Derneburg - Man sieht ihn hier sitzen. In kurzen Hosen und hochgezogenen Socken, gebeugt über eine Leinwand, die Sprühflasche in der Hand. Der Künstler Georg Baselitz hat 32 Jahre lang in Derneburg gelebt. Im sogenannten „Neuen Atelier“, einem Gebäude im Garten von Schloss Derneburg, entstanden Arbeiten, die zu den bedeutendsten des Weltstars zählen. Jetzt kehren einige der Werke zu ihrem Geburtsort zurück. Das Museum zeigt ab diesem Wochenende „Baselitz im Atelier“.
Die Besucherinnen und Besucher können in Derneburg viel tiefer in das Werk und Leben des Künstlers eintauchen, als es in jedem anderen Ausstellungsraum möglich wäre. Hier kann man sich vorstellen, wie der Künstler arbeitete, seine international gefeierten Gemälde und überlebensgroßen Skulpturen erschuf. Fotografien von Baselitz helfen dabei, dem Künstler über die Schulter zu schauen, auch wenn Baselitz natürlich nicht mehr selber dort ist.
Atelier im Schlossgarten
Der Künstler ließ das Ateliergebäude in den 1990er Jahren in den Schlossgarten bauen. Es bettet sich in die Kulisse ein, nach hinten raus hatte Baselitz Blick auf die Schlossteiche. Auch im Hauptgebäude gab es zwar große Räume, seine Skulpturen und meterhohen Gemälde ließen sich aber wegen verwinkelter Treppenhäuser nur schwer ins Freie bewegen. Im „Neuen Atelier“ war das anders. Hier brachte der Künstler viele Stunden seiner Zeit in Derneburg zu.
Bis ins Jahr 2006 war das Schloss Baselitz Wohnsitz – dann verkaufte er es an Andy und Christine Hall, die Gründer der Hall Art Foundation. Aus deren Sammlung stammen die Gemälde, die jetzt im Atelier ausgestellt werden – alle gezeigten Werke sind in der „Neuen Galerie“ entstanden.
Einst war das Gebäude ein offener Raum mit großen Dachfenstern, durch die helles Licht auf die Leinwände fielen, die der Künstler am Boden ausgebreitet hatte. Heute stehen Gipswände dort, wo Baselitz einst über seinen Werken kniete. Die Gemälde an den Wänden lassen teilweise ebenso wie die Räumlichkeiten die Arbeit des Künstlers für Besucherinnen und Besucher lebendig werden – im Werk Davos 1954 aus dem Jahr 2000 ist zum Beispiel ein weißer Kreis zu sehen. An den Fleck konnte keine Farbe gelangen, weil Baselitz dort seine Sprühflasche abgestellt hatte.
Künstler in Unterwäsche
Besonders macht die Ausstellung auch, dass viele Bilder in einen Kontext gestellt werden. Teilweise sind Zyklen zu sehen aus Werken, die ähnliche Motive zeigen. Beispielsweise Baselitz und seine Frau Elke. Sie scheinen, für den Künstler typisch, kopfüber in den sechs kreisrunden Gemälden zu schweben. Die großformatigen Doppelporträts basieren auf einem Foto, das den Künstler und seine Frau in Unterwäsche zeigt.
Die Landschaft ist der Vegetation in Derneburg sehr ähnlich
Ein anderer Zyklus mit dem Titel „Spaziergang ohne Stock“ zeigt Baselitz’ Auseinandersetzung mit seiner Kindheit in Sachsen, in der Gemeinde Deutschbaselitz, von der der gebürtige Hans-Georg Kern seinen Künstlernamen ableitete. „Die Landschaft ist der Vegetation in Derneburg sehr ähnlich“, sagt Kunstvermittlerin Laura Stolle beim Rundgang durch die Ausstellung. Vielleicht ließ Baselitz sich also auch von seiner Umgebung inspirieren.
Vorbild Munch
Baselitz hatte lange Zeit das Gefühl, im Exil zu leben
Die Auseinandersetzung mit Kindheit und Jugend ist ein zentrales Motiv in den ausgestellten Werken. Als der zweite Weltkrieg endete, war Baselitz sieben Jahre alt. Er wuchs in der DDR auf, begann dort sein Kunststudium, musste die Uni aber wegen „politischer Unreife“ verlassen – und ging daraufhin nach Westberlin. „Baselitz hatte lange Zeit das Gefühl, im Exil zu leben“, erläutert Stolle.
In den ersten Jahren als Künstler war er durch den sozialistischen Realismus geprägt. Ein Vorbild für seine späteren Werke entdeckte er in einem Bildband in der Bibliothek seines Vaters mit Werken von Edvard Munch. Baselitz fand hier eine Inspiration für das Aufbrechen von Formen. Sein Werk ist darauf angelegt, aus dem Gewohnten herauszutreten, neue Formate und Materialien zu finden. Ölfarbe verdünnte er beispielsweise mit Terpentin, so dass die Ölgemälde teilweise wie Werke in Aquarellfarben wirken.
Baselitz’ Auseinandersetzung mit dem norwegischen Maler ist ein eigener Raum in der Ausstellung gewidmet. Baselitz führte ein Foto weiter, das Edvard Munch in seinem Studio zeigt. Munchs Beine sind auf der Fotografie abgeschnitten, Baselitz setzte die fehlenden Beine in mehreren Gemälden in Szene.
Öffnung an Ostern
Auch für Baselitz-Kenner hält die Ausstellung noch interessante Aspekte parat. Laut Geschäftsführer Alexander Haviland sollen weitere Ausstellungen folgen, die sich Baselitz Werk widmen und beispielsweise auch größere Skulpturen des Künstlers zeigen. Es wird also noch mehr Werke von Baselitz geben, die ihren Heimweg nach Derneburg antreten. Um am Ort ihrer Entstehung den Besucherinnen und Besuchern den Künstler Baselitz näherzubringen, der aus Derneburg heraus zum international gefeierten Star wurde.
Die Ausstellung „Baselitz im Atelier“ im Kunstmuseum Schloss Derneburg ist samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Auch an den Osterfeiertagen ist die Ausstellung von 11 bis 18 Uhr zu sehen. Ab Mai soll es Führungen geben.

