zwar sei 2016 das bisher heißeste Jahr gewesen, 2022 sei es aber wärmer gewesen als 2018 und 2021. Zudem erwartet die WMO bald neue Rekordjahre, da derzeit das Wetterphänomen „La Nina“ über dem Pazifik für etwas Kühlung sorge. Was nichts daran ändere, dass die vergangenen acht Jahre auch die acht heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen seien.
Mehr oder weniger CO2?
Dem Weltklimarat und der Politik warf er vor, nur die schlimmstmöglichen Klimaszenarien zu diskutieren, um besonders scharfe Maßnahmen durchsetzen zu können. Der von den Experten befürchtete Temperaturanstieg bis zum Jahr 2100 basiere auf mehr Gigatonnen CO2-Ausstoß, als die im Boden vorhandenen Vorräte an Öl, Gas und Kohle überhaupt freisetzen könnten. Auch dazu gibt es allerdings Schätzungen, die weit über der Zahl Vahrenholts liegen. Er prognostizierte gleichwohl ein baldiges Sinken des CO2-Ausstoßes – um kurz darauf Folien zu zeigen, wonach er in China und Indien in den nächsten Jahrzehnten massiv zunehmen würde.
Wutanfall gegen Unternehmer
Zweifel an vielen Darstellungen Vahrenholts äußerte in der Veranstaltung Floyd Janning, Chef des derzeit massiv wachsenden Hildesheimer Photovoltaik-Unternehmens Sonnentaler, das große Solarparks in ganz Deutschland baut und betreibt. Konkret sprach Janning ein Thema an. Vahrenholt hatte erklärt, Atomstrom koste in der Erzeugung nur 2 Cent pro Kilowattstunde und sei damit bei weitem die günstigste Variante – das Aus der letzten drei Kernkraftwerke mache also den Strommix teurer.
Janning hielt dagegen, Photovoltaik könne inzwischen schon für einen Cent Strom erzeugen, auch würden die Preise für Module anders als von Vahrenholt erklärt seit Monaten sinken. Der 73-Jährige wütete daraufhin an den Unternehmer gerichtet ins Mikrofon: „Sie haben keine Ahnung! Sie wissen gar nicht, worüber Sie reden! Sie haben überhaupt keine Ahnung! Reden Sie nicht so einen Blödsinn!“ Eine Szene, die auch vielen ansonsten sehr angetanen Besuchern aufstieß.
E-Auto gegen die Freiheit
Zum Ende seines Vortrags kam Vahrenholt, nach eigenem Bekunden ein „rechter Sozialdemokrat in der Tradition von Helmut Schmidt und stolz darauf“, auf intelligente Stromzähler und die E-Mobilität zu sprechen – und traf Aussagen, die sich durchaus als Verschwörungstheorien einordnen lassen. Sogenannte Smart Meter könnten auch dazu genutzt werden, Haushalten die Waschmaschine abzustellen, wenn gerade nicht so viel Strom im Netz verfügbar sei.
Wer ein E-Auto fahre, hänge „vom Wohlwollen der Stadtwerke oder vielleicht demnächst des Wahrheitsministeriums“ ab. Er fürchte, der Staat werde seinen Bürgern über das E-Auto „Freizügigkeit zuteilen“ – heißt: Wird der Strom rationiert, kann nicht mehr jeder fahren, wohin er will. „Passen Sie auf, dass wir die Rechte, die unsere Mütter erarbeitet und erstritten haben, behalten“, appellierte Vahrenholt an das Publikum.
Kein Geld für ARD und ZDF?
Er forderte zudem, dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk das Geld zu streichen. Denn dass die Energiepolitik derzeit ganz anders laufe als von ihm gefordert, liege vor allem an „Wohlstandsverwahrlosung und am Niveauverlust in Politik und Medien.“ Letztere würden ihn und seine Bücher totschweigen oder in die rechte Ecke stellen. Doch die Bürger würden ihre Antwort darauf geben und sein aktuelles Buch trotzdem kaufen, wie die Bestsellerliste zeige.
Zu dem Buch sind im Internet durchaus wohlwollende Rezensionen und Interviews auch größerer deutscher Medien zu finden.

