Nettlingen - So voll war die evangelische Nettlinger Marienkirche wohl schon lange nicht mehr. Etwa 250 Einwohnerinnen und Einwohner folgten der Einladung des Ortsrates am Donnerstagabend zur Bürgerinformationsversammlung zum geplanten Mini-Supermarkt Tante Enso. Enso-Geschäftsführer Thorsten Bausch erklärte den Gästen das Prinzip seines Unternehmens und das der neuen Nahversorger auf dem Dorf.
Ortsbürgermeister Thomas Hein (SPD) stand vor Beginn der Veranstaltung am Eingang der Kirche und begrüßte seine Mitbürger. „Es gibt 200 Sitzplätze, ich hoffe, dass die alle besetzt werden“, sagte er. Mehr noch, die Menschen rückten zusammen, einige verfolgten den Vortrag im Stehen. Nach einer Ansprache des Ortsbürgermeisters präsentierte der Chor Colores unter der Leitung von Florian Brandhorst einen selbstkomponierten Song zum Tante Enso-Markt. „Ich freue mich, dass Gemeindebürgermeister René Marienfeldt und Landrat Bernd Lynack unser Vorhaben unterstützen“, sagte Hein. Er habe in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung einen Beitrag über Tante Enso gelesen und anschließend eine Bewerbung abgegeben. Nettlingen wurde aufgenommen, und nun läuft der Prozess, an dessen Ende der Supermarkt in der Kornstraße stehen soll.
Eine solide Grundlage
300 Nettlinger und Nettlingerinnen müssen dafür Anteile in Höhe von jeweils 100 Euro zeichnen. Das ist die Hürde, die die Ortschaft nehmen muss. Thorsten Bausch erklärte, warum das so ist: „Wir wollen sicher sein, dass Sie den Tante Enso-Markt auch brauchen.“ Bausch und sein Geschäftspartner Norbert Hegmann wüssten, dass alle Teilhaber auch Kunden werden. „Und das ist wirtschaftlich eine solide Grundlage“, so Bausch. Denn, das wüssten die Unternehmer ebenfalls, nicht alle Nettlinger werden Kunden. Einige werden weiterhin ihren Discounter aufsuchen, andere auf dem Weg von der Arbeit einkaufen, wieder andere den Laden meiden, weil sie ihn nicht mögen. Werden auch nur 15 Prozent der Nettlinger ihren gesamten Einkauf bei Tante Enso tätigen, rechne sich die Niederlassung.
Gemeinsames Projekt gewünscht
Bausch und Hegmann haben Enso 2016 in Bremen gegründet. Nach Bauschs Angaben haben sie 1,5 Millionen Euro gemeinsam mit einem Meinungsforschungsinstitut investiert, um zu erfahren, wie der Wunsch-Supermarkt auf dem Land aussehen sollte. „Alles basiert auf den Befragungen“, erklärt Bausch. So sei der Wunsch nach einem gemeinsamen Projekt, das die Gemeinschaft stärke, gefragt gewesen. Indem die Einwohner gemeinsam 300 Anteilseigner hervorbringen müssen, sei dafür die Grundlage geschaffen. Ein Imagefilm, den jeder Bewerber zudem drehen muss, ist ein weiterer Baustein. Der Nettlinger Film ist am Donnerstag erstmals öffentlich gezeigt worden. Außerdem bekommen bei Tante Enso auch kleine Hersteller und Manufakturen die Möglichkeit, ihre Waren anzubieten. So kann direkt neben der bekanntesten Nuss-Nougatcreme ein ähnliches Produkt aus der Region stehen.
Bei dem kleinen Supermarkt, der in den Dörfern auf einer Fläche von etwa 250 Quadratmetern eingerichtet wird, bestimmen die Kunden und Kundinnen das Sortiment mit. Sie können sich bestimmte Produkte wünschen. Wenn sie sie auch kaufen, bleiben sie im Angebot. Ladenhüter leistet sich Tante Enso nicht. Über das Online-Angebot My Enso – das Lager ist in Bremen – können die Kunden zudem Waren bestellen, die sie dann jederzeit im Markt abholen können. Die Rechnungen werden über Bankeinzug oder Guthaben auf der Enso-Karte beglichen.
Eine Karte für alle Filialen
Eine Enso-Karte ermöglicht den Einkauf in allen Enso-Filialen in Deutschland. Bisher gibt es 20 Läden, 900 Bewerbungen sollen dem Unternehmen noch vorliegen. „Die Nachfrage ist irre“, sagte Bausch. Mit seinem Konzept will das Unternehmen Ortschaften mit 1000 bis 3000 Einwohnern mit einem Nahversorger ausstatten. Der Markt bietet ein Vollsortiment, die Preise orientieren sich an anderen Supermärkten, allerdings nicht an Discountern. „Ob es denn auch Prospekte mit Sonderangeboten geben wird?“, erkundigte sich eine alte Dame aus dem Publikum. „Nein, die wird es nicht geben“, so Bausch. Lebensmittel, die sich dem Verfallsdatum nähern, würden aber kostengünstiger angeboten. Wie sich der Markt, der 24 Stunden, sieben Tage die Woche geöffnet sei, vor Diebstahl schütze, war eine andere Einwohnerfrage. Es gebe sehr regelmäßig Inventuren, zudem sei das Geschäft videoüberwacht. Ein Übeltäter lasse sich schnell ausmachen. So sei es auch schon geschehen, die Person bekam Hausverbot. Und wann könnte der Markt öffnen? Das hängt davon ab, wann die Nutzungsänderung für die Immobilie in der Kornstraße und der Bauantrag genehmigt werden. Landrat Lynack erklärte in der Marienkirche, dass diese Anträge beim Kreis bevorzugt behandelt würden. „So geht Wirtschaftsförderung in der Region“, sagte der Landrat.

