Hildesheim - Eine Passantin sieht an einem Freitagabend in der Oststadt, wie ein Mann seine Partnerin angreift. Es ist der 31. Mai. Sie eilt zu Hilfe, als die Frau am Boden liegt und ihr Angreifer weiterläuft. Doch dann kehrt er zurück – greift nun beide an. Die Passantin wehrt die Attacken ab und schützt die Frau, bis die Einsatzkräfte kommen. Danach erklärt sie gegenüber der HAZ-Redaktion, dass sie seit Jahren Krav Maga trainiere – eine Selbstverteidigungstechnik aus Israel.
Ist derartige Zivilcourage verbreitet? Die Polizei habe mit ziviler Selbstverteidigung zu wenig Berührungspunkte, um sich zu äußern, sagt ihr Sprecher Jan Makowski. Allerdings raten die Beamten in erster Linie zum Selbstschutz, das heißt: Abstand halten, den Notruf wählen und, wenn möglich, andere Passanten auf die Situation aufmerksam machen. Verfolgt man einen Täter, so soll man auf Sicherheitsabstand achten und sich eine detaillierte Beschreibung des Täters und der Fluchtrichtung einprägen. Was aber, wenn man selbst angegriffen wird – als Frau?
Was beinhaltet Krav Maga?
Julian Kramar ist Krav-Maga-Experte, das Leben des 36-Jährigen dreht sich quasi um die Selbstverteidigungstechnik. Er betreibt ein eigenes Studio am Moritzberg, war mehrfach in Israel für seine Ausbildung. „Das System kannst du benutzen, wenn es knallt“, sagt er – das war die Erkenntnis, die ihn vor 16 Jahren überzeugte. Denn Krav Maga sei kein Kampfsport. Es wird nicht in Gewichtsklassen gegeneinander gekämpft, es geht nicht um kunstvolle Schlagabtausche. „Nur reine Selbstverteidigung“, untermauert er. Und die fange weit vor einer körperlichen Auseinandersetzung an. Sich selbst zu schützen und Hilfe zu suchen, sei wichtig. Und wird man angegriffen, dann sollte man zuerst versuchen, zu fliehen. Der Nahkampf sei der letzte Ausweg.
Krav Maga ist für Kramar das Gesamtpaket – aufmerksam sein, präventiv absichern, Fluchtwege kennen, laut rufen. Das muss, laut ihm, tatsächlich trainiert werden. In seinem Studio bietet er auch Kurse nur für Frauen an. Dort bestünden oft Hemmungen, wenn es darum gehe, die eigene Stimme zu nutzen. Frauen hätten andererseits eine ausgeprägtere Intuition – den inneren Alarm. Den nicht aus Höflichkeit zu ignorieren, sei ebenfalls grundlegend.
„Distanz schaffen, Täter siezen statt duzen und laut werden“
So sieht es auch Manfred Grabinski. Seit 33 Jahren arbeitet er im Justizvollzugsdienst, nebenher bietet er Selbstverteidigungskurse an, unter anderem für Polizisten und Polizistinnen. „Vieles kann man vorher erkennen, wenn man seine Umwelt bewusst wahrnimmt.“ Zudem sei es als Frau besonders wichtig, selbstbewusst durch die Straßen zu gehen. Und wenn einem trotzdem jemand zu nahekommt? „Distanz schaffen, Täter siezen statt duzen und laut werden.“
Vor allem müsse man sich trauen, sich zu wehren, sich also mental darauf einstellen, dass man sich jetzt verteidigt. „Das muss man im Kopf das ein oder andere Mal durchspielen. Und Selbstverteidigungskurse helfen dabei“, erklärt Grabinski. Diese werden zwar oft an gängige Kampfsportarten geknüpft – er ist beispielsweise in Judo und Jiu-Jitsu ausgebildet –, allerdings bilden sie doch ein eigenes Angebot. „Boxen hält fit und vielleicht kann man sich damit wehren, aber im echten Leben trägt niemand Handschuhe.“ Im schlimmsten Fall hätte man dann die Zähne des Angreifers in der Hand. „Auch Tritte zum Kopf, wie bei Taekwondo, sind zwar sportlich sehr aufregend, aber in der Verteidigung unnötig.“ Bei der Auswahl eines Kurses sei es wichtig, die Trainer zu recherchieren, indem man ihre Graduierungen in der jeweiligen Sportart prüft. Vorerfahrungen bräuchte man keine, auch Altersgrenzen gibt es nicht in der Selbstverteidigung.
„Als Frau ist man einfach anders erzogen.“
Seine Schwägerin, Karin Deicke-Grabinski, hat gerade erst ihren Auffrischungskurs bei ihm absolviert. „Als Frau ist man einfach anders erzogen. Man schlägt niemanden“, benennt sie ihre Hemmungen. Sie habe nach dem Kurs ein verändertes Bewusstsein für Gefahren. Den ersten habe sie vor elf Jahren besucht.
Einmal, vor 20 Jahren, zeigte auch sie Zivilcourage. Jemand hatte am helllichten Tag das Fahrrad einer Schülerin vor ihrer Tanzschule gestohlen. Sie verfolgte den Dieb bis zur Schuhstraße, holte ihn an der roten Ampel ein. „Ich habe mich für das Fahrrad verantwortlich gefühlt und war einfach so sauer, dass ich ihn direkt am Kragen gepackt habe. Er flüchtete und ich rief die Polizei“, erzählt sie. Wie es weiterging? „Die haben ihn nicht gefunden. Und mit mir haben sie geschimpft, weil das sehr gefährlich war.“ Sie würde so etwas nun nicht noch einmal machen. „Man weiß ja nicht, ob die Person bewaffnet ist. Das hätte schlimm ausgehen können.“ Auch Manfred Grabinski mahnt zu Besonnenheit, wenn es um Zivilcourage geht – wichtig sei, die Polizei zu rufen, bevor man eingreift.
„Es hilft dabei, die Schockmomente zu verkürzen.“
Der Passantin in der Oststadt, die nicht wegsah, als eine Frau von ihrem Partner angegriffen wurde, haben ihre Fähigkeiten sicher geholfen. Seit ihrer Schulzeit habe sie verschiedene Selbstverteidigungskurse belegt, Judo trainiert, später Krav Maga. Durchgängig sicher fühle sie sich deshalb aber trotzdem nicht. „Vor allem hilft es, die Schockmomente zu verkürzen“, fasst sie ihre Erfahrungen zusammen. „Damit man schneller handeln kann.“


